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München: Spektakel im Olympiastadion: Zweimal EM-Gold für Deutschland

München

Spektakel im Olympiastadion: Zweimal EM-Gold für Deutschland

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    Gina Lückenkemper (Deutschland) jubelt nach dem Wettkampf.
    Gina Lückenkemper (Deutschland) jubelt nach dem Wettkampf. Foto: Sören Stache, dpa

    Es war einer dieser magischen Abende, wie sie nur die Leichtathletik erschaffen kann. Natürlich und vor allem wegen der Erfolge deutscher Sportlerinnen und Sportler. Herausragend Niklas Kaul, der den Zehnkampf gewann. Oder Gina Lückenkemper, die in einer Tausendstel-Entscheidung ebenfalls sensationell Gold holte.

    Getragen wurden beide von den zehntausenden Zuschauern im Münchner Olympiastadion. Kaul brüllten sie im abschließenden 1500-Meter-Lauf förmlich ins Ziel. „Ich hoffe, es war für euch schön, wie für uns“, sagte er danach ins Stadionmikrofon. Dieser Abend in München werde einen ganz speziellen Platz in seinem Herzen haben. 2019 hatte Kaul in Doha zwar WM-Gold gewonnen, „emotional ist dieser EM-Titel aber viel mehr wert“, sagte er und erinnerte an seine lange Verletztenmisere. Unter anderem musste Kaul an der Schulter operiert werden. All das war vergessen, als er förmlich über die Ziellinie gebrüllt wurde. „Bei den 1500 sind mir fast die Ohren weg geflogen. Das war einfach der Wahnsinn.“

    Niklas Kaul hat sich in München zum Europameister der Zehnkämpfer gekrönt.
    Niklas Kaul hat sich in München zum Europameister der Zehnkämpfer gekrönt. Foto: Sven Hoppe, dpa

    European Championships hauchen Olympiastadion neues Leben ein

    Das Münchner Olympiastadions war also einmal mehr der würdige Rahmen eines großen Sportabends. In den fünf Jahrzehnten seines Bestehens hat es nichts von der majestätischen Schönheit verloren, die es vor allem dem weltberühmten, weit geschwungenen Dach verdankt. Während die meisten modernen Stadien inzwischen Name-irgendeines-Sponsors-Arena heißen und dem Fußball geweiht sind, hat sich das Olympiastadion seinen Namen und seine Tartanlaufbahn erhalten. Der FC Bayern als ortsansässiger Fußball-Bundesligist ist längst in seinen Hochglanzpalast nach Fröttmaning ausgewandert. Der TSV 1860 München ist erst dorthin mitgegangen, dann finanziell und sportlich abgestürzt und inzwischen in die alte Heimat an die Grünwalder Straße geflüchtet.

    Zurück geblieben ist ein Olympiastadion, das mancher schon als Relikt bezeichnete. Erhalten vor allem wegen des Denkmalschutzes und bisweilen genutzt als Konzertstätte. Doch die Leichtathletik-EM als Herzstück der European Championships haucht ihm dieser Tage neues Leben ein. Schon Stunden vor dem Abendabschnitt tummeln sich am Dienstagnachmittag tausende Menschen im Olympiapark und strömen mit Öffnung der Tore auf die Tribünen.

    Der Reiz der Leichtathletik: Irgendwo passiert immer etwas

    Als es dann endlich losgeht, kocht die Stimmung sofort über, denn mit dem Ulmer Zehnkämpfer Arthur Abele greift gleich einer der Publikumslieblinge zum Speer. Drüben, auf der anderen Seite der Rasenfläche, tragen zeitgleich die Hochspringer ihre Qualifikation aus. Es ist diese Vielfalt der Disziplinen, die den Reiz der Leichtathletik ausmacht. Irgendwo passiert immer etwas. Auf vier riesigen Bildschirmen sind immer wieder die konzentrierten, jubelnden oder enttäuschten Gesichter der Sportler zu sehen. Aus den Boxen dröhnt laute Musik, die grünen Plastiksitzschalen vibrieren im Takt mit. Da röhren erst AC/DC, kurz darauf schmettert Tony Christie schmachtend sein „Is this the way to Amarillo“, Wohl dem Athleten, an dem das alles abprallt, der aus dem ganzen Trubel Energie zieht und die Stimmung aufsaugt.

    Gänsehaut ist an diesem Abend ein treuer Begleiter, vor allem dann, wenn deutsche Sportlerinnen oder Sportler an den Start gehen. Das Publikum auf den (trotz der teils beachtlichen Ticketpreise) sehr gut gefüllten Rängen ist zwar fair und bejubelt alles und jeden, verspürt aber natürlich eine besondere Verbundenheit mit den Landsleuten. Die schlagen sich, derart unterstützt, prächtig. Als Zehnkämpfer Kaul den Speer auf die EM-Rekordweite von 76,05 Metern schleudert und die Hoffnungen auf Gold befeuert, schallt der alte Stadionklassiker „Oh, wie ist das schön“ durchs weite Rund, über das sich langsam ein lauer Sommerabend senkt.

    Das Olympiastadion in München kocht, als Lückenkemper Gold holt

    Still ist es immer nur wenige Sekunden vor den Starts der 100-Meter-Sprinterinnen und Sprinter. Als Gina Lückenkemper nach ihrem Halbfinale in das Stadion-Mikrofon sagt, welch Wahnsinnskulisse das hier doch sei, erntet sie, natürlich, einen Beifallssturm. Es ist Nacht geworden. Flutlicht. Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Das Weitsprungfinale der Männer läuft, das der Grieche Miltiadis Tentoglou gewinnt. Die Diskuswerferinnen werden vorgestellt. Jubel. Fast gleichzeitig laufen die Teilnehmer des Endlaufs über 5000 Meter ein. Höchste Konzentration ist gefragt, wer den Überblick behalten will.

    La Ola schwappt durch die Zuschauermassen und begleitet die 5000-Meter-Läufer. Schnellster ist der Norweger Jakob Ingebrigtsen. Kristin Pudenz und Claudine Vita holen ein paar Meter weiter mit dem Diskus Silber und Bronze hinter der Kroatin Sandra Perkovic. Der italienische Olympiasieger Lamont Marcellist Jacobs ist jetzt auch Europameister über 100 Meter.

    Und Lückenkemper? Läuft um 22.30 Uhr tatsächlich zu Gold. Das Stadion kocht. Hier sitzt schon lange keiner mehr. Unten weint Lückenkemper hemmungslos Tränen der Freude. Welch ein Abend.

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