Nein, mit Mitleid fürs Mobiliar kann Florian Huber jetzt nichts anfangen. Der 1,98-Meter-Hüne rüttelt an den Untergestellen. Lässt sich wuchtig auf die Bankmitte fallen, einmal, zweimal, fünfmal. Kratzt Kerben in die Tischplatte und beobachtet, wie sich der Lack verhält. Nebenan zieht der Greifarm des selbst entworfenen Abriebsimulators einen halb vollen Maßkrug über einen Tisch. 100.000-mal hin, 100.000-mal her. „Danach will ich keine Schleifspur sehen“, sagt Huber, 33. Oben auf dem Fabrikdach verwittern seit Monaten Biertische im Klimatest, der Sonne, dem Regen, dem Eis ausgesetzt. „Das Leben einer Bierbank ist extrem hart“, sagt der bärtige Südtiroler, „wir wollen, dass sie auf alles vorbereitet sind, wenn sie die Fabrik verlassen.“ Jetzt, wenn in München das Oktoberfest stattfindet, steht für die Bänke und Tische der ultimative Belastungstest an.
Die Biergarnitur ist unser Grundmöbel für Geselligkeit und Partys. Ein Garant aus Holz und Eisen für bierselige Stunden, Grillabende, Volksfest-Partystimmung. Bierbank-Assoziationen? Klar doch: Bullenhitze im Sommer. Voll besetzter Biergarten. Kühles Bierglas in der Hand. Zehn, zwölf Leute, erst am Tisch, Glücksgefühle, Glühwürmchen, Gemütlichkeit.
Zingerle produziert in Südtirol jedes Jahr 75.000 Biergarnituren
Florian Huber streicht, nein, er streichelt sanft über die handgeschliffenen Kanten des Biertischs 231.405. Er checkt das Untergestell, prüft das dreifach lackierte Fichtenholz. Sind da Scharten, Löcher, Unebenheiten? Der Produktionsleiter der Zingerle Group schnalzt leise mit der Zunge: passt! Ein Gabelstapler bringt die Palette zum Transportcontainer. Hier im Ort Schabs bei Brixen produziert das Südtiroler Familienunternehmen Zingerle jedes Jahr 75.000 Biergarnituren. Mit ihren 400 Mitarbeitenden ist die Firma Weltmarktführer.
Eigentlich stammt die schlichte Bank-Tisch-Bank-Kombination ja aus Deutschland, um genau zu sein aus Illertissen im heutigen Landkreis Neu-Ulm. Im Mutterland der Gemütlichkeit saßen Menschen natürlich schon immer auf Holzbänken, um zu zechen, zu schwofen und zu schunkeln.
Der Erfinder kommt aus Illertissen, die Firma Ruku
Der Geniestreich fand Ende der 50er-Jahre statt, als Rudolf Kurz, Chef und Namensgeber des Unternehmens Ruku, ein Patent für ein neuartiges Klappmöbelschloss anmeldete. Der Schnapper, der die Tischbeine an der Tischplatte fixiert, war eine große Innovation. Er revolutionierte Biergartenkultur und Festwesen. Die Bänke und Tische waren nun flott auf- und abbaubar, einfach zu transportieren und platzsparend zu stapeln.
Das Unternehmen Ruku hatte sich mehrmals neu erfunden. Der 1852 gegründete Betrieb, damals eine Säge- und Gipsmühle, stellte nach dem Zweiten Weltkrieg auch Garagentore her, später kamen Saunen hinzu. Im Jahr 2009 der Knall: Ruku musste Insolvenz anmelden. Bereiche des Unternehmens überlebten. Tore stellt man in Illertissen noch immer her.
Die Biertischproduktion übernahm Konkurrent Zingerle; die Marke ist nach Rudolf Kurz und dem Erfindungsjahr benannt: RUKU1952.
Inzwischen geht ein großer Teil der Bierbänke ins Ausland, zum Beispiel zu Microbreweries in den USA
Georg Zingerle, 58, ist der Patriarch der Firma. Mit sechs Jahren half er dem Opa beim Lackieren der Bierbänke, mit 18 stieg er ins Geschäft ein. „Die Biertische sind ein einfaches Produkt“, sagt er, „und genau das macht es so schwierig. Sie sind über Jahrzehnte hinweg so optimiert, dass man nur noch wenige Stellschrauben hat, um sie zu verbessern.“ Eine neue Metalllegierung fürs geringere Gewicht zum Beispiel, X-förmig gebogene Tischbeine für den besseren seitlichen Einstieg in engen Bierzeltreihen, neue Lackierverfahren. „Das Grundprodukt ist eigentlich perfekt. 136 Teile. 280 Arbeitsschritte. Fertig!“
Dann rückt Zingerle näher an den Besprechungstisch und sagt fast schon verschwörerisch: „Doch es gibt wichtige Trends. Die Nachfrage nach kleineren Garnituren steigt, für sechs statt zehn Personen. Einsatzbereich in engen Gassen, auf Terrassen und Balkonen. Ansonsten wollen alle Komfort: Wir bieten inzwischen Bänke mit Rückenlehnen an und um zwei Zentimeter breitere Bänke, die sind bequemer. Auch bei den Farben tut sich was, viele Kunden wollen neuerdings Naturholz statt Orange.“
Zwar gehen immer noch 60 Prozent der Produktion nach Deutschland, doch sind die Biergarnituren in den vergangenen Jahren zu einem global interessanten Produkt geworden. Gerade verlässt ein Laster mit mehreren Paletten für Neuseeland den Hof der Firma, andere reisen nach Singapur, Australien oder Südamerika. „In den USA geht das Geschäft durch die Decke“, sagt Georg Zingerles Sohn Stefan, 32, der Verkaufsleiter der Firma. „Wir haben in den letzten vier Jahren jedes Jahr den Umsatz verdoppelt. Unsere Niederlassung in North Carolina hat 2018 mit vier Mitarbeitern angefangen, inzwischen sind es 30.“ Stefan Zingerle sieht unbegrenzte Möglichkeiten: „Die Microbreweries in den USA lieben es, ‚Original German Oktoberfest Beertable Sets‘ aufzustellen.“ Der US-Markt ist lukrativ, statt der in Deutschland üblichen 300 Euro für eine klassische Garnitur zahlen Amerikaner schon mal das Dreifache.
Bis zu 750 Kilo halten die Bänke „locker“ aus
Auf dem Oktoberfest findet alljährlich eine Art Biertisch-Bootcamp statt, ein Härtetest. „Beim Sitzen wirken auf die Bierbänke etwa 500 Kilogramm an statischer Belastung. Fangen die Menschen an, auf der Bank stehend zu hüpfen und die Bänke in Schwingung zu versetzen, kann das schon um einiges mehr an dynamischer Belastung werden. Wir haben da noch einen Sicherheitspuffer eingeplant. Die Bänke halten locker bis zu 750 Kilogramm aus“, sagt Marketingchefin Sonja Zingerle, 31.
5000 bis 6000 Garnituren verkaufen die Zingerles jedes Jahr auf die Wiesn, sie stehen in so gut wie allen der großen Zelte. Übrigens hat sich die Bierzeltgarnitur auf dem Oktoberfest erst seit den 1960er-Jahren durchgesetzt, nachdem die Wirte die ersten Bänke und Tische von Rudolf Kurz‘ Firma dort aufstellten. Davor saßen die Besucher meist an Tischen und Stühlen.