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Kritik: Was sich beim Führerschein bald ändern könnte

Kritik

Was sich beim Führerschein bald ändern könnte

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    Die Kosten fĂĽr den Pkw-FĂĽhrerschein steigen immer weiter. Kostensparende MaĂźnahmen versprechen laut einigen Fahrlehren und -lehrerinnen wenig Erfolg.
    Die Kosten fĂĽr den Pkw-FĂĽhrerschein steigen immer weiter. Kostensparende MaĂźnahmen versprechen laut einigen Fahrlehren und -lehrerinnen wenig Erfolg. Foto: Bernhard Weizenegger

    Rote Rennautositze füllen das Schulungszimmer von Ramona's Fahrschule in Günzburg. Die Inhaberin, Ramona Frischholz, und ihre Frau Jasmina unterrichten hier seit 2019 die theoretischen Inhalte verschiedener Führerscheinklassen. Geht es nach dem Bundesverkehrsministerium, könnte der Schulungsraum vielleicht bald öfter leer bleiben. Das Ministerium plant, bis Ende des Jahres einen neuen Entwurf der Fahrschülerausbildungsordnung vorzulegen. Neue Lehr- und Lernmittel, wie etwa der verstärkte Einsatz von Fahrsimulatoren oder E-Learning-Plattformen, rücken dabei vermehrt in den Fokus. Ein Fehler, wie die Eheleute Frischholz finden. Die Vorschläge stoßen auch bei anderen in der Branche auf harte Kritik. Einige befürchten, dass der Führerschein durch die Neuerung nicht günstiger, sondern noch teurer werden könnte. 

    Beispielsweise könnte durch die Novelle synchrones E-Learning an die Stelle des Präsenzunterrichts in der Fahrschule treten. Wer also seinen Führerschein machen möchte, muss die Theorie vielleicht schon bald nicht mehr in der Gruppe mit anderen Aspiranten büffeln, sondern kann zu Hause bleiben. Der Interessenverband Deutscher Fahrlehrer (IDF) hat in mehreren Schreiben, die unserer Redaktion vorliegen, Forderungen und Bedenken an Verkehrsminister Volker Wissing hinsichtlich der Novellierung gerichtet. IDF-Vorstand Robert Klein sieht die bisherigen Vorschläge des Verkehrsministeriums als unzureichend oder gar fehlgeleitet an. "Als Verband hoffen wir, dass der Fahrerlaubniserwerb für den Endverbraucher erschwinglich bleibt. Dazu muss der Gesetzgeber auf weitere neue Regelungen wie auf Neuanschaffungen und eine Ausweitung der Bürokratie verzichten", erklärt Klein. Die Vorschläge des Ministeriums dagegen drohten die Kosten für den Führerschein weiter in die Höhe zu treiben und die "gegenwärtig hohe Ausbildungsqualität zu untergraben". Die Schreiben blieben nach Kleins Angaben bislang unbeantwortet. 

    BMDV: Nutzung der Lehr- und Lernmittel nicht verpflichtend

    Das Ministerium plant, wie im Koalitionsvertrag verankert, mehr digitale Inhalte des Führerscheinunterrichts zu ermöglichen. Auf Anfrage unserer Redaktion teilt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr mit, dass die Nutzung dieser Lehr- und Lernmittel nicht verpflichtend seien und es klare Rahmenbedingungen für deren Nutzung geben werde. Der IDF-Vorstand äußert jedoch Bedenken, dass die Freiwilligkeit nicht von Dauer sein könnte. 

    Fahrsimulatoren sollen FahrschĂĽlern ein GespĂĽr fĂĽr das Autofahren geben. Durch die groĂźen LED-Monitore hat man fast das GefĂĽhl, in einem echten Auto zu sitzen.
    Fahrsimulatoren sollen FahrschĂĽlern ein GespĂĽr fĂĽr das Autofahren geben. Durch die groĂźen LED-Monitore hat man fast das GefĂĽhl, in einem echten Auto zu sitzen. Foto: Sarah Kolling (Archivbild=

    Außerdem sieht der IDF in einer digitalen Vermittlungsform, also dem Online-Theorieunterricht außerhalb der Fahrschule, eine Gefahr für die Entwicklung der Verkehrssicherheit. "Soziales Verhalten – auch soziales Verkehrsverhalten – entsteht in erster Linie durch Face-to-Face-Interaktion und nicht durch Lernprozesse am PC oder mit dem Smartphone", merkt Klein im Schreiben an das Ministerium an.

    Für Fahrlehrkräfte ist es wichtig, die Schüler kennenzulernen

    Ramona und Jasmina Frischholz zeigen sich von den Vorschlägen aus dem Ministerium ebenso wenig begeistert und betonen die Bedeutung des gemeinsamen und interaktiven Lernens in der Fahrschule. Zudem sei wichtig, dass die Fahrschüler die Personen, die später neben ihnen im Fahrzeug sitzen, kennenlernen. "Man muss zueinanderpassen. Das merkt man oft schon nach ein paar Theoriestunden", erklärt Jasmina Frischholz.

    Die Fahrlehrerinnen Ramona (links) und Jasmina Frischholz setzen auf interaktives Lernen in der Fahrschule.
    Die Fahrlehrerinnen Ramona (links) und Jasmina Frischholz setzen auf interaktives Lernen in der Fahrschule. Foto: Nadine Ballweg

    "Durch die Novelle der Fahrschulausbildung sollen Fahrschulen alle Instrumente erhalten, die sie für eine effektive Fahrschulausbildung benötigen", erklärt eine Sprecherin des Verkehrsministeriums. Die heutige Fahrschülerausbildung basiere großteils auf bildungswissenschaftlichen Konzepten der 1970er- und 1980er-Jahre. So sollen unter anderem die Bestehensquoten bei der theoretischen und praktischen Fahrerlaubnisprüfung verbessert und damit zusätzliche Ausbildungsstunden und Wiederholungsprüfungen vermieden werden. 42 Prozent der Fahrschüler sind laut einer Erhebung des TÜVs im vergangenen Jahr durch die theoretische Prüfung gefallen – ganze zehn Prozentpunkte mehr als noch 2014. Die Durchfallquote in der praktischen Fahrprüfung lag 2023 bei 30 Prozent und damit ebenfalls höher als 2014.

    IDF zweifelt an Sinnhaftigkeit der Theoriefragen

    Die hohen Durchfallquoten könnten laut Klein keinesfalls auf eine mangelnde Ausbildungsqualität zurückgeführt werden. Was die Theorieprüfung anbelangt, sei auffällig, dass der kontinuierliche Anstieg der Nichtbestehensquote exakt mit der Aufnahme von Videosequenzen in die theoretische Prüfung begonnen habe und bis dato weiter anhielte. Dieser Zusammenhang sei in allen Bundesländern deutlich erkennbar. Die Abbildung des realen Verkehrsgeschehens durch Videoclips sei in mehrfacher Hinsicht problematisch. "Einen Videoclip fünfmal anzusehen und die Situation danach erst bewerten zu müssen, ist nicht mit einer realen Verkehrssituation vergleichbar", sagt auch Ramona Frischholz.

    Das Verkehrsministerium erklärt, dass die Prüfungsaufgaben für die theoretische Fahrerlaubnisprüfung in einem umfassenden Entwicklungs- und Freigabeverfahren erstellt werden. Diese beziehen fachliche und rechtliche Expertise aus verschiedenen Bereichen ein und würden kontinuierlich untersucht und gegebenenfalls ausgetauscht.

    Laut IDF sind die Videofragen der theoretischen FĂĽhrerscheinprĂĽfung oftmals irrefĂĽhrend.
    Laut IDF sind die Videofragen der theoretischen FĂĽhrerscheinprĂĽfung oftmals irrefĂĽhrend. Foto: Rolf Vennenbernd, dpa

    Der CDU-Abgeordnete Florian Müller äußerte sich im März zur Modernisierung der Fahrausbildung. Er betont die Notwendigkeit, Fahrschulen zu stärken, damit mehr Fahrschüler die Prüfungen im ersten Anlauf bestehen, kurzfristige Prüftermine verfügbar sind und der Führerschein insgesamt erschwinglicher wird. "Dafür braucht es ein Update der Ausbildung für die veränderten Bedürfnisse und Ansprüche der Fahrschülerinnen und Fahrschüler, etwa durch den Einsatz von Fahrsimulatoren und mehr digitale Einheiten", heißt es weiter.

    Der FĂĽhrerschein der Klasse B kostet bis zu 3500 Euro

    Tatsächlich sind die Kosten für einen Führerschein in den vergangenen Jahren zu einem wachsenden Problem vieler junger Leute geworden. Die Kosten für einen Führerschein der Klasse B belaufen sich laut IDF derzeit auf zwischen 2800 und 3500 Euro. 

    Dass durch die Novellen Kosten gespart werden können, stellen der IDF-Vorstand wie auch die beiden Günzburger Fahrlehrerinnen infrage. Insbesondere gestiegene Leasingraten, die CO2-Steuer, hohe Spritkosten und Verschleißkosten fielen immer mehr ins Gewicht. "Wenn wir etwa den Theorieunterricht online anbieten oder in jede Fahrschule einen Fahrsimulator stellen, wird der Führerschein eher teurer als günstiger", ist die Inhaberin überzeugt. Dass die Ausbildungsqualität so zunimmt, wagt sie auszuschließen.

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