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Kommentar: Zu viele LNG-Terminals? Das Energiesystem der Zukunft ist nur mit einem Puffer denkbar

Kommentar

Zu viele LNG-Terminals? Das Energiesystem der Zukunft ist nur mit einem Puffer denkbar

Michael Kerler
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    Luftaufnahme des ersten Anlegers für die Ankunft von Schiffen mit Flüssigerdgas in Deutschland.
    Luftaufnahme des ersten Anlegers für die Ankunft von Schiffen mit Flüssigerdgas in Deutschland. Foto: Wolfhart Scheer/NPorts, dpa

    Eben noch hatten die Bundesbürger über das "Deutschlandtempo" gestaunt, schon hadern Teile der Bevölkerung damit. Im Dezember hatte die Bundesrepublik in Wilhelmshaven nach einer Rekord-Bauzeit ihr erstes schwimmendes Terminal für Flüssig-Erdgas in Betrieb genommen. Als dauerhafte Lösung sind feste LNG-Terminals geplant. Auf Rügen ist der Unmut groß. Anwohner fürchten um die Natur, den Tourismus, vor allem ein Argument aber kommt häufig: dass Deutschland massive Überkapazitäten aufbaut. Sicher kann über einzelne Standorte diskutiert werden, insbesondere, da auch andere EU-Länder in den LNG-Terminals einen lukrativen Markt entdecken. Kritikerinnen und Kritiker dürfen aber nicht übersehen, dass das Energiesystem der Zukunft Puffer braucht, die Geld kosten, aber Sicherheit geben. 

    Kurzfristig können wir im kommenden Winter froh sein über jedes LNG-Terminal, das an den deutschen Küsten seine Arbeit aufnimmt. Dass Deutschland gut durch diesen Winter gekommen ist, lag auch daran, dass im ersten Halbjahr 2022 noch russisches Erdgas geliefert wurde. Im kommenden Winter wird es fehlen. Wird es sehr kalt, könnte das Gas schon im Januar knapp werden, warnen die Gasspeicher-Betreiber. Reicht das Gas gerade so, dürften die Preise steigen. Die Importterminals helfen deshalb mittelfristig, den Gaspreis unter Kontrolle zu halten. 

    Heute Erdgas, morgen Wasserstoff: LNG-Terminals werden ihre Funktion nicht verlieren

    Auch langfristig werden die LNG-Terminals nicht ihre Funktion verlieren. Fachleute gehen fest davon aus, dass sie für den Import von klimaneutralem Wasserstoff nötig werden, der an die Stelle des Erdgases rückt, um die Industrie am Leben zu erhalten, Lkw zu betreiben oder Gebäude zu heizen. 

    Auch an anderen Stellen braucht das Energiesystem der Zukunft doppelte Böden und Sicherungen. An guten Tagen sind Photovoltaik und Windkraft bereits heute in der Lage, das Land mit grünem Strom zu versorgen. Unter weniger optimalen Bedingungen – schwacher Wind, wenig Sonne – braucht es ein Vielfaches an Windrädern und Solarfeldern für den gleichen Ertrag. Noch schwieriger wird es in der berüchtigten Dunkelflaute.

    Gaskraftwerke sind als Reserve wichtig, auch wenn sie häufig still stehen werden

    Dass in Frankreich derzeit dutzende Atomkraftwerke in Wartung sind, muss Deutschland lehren, sich nicht zu stark auf Stromimporte zu verlassen. Nach dem deutschen AKW-Ausstieg könnte man Kohlekraftwerke als Reserve am Netz lassen oder in Gaskraftwerke investieren, die eines Tages mit grünem Wasserstoff laufen. Die Wasserstoff-Kraftwerke wären das Wunderkind der Energiewende: Schnell zu starten, um Strom-Lücken zu füllen, und klimafreundlich obendrein. 

    Das Problem: Die meiste Zeit – wenn genug Sonnen- und Windstrom da sind – werden die Gaskraftwerke stillstehen. Die Investitionsbereitschaft der Firmen ist deshalb noch gering. Wirtschaftsminister Robert Habeck muss eine Lösung vorlegen, um Investitionen in solche Reserven zu ermutigen. 

    Wird Energie zur Waffe, sind ein Plan B und C unverzichtbar

    Letztlich ist es eine Frage der Sicherheit, das Energiesystem nicht auf Kante zu nähen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat gezeigt, dass es notwendig ist, nicht nur einen Plan A, sondern auch einen Plan B und einen Plan C zu haben. Energie ist zur Waffe geworden, der Sprengstoff-Anschlag auf die Pipelines Nordstream 1 und 2 zeigt, dass jederzeit Infrastruktur sabotiert werden kann. 

    Das Energiesystem der Zukunft braucht Reserven. Es darf nicht auf Kante genäht werden. Wir müssen die Ausgaben für das Vorhalten der LNG-Terminals und Gaskraftwerke wie die Kosten einer Versicherung sehen, die für den Fall der Fälle schützt.

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