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Exklusiv: Top-Ökonom Fratzscher: Wir müssen uns auf eine Rezession einrichten

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Top-Ökonom Fratzscher: Wir müssen uns auf eine Rezession einrichten

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    DIW-Präsident Marcel Fratzscher
glaubt, dass die Inflation in Deutschland nicht dauerhaft um die  8,0 Prozent liegt.
    DIW-Präsident Marcel Fratzscher glaubt, dass die Inflation in Deutschland nicht dauerhaft um die 8,0 Prozent liegt. Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

    Herr Fratzscher, Lars von Lackum, Chef des zweitgrößten privaten deutschen Immobilienkonzerns LEG, sagt, es werde im Winter nicht ausreichen, einen zusätzlichen Pullover anzuziehen. Die Menschen brauchten noch eine warme Wolldecke. Wie gefährlich ist es für die Wirtschaft, den Bürgerinnen und Bürgern derart Angst zu machen?

    Marcel Fratzscher: Ich halte eine solche Art von Panikmache für unverantwortlich. Denn der größte Teil des Schadens, der uns derzeit wirtschaftlich entsteht, ist nicht das Resultat einer Energie-Knappheit, sondern die Folge explodierender Preise. Und dass die Preise derart in die Höhe schnellen, geht auch auf diese Art der Panikmache zurück.

    Also müssten die Verantwortlichen die Panikmache einstellen.

    Fratzscher: Doch leider nehmen das viele Verantwortliche nicht ernst. Wir befinden uns mitten in einem Verteilungskampf.

    Das klingt martialisch.

    Fratzscher: Doch dieser Verteilungskampf ist in vollem Gange. Es ist ein Verteilungskampf um Geld und Energie, vor allem um Gas. Schon fordern manche Unternehmen, dass nicht die Bürgerinnen und Bürger, wie es die gesetzliche Lage vorsieht, ausreichend mit Gas versorgt werden, sondern die Firmen als Arbeitsplatzgaranten. Unternehmen stellen also die gesetzlichen Regelungen infrage. Am Ende nehmen sie es in Kauf, wenn die Menschen einen zusätzlichen Pullover anziehen und sich in eine Decke hüllen, dafür aber weniger heizen. Und auch innerhalb er Bundesregierung ist ein großer Verteilungskampf entstanden.

    Wer kämpft hier gegen wen? Die FDP gegen SPD und Grüne?

    Fratzscher: Diese Spaltung der Bundesregierung macht mir derzeit die größte Sorge, denn sie schadet ihrer Handlungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit. Schon der Tankrabatt war eine Ursünde, auch weil die meisten Menschen mit wenig Einkommen davon überhaupt nicht und vor allem Menschen mit großen, teuren und PS-starken Autos von dem staatlichen Zuschuss profitieren. Jetzt will die FDP prioritär diese Klientel mit einer verbesserten Pendlerpauschale wiederum entlasten.

    Doch von einer großzügigeren Pendlerpauschale profitieren doch auch Menschen, die auf dem Land leben und es nicht so dicke haben.

    Fratzscher: Natürlich gibt es einkommensschwache Menschen auf dem Land, die keine Alternative haben, als mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Mit solchen Beispielen von kleinen Gruppen wird aber immer wieder ein Alibi geschaffen um letztlich eine systematische Umverteilung von unten nach oben, von Arm zu Reich, zu rechtfertigen. Auch für die von der FDP angestrebte Reform der Einkommenssteuer, also die zehn Milliarden Euro teure Abschaffung des Mittelstandsbauchs, gilt dies: 80 Prozent dieser Gelder würden den 30 Prozent der Menschen mit den höchsten Einkommen zugutekommen, die unteren 40 Prozent gehen fast komplett leer aus. Auf jeder Ebene finden Verteilungskämpfe statt, die zulasten der sozial Schwächsten gehen können.

    Fast drängt sich der Eindruck auf, Menschen mit weniger Einkommen sollen den Winter für den Erhalt ihrer Jobs frieren.

    Fratzscher: Nach dem Gesetz müssen die Menschen nicht frieren. Danach muss bei einer solchen Energie-Knappheit erst sichergestellt werden, dass systemrelevante Einrichtungen wie Krankenhäuser versorgt werden. Und dann sollte gewährleistet sein, dass Menschen nicht frieren müssen und kochen können. Erst an dritter Stelle rangieren die Interessen der Unternehmen. Doch ebendiese Solidarität mit den verletzlichsten Menschen stellen manche Unternehmen und auch manche Menschen infrage. Es wäre katastrophal, diese Solidarität in einer Krise aufzukündigen.

    Doch der Immobilien-Manager von Lackum sagt: "Wir haben doch nichts davon, wenn wir es privat alle warm haben, aber niemand mehr zur Arbeit geht, weil die Firmen reihenweise die Produktion einstellen." Die Diskussion um das Thema spitzt sich zu. Brauchen wir hier nicht mal eine klare Ansage von Kanzler Scholz, ein Basta-Wort?

    Fratzscher: Wir brauchen ein Machtwort der Politik und vor allem von Bundeskanzler Scholz. Die Bundesregierung verhält sich in der Diskussion, wer vorrangig mit Energie bedient wird, aber bislang klug. Sie schürt keine Panik und behält einen kühlen Kopf. Dabei hätte ich mir gewünscht, dass die Bundesregierung früher konkrete Energie-Einsparungen beschließt und es nicht nur bei Appellen belässt. Ich hoffe, dass die Bundesregierung aus den Fehlern der ersten Entlastungspakete gelernt hat und bei weiteren Paketen auf eine Umverteilung von unten nach oben wie beim Tankrabatt verzichtet. Beim Tankrabatt wurde alles falsch gemacht, weil die niedrigeren Spritpreise auch noch die Nachfrage befeuern und den Verbrauch erhöht haben. Das ist unökologisch und unsozial.

    Was ist dann sozial?

    Fratzscher: Zielgenaue und ausreichende direkte Transferzahlungen an Menschen mit mittleren und geringen Einkommen sind sozial und ökonomisch das beste Instrument. Es wäre beispielsweise richtig, wenn der Staat den Bürgerinnen und Bürger mit mittleren und geringen Einkommen 100 Euro pro Kopf und Monat auszahlt. Dann kann jeder selbst entscheiden, wofür er das Geld nutzt, also für sein Auto, die Heizungsnachzahlung oder Lebensmittel. Sonst besteht die Gefahr, dass wir mit der unsozialen Inflation die soziale Spaltung erhöhen.

    Dabei verspricht Kanzler Scholz allen: "You'll never walk alone." Keiner werde also allein gelassen. Unterhaken sei das Gebot der Stunde. Legt er die Latte zu hoch?

    Fratzscher: Ich halte es für richtig, dass der Bundeskanzler die Latte der Solidarität hochlegt. Schon im ersten Corona-Jahr war die Solidarität hoch. Menschen schützen Menschen, indem sie zu Hause blieben. Dann bröckelte die Solidarität. Egoismus setzte sich zunehmend durch. Mit seinem Fußball-Zitat "You'll never walk alone" liegt Scholz richtig. Wir müssen wie im ersten Corona-Jahr Solidarität zeigen. Die Risiko-Gruppe ist jetzt eine andere: Sie definiert sich nicht wie in der Pandemie über Alter und Vorerkrankungen, sondern über das Einkommen und die Ersparnisse.

    Und wie viel Geld muss der Staat noch einmal aufbringen, um eine weitere soziale Spaltung zu verhindern?

    Fratzscher: Nach den rund 30 Milliarden Euro der letzten Entlastungspakete muss der Staat in den kommenden Monaten mindestens noch einmal in gleicher Höhe nachlegen. Die Bundesregierung sollte diese Zusatzausgaben durch höhere Staatsschulden, also höhere Steuern in der Zukunft, finanzieren. Diese höheren Steuern müssen vor allem die starken Schultern tragen.

    Und welche Lohnerhöhungen können durch die Krise schon bisher stark belastete Firmen tragen?

    Fratzscher: Hier wird von Unternehmensseite leider der Eindruck erweckt, die Beschäftigten seien mit ihren Interessenvertretungen schuld an der hohen Inflation, weil sie hohe Lohnforderungen stellen.

    Doch zu hohe Lohnabschlüsse können die Inflation weiter anheizen, wenn also eine gefährliche Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt.

    Fratzscher: Ich sehe keine Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale. Hier wird bewusst versucht, die Verantwortung für die Inflation dort abzuladen, wo sie nicht hingehört, nämlich bei den Beschäftigten. Meine größte Sorge ist eher, dass die Löhne zu schwach steigen und die Konsumnachfrage zurückgeht.

    Doch die Gewerkschaften stellen kräftige Lohnforderungen wie etwa 9,5 Prozent mehr für das Lufthansa-Bodenpersonal oder 8,0 Prozent zusätzlich in der Metallindustrie. Das ängstigt Arbeitgeber.

    Fratzscher: Im Metallbereich hat die Gewerkschaft IG Metall bisher im Schnitt rund 60 Prozent rausgeholt, was sie gefordert hat. Das würde jetzt auf einen Abschluss von 4,8 Prozent hinauslaufen.

    Das ist nicht wenig.

    Fratzscher: Doch bei einer Inflation von acht Prozent in diesem und wohl noch mal fünf Prozent im kommenden Jahr – und starken Steigerungen bei der Produktivität – scheinen 4,8 Prozent nicht übertrieben zu sein, zumal viele Aktiengesellschaften ordentliche Gewinne einfahren, die sie an ihre Anteilseigner ausschütten. Dazu passt es nicht, dass die Beschäftigten den Gürtel enger schnallen müssen. Unternehmen müssen sich in der Krise mit der Ausschüttung von Gewinnen zurückhalten.

    Was sollen sie dann mit den Gewinnen machen?

    Fratzscher: Sie sollten die Gewinne vorrangig an ihre Beschäftigten ausschütten, damit diese besser durch die Krise kommen. Das ist gelebte Solidarität. Warum sollen Mineralölkonzerne, die wesentlich höhere Margen erzielen, nicht deutlich höhere Löhne zahlen? Und Wohnungs-Unternehmen erhöhen die Mieten und profitieren von der Teuerung. Inflation ist kein schwarzes Loch, in das Geld reinfließt und verschwindet. Die Inflation hat auch zahlreiche Gewinner, die sich nun stärker an den Kosten dieser Krise beteiligen müssen.

    Bleibt die Inflation ein Dauergast in Deutschland?

    Fratzscher: Wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr Energie- und Nahrungsmittelpreise wie vor dem Krieg erleben. Die wirtschaftliche, ökologische und digitale Transformation erfordert hohe Investitionen und wird die Rohstoffpreise erhöhen. Und gegen dauerhaft höhere Preise helfen nur dauerhaft höhere Löhne. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass die Löhne in den kommenden zehn Jahren ordentlich steigen werden, auch weil Arbeitskräfte immer knapper werden. Die Macht verschiebt sich von den Unternehmen hin zu Beschäftigten. Firmen müssen höhere Löhne zahlen, um gutes Personal zu gewinnen. Dadurch kann sich die Inflation leicht erhöhen.

    Also laufen wir doch auf eine Lohn-Preis-Spirale zu?

    Fratzscher: Nein, eine leicht höhere Inflation ist nicht kritisch.

    Auf welche Inflationsraten steuern wir denn in den nächsten Jahren zu?

    Fratzscher: Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass wir über fünf, sechs Jahre eine Inflation von acht Prozent bekommen. Es ist aber recht wahrscheinlich, dass wir in den nächsten fünf Jahren mit einer Inflation leben müssen, die über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von 2,0 Prozent liegt, vielleicht bei 3,0 oder 3,5 Prozent. Eine Inflation in dieser Höhe ist nicht schädlich für ein Land.

    Wirklich?

    Fratzscher: Zu Bundesbank-Zeiten, auf die viele Deutsche zurecht stolz sind, hatten wir im Durchschnitt über viele Jahrzehnte eine Inflationsrate von im Schnitt über 3,0 Prozent. Inflationsraten in dieser Höhe sind also nicht das Ende der deutschen Wirtschaft. Dadurch verlieren wir per se keinen Wohlstand. Die D-Mark-Zeiten beweisen das. Deshalb bleibe ich hier Optimist. Deutschland kann auf alle Fälle stärker aus dieser Krise herauskommen, als es hineingegangen ist, wenn Zukunftsinvestitionen in die Digitalisierung und Energiewende kräftig angeschoben werden.

    Rutscht Deutschland dennoch zunächst in eine Rezession ab?

    Fratzscher:Ich befürchte, dass wir um den Jahreswechsel in eine Rezession rutschen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Alles deutet auf eine deutliche wirtschaftliche Abschwächung hin. Es stellt sich also nicht die Frage, ob wir eine Rezession bekommen oder nicht, sondern wie scharf die Rezession wird.

    Wie scharf wird sie denn?

    Fratzscher: Wenn die Energiepreise weiter ansteigen und kein russisches Gas mehr fließt, dann müssen wir mit einer tiefen und länger anhaltenden Rezession für das gesamte Jahr 2023 rechnen. Sollen wir ohne zu große Energie-Knappheit durch den Winter kommen, könnte es bei einer milden Rezession über zwei Quartalen bleiben. Dann würde sich die Wirtschaft wieder ab dem Frühjahr 2023 erholen. Wie auch immer: Wir müssen uns auf eine Rezession einrichten.

    Marcel Fratzscher, 51, ist als Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) einer der bekanntesten deutschen Ökonomen. Er wirkt als Autor, Wissenschaftler und Kolumnist. Zuletzt ist sein Buch "Geld oder Leben – Wie unser irrationales Verhältnis zum Geld unsere Gesellschaft spaltet" erschienen.

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