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Zwei Siege, kein Gegentor, aber keine Liebe: Warum Thomas Tuchels Start als englischer Nationaltrainer verhalten ausfällt

Fußball

Thomas Tuchel und England: Es ist noch keine Liebe

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    Zwei Spiele, zwei Siege, kein Gegentor. Trotzdem erntete Thomas Tuchel für seinen Start mit Englands Nationalteam Kritik.
    Zwei Spiele, zwei Siege, kein Gegentor. Trotzdem erntete Thomas Tuchel für seinen Start mit Englands Nationalteam Kritik. Foto: Catherine Ivill, Witters

    Wie die ersten beiden Spiele als englischer Nationaltrainer für Thomas Tuchel waren? Erst einmal eine „unglaubliche Erfahrung“, für die er sich bei seiner Mannschaft bereits bedankt habe, sagte der 51-Jährige selbst nach Abpfiff des 3:0 gegen Lettland in den Katakomben des Londoner Wembley Stadions. Die komplette Organisation: perfekt. Es seien Tage voller „Qualität, aber auch Spaß, guter Energie, Humor und Lachen“ gewesen, so Tuchel. Tatsächlich gaben die Ergebnisse der beiden Heim-Partien gegen Albanien (2:0) und Lettland wenig Grund zur Mäkelei. Dass der Job als Nationaltrainer von Englands Fußball-Elite kein leichter ist – vor allem, wenn man ihn als Deutscher ausübt – bekam Tuchel in Form des Presse-Echos gespiegelt.

    Die Sun kommentierte noch verhalten: „Es war nicht gerade der Nervenkitzel, den uns Thomas Tuchel versprochen hatte.“ Der Daily Star schrieb von „schlafenden Löwen“, während die Daily Mail am härtesten mit Tuchels Team ins Gericht ging: „England war langweilig und aufgescheucht - wenig hat sich seit dem Abschied von Gareth Southgate verändert.“ Vieles spricht dafür, dass die Daily Mail nicht viel Wert auf eine vorurteilsfreie Beobachtung der Arbeit Tuchels legt. Schon bei der Inthronisierung des Deutschen hatte das Blatt getitelt, dass dies „ein schwarzer Tag für den englischen Fußball“ sei. Der Einstand des neuen Trainers sei ernüchternd gewesen: „Tuchel sollte wie ein Wirbelwind einspringen. Bisher wirkte er eher wie eine leichte Brise.“

    Mit Tuchel sollen die sechzig Jahre Wartezeit auf den WM-Titel zu Ende gehen

    Doch auch Tuchel selbst hatte die Latte nochmals höher gelegt, als es ohnehin schon der Fall ist im Mutterland des Fußballs. Für England sollen nächstes Jahr bei der WM die „sixty years of hurt“, die 60 Jahre voller Schmerzen ohne einen Titel, ein Ende finden. An der Arbeit seines Vorgängers Gareth Southgate fand Tuchel, als er darauf angesprochen wurde, kein gutes Wort. Bei der EM habe England vieles vermissen lassen, zuvorderst den Mut. Aber auch sonst habe den Spielern so einiges gefehlt, nämlich „die Identität, die Klarheit, den Rhythmus, die Wiederholung von Mustern, die individuelle Freiheit, ihr Selbstausdruck, ihr Hunger“. Also eigentlich alles.

    Inhaltlich ist daran nichts auszusetzen. Dass die englische Mannschaft, die gespickt ist mit Weltklassespielern, bei der EM erschreckend blutleer aufgetreten ist und mehr mit Glück sowie mit selten aufblitzenden individuellen Finessen ins Finale kam - dafür wurde auch auf der Insel Amtsvorgänger Southgate heftig kritisiert. Dass man als Neu-Trainer derart heftig mit dem Vorgänger abrechnet, ist aber ungewöhnlich – erst recht in einem Land, in dem selbst die heftigsten royalen Exzesse vom Buckingham Palast aus stets mit einem „not amused“ kommentiert wurden und in dem ein gelächeltes „I‘d rather not“ als denkbar stärkste Ablehnung gilt.

    Es passt aber eben zu Tuchel, der sich auf all seinen Stationen wenig um diplomatische Kleiderordnungen scherte. Das ist je nach Sichtweise authentisch und direkt – oder eben ein No-Go. Einer, der die letztgenannte Sichtweise vertritt, heißt Lothar Matthäus und nahm bei RTL dazu Bezug. Die Kritik Tuchels an Southgate „gehört sich nicht“, so der Rekordnationalspieler. „Da kriegt ein Trainer normalerweise die Rote Karte.“ Tuchel solle „zeigen, dass sein Weg besser ist als der seines Vorgängers“. Von Lothar Matthaus geraten zu bekommen, weniger zu reden – im Fußball gibt es wirklich nichts, was es nicht gibt.

    Harry Kane (Mitte) ist mit dem neuen England-Coach Thomas Tuchel sehr zufrieden
    Harry Kane (Mitte) ist mit dem neuen England-Coach Thomas Tuchel sehr zufrieden Foto: Mike Egerton/PA Wire, dpa

    Harry Kane adelt Tuchel: „Es hat von Anfang an gepasst“

    Tatsächlich mögen die beiden Siege der Three Lions nicht dafür taugen, die britische Bevölkerung in Ekstase zu versetzen. Positive Tendenzen sind aber eindeutig zu erkennen. So ging das erste Tor der Tuchel-Ära auf das Konto des Debütanten Myles Lewis-Skelly vom FC Arsenal. Tuchel schenkte dem 18-Jährigen das Vertrauen – und der lieferte. Die Führung gegen Lettland besorgte Reece James mit einem traumhaften Freistoß. Tuchel hatte den Chelsea-Kapitän, der letztmals im September 2022 gegen Deutschland im Kader stand, wieder berufen – und auch der zahlte das Vertrauen zurück. Tuchel, der schon in Chelsea mit James gearbeitet hatte, lobte den 25-Jährigen: „Ich weiß, was er kann. Es ist wichtig, Spieler wie Reece auf dem Platz zu haben.“

    Und dann gibt es noch den wohl größten Fürsprecher im englischen Team, der praktischerweise mit zwei Toren in den beiden Spielen auch auf dem Platz einer der wichtigsten Faktoren war: Kapitän Harry Kane. Der Bayern-Profi lobte seinen alten und neuen Trainer, der auch ein Grund gewesen sei, vor eineinhalb Jahren zum FC Bayern zu wechseln. „Thomas Tuchel ist fantastisch, es hat von Anfang an gepasst.“ Der Deutsche könne „das fehlende Puzzleteil sein“, um Großes zu erreichen. Eines ist aber nach den ersten Spielen schon klar: Siege allein werden Tuchel nicht reichen, um die Herzen der Engländer zu gewinnen.

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