Tore von Leon Goretzka im Nationaltrikot kamen zuletzt nicht sonderlich häufig vor. Das hängt natürlich damit zusammen, dass auch Einsätze des 30-Jährigen im DFB-Shirt zuletzt recht selten waren. 16 Monate war der Mittelfeldspieler außen vor, ehe Bundestrainer Julian Nagelsmann ihn nun wieder für die Spiele gegen Italien nominiert hatte. Zugleich scheint Goretzka bei seinen Toren ein ausgezeichnetes Gespür für Timing zu haben. Sein letzter Treffer für Deutschland ist dreieinhalb Jahre her und war an einem warmen Sommerabend in München gefallen.
Damals war es das 2:2 im EM-Gruppenspiel gegen Ungarn gewesen. Ein wichtiger Treffer, der die DFB-Elf bei dem Turnier im Jahr 2021 vor dem Aus in der Vorrunde bewahrt hatte – und einer, der auch abseits des Platzes Wellen schlug. Goretzka hatte seinen Treffer damals damit gefeiert, dass er mit seinen Händen ein Herz formte und es in Richtung des „Schwarzen Blocks“ im ungarischen Block zeigte. Die rigide Politik des ungarischen Staatschefs Viktor Orban hatte damals für Aufregung gesorgt: Ein neu erlassenes Gesetz hatte die Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität eingeschränkt. Die Stadt München hatte die Arena in Regenbogenfarben erleuchten lassen wollen, was ihr die Uefa verboten hatte.
Unter Thomas Tuchel begann der Abstieg von Leon Goretzka
Die ungarischen Fans in schwarzen Kutten tobten daraufhin, viele andere feierten den Kicker dafür. Die Welt ist seither nochmals komplizierter geworden – und auch aus sportlicher Sicht ging es für Goretzka drunter und drüber. Aus der Galionsfigur der Bayern und der Nationalmannschaft wurde ein Aussortierter. Der frühere Bayern-Trainer Thomas Tuchel hatte aus seiner Unzufriedenheit mit Goretzka keinen Hehl gemacht und vehement einen rein defensiv orientierten Mittelfeldspieler gefordert – die viel zitierte „Holding Six“. Die kam während der Amtszeit Tuchels ebenso wenig wie ein Abnehmer für Goretzka. Dessen Standing war aber beschädigt: Im November 2023 machte er bei den Niederlagen gegen die Türkei und Österreich seine letzten Länderspiele. Bei der EM im Sommer 2024 war Goretzka außen vor, beim Gespräch mit Bundestrainer Nagelsmann soll es laut geworden sein. Bei den Bayern galt er als Verkaufskandidat.
Goretzka nahm die Rolle an, kämpfte um seine Chance – und nutzte sie. Im November stand der 30-Jährige erstmals wieder in der Bayern-Startelf – und schreibt seither Stück für Stück an seinem Comeback-Märchen. Bei den Bayern ist er wieder unangefochtener Stammspieler – und seit Donnerstag darf sich Leon Goretzka wieder Nationalspieler nennen. Aber eben nicht nur das. Mit dem Tor zum 2:1 avancierte er zum Mann des Abends. Eine Ecke seines Bayern-Kumpels Joshua Kimmich, der ebenfalls eine schwere vergangene Saison hinter sich hat, köpfte er ins italienische Tor und krönte damit seine starke Leistung. Leon, der Comebacker. Leon, der Profi. Leon, der Matchwinner.
Nagelsmann lobt Goretza: „Hat das Spiel in beiden Richtungen beeinflusst“
Auch Bundestrainer Nagelsmann bescheinigte seiner Nummer 8 „eine Top-Leistung“, über die er sich freue: „Er hat ein großartiges Spiel gezeigt, besonders in der zweiten Halbzeit – sowohl defensiv als auch durch seine Präsenz im Strafraum. Er hat das Spiel in beiden Richtungen beeinflusst.“ Der Aussortierte, der das entscheidende Tor schoss, sei für ihn „der MVP des Spiels“ (Bester Spiele des Spiels) gewesen. Goretzka selbst betonte, wie besonders die Partie in Mailand auch für ihn war: „Es war sehr, sehr schön. Bei der Nationalhymne hat es mich mehr gepackt, als ich gedacht habe. Es ist schon eine schöne Geschichte.“
Eine Geschichte, die am Sonntagabend in Dortmund ihr nächstes Kapitel finden soll. Beim Rückspiel (Beginn 20.45 Uhr/RTL) will die DFB-Elf den Einzug ins Halbfinale der Nations League perfekt machen. Gelingt das, wird das „Final Four“-Turnier der letzten vier Teams im Juni in München und Stuttgart stattfinden. Gewissermaßen steht damit ein Jahr nach der Heim-EM in Deutschland, die Goretzka verpasst hat, eine Mini-Heim-EM an.
Danach geht es mit den Bayern zur Klub-WM in die USA. Dass der Stachel, das Turnier im eigenen Land verpasst zu haben, immer noch tief sitzt – daraus hat der Münchner nie einen Hehl gemacht. Nun könnte zumindest eine teilweise erfolgte Kompensation erfolgen – und dieses Mal könnte Goretzka statt der Zuschauer-Rolle wieder die einer Säule des DFB-Teams innehaben. Dass dieser Kicker, der mehr sein will als nur ein Fußballer, nicht für die zweite Reihe gemacht sei, hatte Nagelsmann in der ARD gesagt: „Es gibt Menschen, die sind besser geeignet für die erste Reihe – und es gibt Menschen, die sind besser geeignet für die zweite Reihe.“ Ein Gespür für die entscheidenden Momente hat dieser Leon Goretzka ja ohnehin schon immer gehabt.
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