Mancher ist schon unter der Favoritenbürde zusammengebrochen. Marco Odermatt nicht. Der Schweizer dominierte das Super-G-Rennen der Ski-Weltmeisterschaft in Saalbach-Hinterglemm. Mit genau einer Sekunde Vorsprung gewann er am Freitag Gold vor Raphael Haaser aus Österreich und dem Norweger Adrian Smiseth Sejersted. Druck habe er nicht gespürt, plauderte ein entspannter Odermatt danach in die Mikrofone. „Ich bin extrem locker. Das merke ich, das merken die anderen. Ich habe schon so viel erreichen dürfen. Ich wollte es heute einfach genießen und Freude haben.“ Ab dem dritten Tor habe er gewusst, dass sein Material an diesem Tag zu 100 Prozent das mitmache, was er wolle. „Dann geht alles einfach, man kann ans Limit gehen, riskieren und fühlt sich nicht am Limit.“
Luis Vogt sorgt für einen Schreckmoment im Zielbereich
Die drei deutschen Starter bildeten auf dem vergleichsweise einfachen Kurs einen Gegenentwurf zu dieser beeindruckenden Leichtigkeit. Schnellster aus dem DSV-Trio war Simon Jocher auf Platz 17. Teamkollege Romed Baumann sortierte sich als 22. ein. WM-Debütant Luis Vogt sorgte dann für einen Schreckmoment, als er beim Zielsprung spektakulär stürzte und ausschied. Immerhin: Der 22-Jährige ging, wenn auch auf wackligen Beinen, selbst aus dem Zielbereich. Vogt wurde sofort zur Untersuchung ins Teamhotel gebracht, kam aber offenbar mit Prellungen davon. Offen war am Freitag, ob er die Abfahrt fahren kann.
Die steht am Wochenende sowohl bei Frauen (Samstag, 11.30 Uhr), als auch Männern (Sonntag, 11.30 Uhr) an. Rund um die Königsdisziplin des alpinen Skirennsports gruppieren sich traditionell die anderen Wettbewerbe. Den schnellen Disziplinen folgen in der zweiten Woche die technischen. Die beiden Slaloms bilden am letzten WM-Wochenende den Abschluss. Aus deutscher Sicht könnte die zweite WM-Woche die erfolgreichere werden. Linus Straßer und Lena Dürr gehören im Slalom zu den wenigen Medaillenkandidaten, die der DSV derzeit hat. Im Speed-Bereich ist dagegen alles, was auch nur in die Nähe des Podests reicht, eine positive Überraschung. Der sechste Platz von Emma Aicher im Super-G am Donnerstag gehört in diese Kategorie. Ihr ist auch in der Abfahrt am meisten zuzutrauen. Im Training am Freitagmorgen zeigte die 21-Jährige, dass ihr der Kurs in Saalbach-Hinterglemm liegt. „Ich muss einfach nur normal Skifahren, dann passt das ganz gut“, sagte sie. „In den Trainings hat das schon geklappt. Ich werde versuchen, das Gleiche nochmal zu machen und dann sehen wir, was passiert.“ Die zweite deutsche Starterin Kira Weidle-Winkelmann sucht dagegen noch ihre Topform.
Deutsche Speed-Männer haben bestenfalls Außenseiterchancen
Das deutsche Speed-Team der Männer ist nach diversen Rücktritten und Verletzungen im Umbruch. Mit den Medaillen dürften Baumann, Jocher und Vogt (falls er fährt) auch in der Abfahrt nichts zu tun haben. Dennoch hatte DSV-Alpinchef Wolfgang Maier im unmittelbaren Vorfeld der WM dreimal Edelmetall als Ziel ausgegeben: „Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren und bei einem der übergreifenden Team-Events wollen wir eine Medaille holen“, sagte er, fügte dann aber in seiner unverblümten Art hinzu: „Auch wenn es gerade so aussieht, als ob wir nach den Sternen greifen wollen.“
Hoffen auf den „Lucky Punch“
Selbst die bei Weltmeisterschaften oft zitierte Formel, dass dort Stars geboren und Märchen wahr werden (siehe den überraschenden Sieg der Österreicherin Stephanie Venier im Super-G) lässt Maier nur eingeschränkt gelten. Auf diesen „Lucky Punch“ - eine Begrifflichkeit aus dem Boxen, die einen Glückstreffer bezeichnet, der auch dem eigentlich unterlegenen Kämpfer den Sieg bescheren kann - hofften neben Deutschland auch viele andere Nationen. „Solange ich dabei bin, kann ich mich aber nicht erinnern, dass jemand von uns komplett aus dem Nichts etwas gewonnen hätte.“ Parallelen zur überraschend erfolgreichen WM 2021 in Cortina d’Ampezzo, als speziell die deutsche Speed-Abteilung mit dreimal Silber überzeugte, sieht Maier also eher nicht. Damals habe er ein besseres Gefühl gehabt.
Favoriten sind andere, bei den Männern allen voran der Schweizer Superstar Odermatt. Die Österreicher um Vincent Kriechmayr wittern ebenfalls Morgenluft nach Veniers Sieg. Angesichts eines durchwachsenen Weltcups war die Angst vor einer goldlosen Heim-WM groß in der skiverrückten Alpenrepublik. Von einem Befreiungsschlag für das gesamte ÖSV-Team war am Freitag die Rede, die allgemeine Verkrampfung habe sich gelöst. Odermatt dürfte das egal sein. Er hat bewiesen, dass er momentan in seiner eigenen Liga fährt.
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