Es ist ein besonderes Datum: Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit. Schätzungen zufolge fanden dort zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen den Tod. Die genaue Zahl ist nicht mehr zu ermitteln. Der überwiegende Teil der Opfer waren Juden - Frauen, Männer und Kinder. „Bei der Befreiung fanden die russischen Truppen neben den wenigen Überlebenden rund 840.000 Herrenanzüge, 830.000 Damenkleider und 7,5 Tonnen menschliches Haar“, berichtete der Bobinger Kulturpreisträger Reinhold Lenski.
Erinnerungen an den KZ-überlebenden Friedrich Schafranek
Während eines sogenannten „Histörchens“ erinnerten Lenski und Kulturamtsleiterin Sandra Hartl an den 2013 verstorbenen Wahl-Bobinger Friedrich Schafranek. Der in Wien geborenen Schafranek kam durch die Tätigkeit seines Vaters als Diplomat nach Frankfurt am Main. Wegen ihrer jüdischen Abstammung wurde die Familie 1941 deportiert. Schafraneks Bruder starb später im Ghetto in Lodz an Unterernährung. Sein Vater wurde von KZ-Wärtern erschlagen, seine Mutter starb in den Gaskammern der Nazis. Schafranek selbst wurde nach Dachau und später nach Kaufering gebracht und leistete dort Zwangsarbeit. Als einziger Überlebender der Frankfurter Juden kam er 1986 nach Bobingen und als Pfarrer betreute er mehrere Gemeinden im Landkreis Augsburg.
Rund 35 Zuhörerinnen und Zuhörer waren gekommen, um die Lesung aus den Zeitzeugeninterviews mit Friedrich Schafranek zu verfolgen. Zuvor hatten Mitglieder des Vereins „Bobingen ist bunt“ im Foyer des Unteren Schlösschens mit einer stillen Demonstration den Opfern des Holocausts gedacht und gleichzeitig gemahnt, dass „nie wieder“ jetzt sei. Speziell die Diskussionen über Remigration seien in den Augen der Mitglieder des Vereins erschreckend.
Eine Zeitzeugin erinnert sich an Flucht und Vertreibung
Ein besonders emotional behafteter Tag war es für Hertha Blauert, die Gast beim „Histörchen“ war. Die 82-Jährige ist in der Nähe von Auschwitz geboren. Kurz bevor die Rote Armee ihren Heimatort erreichte, konnte die Familie damals fliehen. Als Zweijährige erlebte sie Flucht und Vertreibung. Vor allem durch die Erzählungen ihrer Eltern, die damals eine eigene Firma hatten, wisse sie viel über diese schlimme Zeit. Die Familie hatte eigentlich den Befehl, sich nach erfolgreicher Flucht in Dresden einzufinden.. Da der Vater aber erst später als der Rest der Familie ausreisen durfte, konnten sie der Anweisung der Behörden, sich am 13. Februar 1945 in Dresden zu melden, nicht nachkommen. Der 13. Februar war der Tag des schweren Bombenangriffs auf die Stadt. Der Verzögerung sei es zu verdanken, dass die Familie an jenem schicksalhaften Tag nicht dort gewesen sei. Flucht und Vertreibung sei in ihrer Familie sehr präsent gewesen. Ihr Vater habe in seiner Firma 40 Angestellte beschäftigt. Daher wisse sie von vielen Schicksalen.
Besonders schwer für die Familie sei es dann in späteren Jahren gewesen, Bilder aus ihrer früheren Heimat zu sehen. „Unsere Häuser standen noch alle. Wir waren immer wieder dort und haben sie angesehen. Aber das ist Geschichte“, sagte Blauert. Als Mitglied einer Familie, die selber flüchten und ihr gesamtes Hab und Gut zurücklassen musste, mache sie sich große Sorgen, wenn sie auf die Entwicklung in Deutschland und Europa blicke. Den Begriff „Remigration“ zu hören, mache ihr Angst. Und speziell an so einem Gedenktag, an dem der Opfer des Nationalsozialismus gedacht werde, sei das sehr erdrückend. Solche Gedenkfeiern, wie an diesem 27. Januar, seien für sie aufwühlend, sagte Blauert.
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