„Makerspace“ also. Früher, als in Kriegen noch mit Doppelkartaunen geschossen wurde, nannte man so etwas Werkstatt. Der Ort jedenfalls ist sehr passend. Denn der Kavalier Dalwigk war früher ein alter Festungsbau. Und hier unten im Gewölbe, zwischen den dicken und hohen Gemäuern, da schwirrt es: Viele Leute umeinander, aber weiter hinten propellert es auch tatsächlich. In einer Ecke, hinter einem Schutznetz: kleine unbemannte Flugobjekte. Die DroneMasters Academy hat dort einen Stand aufgebaut. Ganz simpel gesagt, kann man da alles über den Umgang mit Drohnen lernen. Wer will, darf die Dinger durch einen Parcours brummen lassen. Einfach, um mal ein Gefühl dafür zu bekommen. Der ein oder andere in Militäruniform schaut auch vorbei.
Anfang Februar. Eine Woche bevor die 61. Münchner Sicherheitskonferenz beginnt, gibt es in der inzwischen kernsanierten vormaligen Ingolstädter Verteidigungsanlage, im brigkAIR, das zum Digitalen Gründerzentrum der Region Ingolstadt gehört, einen sogenannten Pitch-Day. Hier kümmern sich junge Unternehmen um Innovationen der dreidimensionalen Mobilität. Eingeladen hat auch der Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Es treffen rund 70 Vertreter von Verteidigungsindustrie, Bundeswehr und Politik auf die junge Startup-Szene. Es geht um den Austausch über neue Technologien. Es gibt ganz offensichtlich Bedarf.
Wie kann sich Europa ohne die USA verteidigen?
Während Drohnen über den Fronten der Ukraine täglich zu hunderten im Abwehrkampf gegen die Russen im Einsatz sind, fragt man sich im Land der nicht so „kriegstüchtigen“ Bundeswehr einmal mehr, wie es um Waffen und Ausrüstung so bestellt ist. Und zwar umso dringlicher, seit die neue US-Administration direkte Verhandlungen über das Schicksal der Ukraine (also Europas) zwischen Donald Trump und Wladimir Putin angekündigt hat. Seitdem also wahr wird, was alle EU-Staaten längst wissen, niemand aber richtig wahrhaben wollte: Europa wird für seine Verteidigung künftig viel mehr tun und ausgeben müssen. Tausende Male von Politikern gesagt, ist es nun also so weit. Die nächste Zeitenwende ist da. Trump macht Ernst. Neben der verlustreichen Zukunft der Ukraine geht es in München genau darum: Wie kann Europa sich verteidigen - ohne die USA? Russland, die Ukraine und die Nato interessieren Trumps Vize J. D. Vance in seiner Rede auf der Hauptbühne der Sicherheitskonferenz jedenfalls kaum. Er ist eher um die Meinungsfreiheit in Europa besorgt.
Dabei ist schon das Gelingen der ersten Zeitenwende umstritten. Das Aufrüsten der Bundeswehr muss aus Sicht von Experten stark beschleunigt werden. Dazu werden viel mehr Drohnen gehören. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat diese Woche rechtzeitig vor Beginn des wichtigsten sicherheitspolitischen Treffens der Welt einen entsprechenden Aufschlag gemacht: Die Bundeswehr soll künftig bis zu 500.000 Soldaten haben, 800 zusätzliche Kampf- und Schützenpanzer und eine 100.000 Stück starke Drohnen-Armee. Die hier entwickelt und produziert werden soll. Nun ist Söder bekannt dafür, gerne breitbeinig aufgestellt zu sein, aber die Fragen bleiben natürlich: Wie gut kann Deutschland Verteidigung und Angriff mit Drohnen? Wie bereit ist die Bundeswehr? Wo besteht Bedarf?
Wie ist die Bundeswehr mit Drohnen ausgestattet?
Fragt man im Bendlerblock nach, ist der Stand so: Die Bundeswehr verfüge, so teilt ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums mit, über „eine Vielzahl an verschiedensten Drohnen“. Neben größeren Exemplaren gebe es auch „zahlreiche Klein- und Kleinstdrohnen“, die in Luftwaffe, Heer und Marine eingesetzt würden. Wie viele Drohnen es künftig brauche, sei „evaluiert“, sprich analysiert worden. Allerdings will man die genauen Typen und Stückzahlen nicht öffentlich machen. Klar ist für Berlin aber auch: „Eine Beschaffung sehr großer, rein lagernder Bestände auf Vorrat ist unter Berücksichtigung der schnellen Innovationszyklen nicht zielführend. Zu schnell wären die lagernden Systeme veraltet, damit anfällig und nur noch mit geringem Einsatzwert.“ Man betont: „Drohnen stellen eine militärische Schlüsselfähigkeit dar und sind für die Bundeswehr kein neues Mittel, sondern schon seit Jahrzehnten etabliert.“
Alles in Ordnung also? Seit Ende 2023 hat die Bundeswehr eine Drohnen-Taskforce. Auf Nachfrage heißt es auch dort: Die German Heron TP hat Deutschland derzeit als „einzige bewaffnungsfähige Drohne“ im Arsenal.
CSU-Abgeordneter Reinhard Brandl ist skeptisch
Das klingt zumindest eher bedingt abwehrbereit. Und es gibt auch andere Meinungen zur Bundeswehr und den Drohnen. Eine davon hat Reinhard Brandl. Der Ingolstädter CSU-Bundestagsabgeordnete ist seit Jahren schon im Verteidigungsausschuss. Außerdem sitzt er im Gremium „Sondervermögen“, das beratend begleitet, was mit den 100 Milliarden Euro so alles angeschafft wird, die die Ampel nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine für die blank gesparte Bundeswehr zusammengekratzt hat. Brandl kritisiert, dass spätestens seit 2020, also einer der nächsten Volten im Bergkarabachkonflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan, klar war, welche dominante Rolle Drohnen auf einem zukünftigen Gefechtsfeld spielen. Damals schon sei offensichtlich gewesen, dass günstige Drohnen teure Panzer ausschalten können. In der Ukraine habe sich diese Entwicklung rasant weiterentwickelt. „Trotzdem hat die Bundeswehr bisher praktisch keine bewaffnete Drohne im Portfolio. Und wenn man die Summe aller Drohnen der Bundeswehr nimmt, sind wir im Hunderter-Bereich. Das ist das, was in der Ukraine jeden Tag abgeschossen wird.“ Für Brandl bedeutet das: „Einem potenziellen Gegner wären wir auf dieser Domäne wehrlos gegenüber.“ Die Bundeswehr, bemängelt er weiter, „ist heute nicht bereiter für einen Drohnenkonflikt als vor drei Jahren.“ Generell ist sein Fazit: „Die Zeit seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist nicht genutzt worden.“

Ulrike Franke, sieht das nicht so. Nicht ganz zumindest. Die Politikwissenschaftlerin arbeitet für den European Council on Foreign Relations (ECFR) in Paris, eine Denkfabrik, die zur europäischen Außen- und Sicherheitspolitik berät. Sie findet schon, dass sich in Deutschland und Europa „einiges“ verändert hat. „Die Debatte ist anders. Und ich mache das ja jetzt auch schon ein paar Jahre. Wir kommen von einem Diskussionsniveau mit wenig Interesse und wenig Verständnis für Verteidigungsthemen. Das hat sich gedreht. Es reicht noch nicht, aber inzwischen gibt es eine große Offenheit in Politik und Gesellschaft. Und es gibt mehr Expertise.“ Franke hat darüber promoviert, wie Drohnen die Kriegsführung revolutionieren. Sie kann also ausholen, wenn es um die Bewaffnung der Bundeswehr geht, die schon seit den 80er Jahren Drohnen hat. Wenn auch, offenbar, nicht sehr viele. 2020 dann, als Russland zwar schon sechs Jahre ukrainisches Gebiet besetzt hatte, gab es in Deutschland erneut eine lange Debatte darüber, ob die Drohnen der Bundeswehr bewaffnet werden sollten. Man kann darüber streiten, ob unbemannte, mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Flugobjekte, in Kriegen eingesetzt werden sollten. Nur ist es wie so oft in Zeiten der Aufrüstung: Keine oder zu wenig bewaffnete Drohnen zu haben, ist keine Lösung, solange Russland von einem neo-imperialistischen Autokraten beherrscht und Europa mit Krieg überzogen wird. Franke meint, dass diese „unsägliche“ Debatte die Entwicklung in Deutschland „ziemlich“ zurückgeworfen hat. „Bewaffnete Drohnen waren politisch ein so heißes Eisen, das wollte niemand anfassen.“ Heute jedenfalls gilt für sie: „Mit Blick auf die Ukraine müssen wir feststellen: Das ist eine fundamentale Technik, wir müssen mehr tun, vor allem mehr Industriekapazitäten vorhalten.“
Luft- und Raumfahrtindustrie: „Endlich Aufträge erhalten“
Marie-Christine von Hahn war vergangene Woche auch beim Pitch-Day in Ingolstadt. Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Luft- und Raumfahrtindustrie sagt: „Nach Jahrzehnten des Kaputtsparens hat die Bundeswehr immer noch erheblichen Nachholbedarf.“ Und am Beispiel der Drohnen zeige sich, wie ideologische Vorbehalte in der Politik zu unzureichender Ausstattung bei der Truppe geführt hätten. „Dabei lehrt uns der Krieg in der Ukraine: Der Einsatz von Drohnen ist maßgeblich für den militärischen Erfolg.“ Die heimische Rüstungsindustrie, sagt die Branchenvertreterin, könne die Bundeswehr jedenfalls „in der gesamten Bandbreite“ beliefern. „Wir müssen nur endlich entsprechende Aufträge dafür erhalten.“
Den Pitchday gewinnt ERC System. Das Startup aus Ottobrunn hat ein elektrisches, bemanntes Fluggerät entwickelt, das senkrecht starten und landen kann. Nach Unternehmensangaben dreimal schneller unterwegs als ein Auto, zu einem Drittel der Kosten eines Hubschraubers.
Ein Sonderpreis geht an AIland Systems aus der Ukraine. Die autonomen Drohnen der Firma sind entwickelt, um vollständig automatisch Landminen aufzuspüren. Kostengünstiger und sicherer als herkömmliche Räumungsmethoden, wie es heißt.
Zuletzt Mitte Januar, aber auch schon davor, wurden über den Bundeswehrstandorten Manching und Neuburg fremde Drohnen gesichtet. Der Staatsschutz im Bayerischen Landeskriminalamt ermittelt. Es geht um den Verdacht des „sicherheitsgefährdenden Abbildens“. Nicht ausgeschlossen: russische Spionage-Versuche. Tatverdächtige bis jetzt: keine.
Rund 82 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen sind festgebunden, also zum Beispiel in konkreten Rüstungsverträgen. Die verbliebenen 18 Milliarden Euro sind zumindest fest verplant. Aus dem Sondervermögen der Bundeswehr wurde kein Geld für die Beschaffung bewaffneter Drohnen ausgegeben, teilt das Verteidigungsministerium mit.
Ziemlich unstrittig ist in Berlin: Der Verteidigungshaushalt muss wachsen.
Am Freitag verkündet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dass die EU die Schuldenregeln lockern wird, damit die Länder Europas mehr für ihre Verteidigung ausgeben können.
Eine Sache sagt J. D. Vance in München auf der Bühne dann doch in Sachen Verteidigung: „Europa muss einen großen Schritt nach vorne machen.“

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