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Ex-Bild-Chef Diekmann über Vance-Rede: „USA haben uns die Partnerschaft aufgekündigt“

Interview

Kai Diekmann: „Die USA haben uns die Partnerschaft aufgekündigt“

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    Der langjährige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann sprach im Live-Interview über seine Begegnungen mit Donald Trump und Wladimir Putin. Im Kleinen Goldenen Saal in Augsburg erklärte er auch, warum er Altkanzler Gerhard Schröder verteidigt.
    Der langjährige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann sprach im Live-Interview über seine Begegnungen mit Donald Trump und Wladimir Putin. Im Kleinen Goldenen Saal in Augsburg erklärte er auch, warum er Altkanzler Gerhard Schröder verteidigt. Foto: Bernhard Weizenegger

    Herr Diekmann, wie haben Sie die viel diskutierte Rede des amerikanischen Vize-Präsidenten J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz erlebt?
    KAI DIEKMANN: Zwei Herzen schlagen in meiner Brust, aber ich hätte mir von ihm Aussagen zum Ukrainekrieg gewünscht: Wie es weitergeht, wie sich die US-Administration die Verhandlungen über einen Waffenstillstand vorstellt, wie die Rolle der Europäer aussehen soll. Doch dazu: kein Wort von ihm.

    Stattdessen kritisierte Vance, die Meinungsfreiheit in Europa und in Deutschland sei in Gefahr. Meinungsäußerungen würden als Desinformation verfolgt. Und er machte sich, in der Hochphase des Bundestagswahlkampfs, für die AfD stark – wenn auch, ohne ihren Namen zu nennen.
    DIEKMANN: Ich finde, die eine oder andere Krokodilsträne und Empörung darüber ist geheuchelt. Was haben denn deutsche Spitzenpolitiker gemacht? Die reisten nach Amerika und haben an den Parteitagen der Demokraten, der Partei des damaligen Präsidenten Joe Biden und der Vize-Präsidentin Kamala Harris, teilgenommen. Die Demokraten hätten nach dem Rückzug Bidens aus dem Rennen um die Präsidentschaft eine Schrankwand aus Eiche aufstellen können – und deutsche Medien und Politiker hätten sie wahrscheinlich bejubelt.

    Wie denken Sie nun über Vance?
    DIEKMANN: Er hat doch nicht ganz unrecht in dem, was er gesagt hat. Sein Auftritt markiert jedenfalls eine Zäsur im transatlantischen Verhältnis: Die USA haben uns die Partnerschaft aufgekündigt. Wir müssen feststellen, dass die Amerikaner kein Interesse mehr an Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen haben. Sie haben sich de facto an die Seite der Russen gestellt. Bemerkenswert fand ich, dass Vance Zeit für Gespräche mit Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz und AfD-Chefin Alice Weidel fand, aber nicht für Olaf Scholz, den noch amtierenden SPD-Kanzler.

    Er nahm sich 30 Minuten Zeit für Weidel, deren Partei als teils rechtsextremistisch gilt. Er warb dafür, die Brandmauer zur AfD fallen zu lassen. Dabei hatte er zuvor noch beim ehemaligen Konzentrationslager in Dachau einen Kranz niedergelegt.
    DIEKMANN: Ich bin Vorsitzender des deutschen Freundeskreises der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel. Natürlich habe ich Probleme damit, dass man erst nach Dachau reist, um anschließend Brandmauern zur AfD niederzureißen. Auf der anderen Seite sehe ich die Politik, die US-Präsident Donald Trump und seine Administration für Israel gemacht haben. Ich bin alles andere als ein Fan von Trump – aber ich rate dazu, dass wir nicht alles nur schwarz oder weiß betrachten. In seiner ersten Amtszeit hat Trump in Nahost eine erfolgreiche Außenpolitik betrieben. Israel war unmittelbar vor dem Hamas-Terrorangriff am 7. Oktober 2023 so nah wie nie an der Normalisierung seiner Beziehungen zu den arabischen Nachbarn.

    Wissen denn die Trump-Leute überhaupt, wie Amerika-kritisch die AfD ist?
    DIEKMANN: Ich bin fest davon überzeugt, dass weder ein J.D. Vance noch ein Präsidentenberater wie X- und Tesla-Chef Elon Musk im Detail wissen, wofür die AfD steht. Die wissen aber eines: dass die AfD europafeindlich ist. Und sie haben ein außenpolitisches Interesse: Sie wollen Europa schwächen. Dieses Ziel haben besonders die Tech-Konzerne im Silicon Valley. Der Gegner ist die EU-Kommission, die mit der Regulierung von Online-Plattformen deren Geschäftsmodelle behindert.

    Sie haben einmal Trump interviewt ...
    DIEKMANN: Ich hatte nach 16 Jahren an der Spitze der Bild-Zeitung gekündigt, und zwar zum 31. Dezember 2016. Die Bild lebt von Indiskretion, insofern war ich total stolz darauf, dass es mir gelungen war, meinen Mitarbeitern gegenüber dies bis zum 30. Dezember geheimzuhalten. Drei Tage später bekam ich eine SMS: Sie können Präsident Trump interviewen, 13. Januar, 12.30 Uhr, Trump-Tower. Ich hatte darauf lange hingearbeitet. Was habe ich also als Erstes gemacht? Meinen Arbeitsvertrag um vier Wochen verlängert. Ich bin dann mit dem Augsburger Fotografen Daniel Biskup nach New York geflogen.

    Wie war Trump?
    DIEKMANN: Ich bin davon ausgegangen, einen übel gelaunten, missmutigen Donald Trump anzutreffen. Es ist ja bekannt, dass er Journalisten nicht mag. Er war aber völlig entspannt in seinem sehr kleinen, zugemüllten Büro. Der Schreibtisch war sicher 30 Zentimeter dick mit Papier bedeckt, die Wände voller Urkunden, voller Berichte über Trump, den Immobilien-Tycoon. Er hat mich gleich überfallen mit einer Suada über Angela Merkel. Er wollte wissen, wie die Kanzlerin mit der Horror-Show zurechtkomme, die sie angerichtet habe. Er meinte ihr Agieren in der Flüchtlingskrise, die nicht geschlossenen Grenzen. Und da sprach kein Politiker. Es gab ja damals niemanden, der so überrascht war von seinem Wahlsieg wie er selbst.

    Er war völlig unvorbereitet?
    DIEKMANN: Ja. Im Interview hat er dann eine Schlagzeile nach der anderen herausgehauen, es war ein Fest für uns! Normalerweise muss man einem ausländischen Staatschef alles mühsam aus der Nase ziehen. Bei ihm war es wie bei einem Getränkeautomaten: Sie stellen den Becher drunter, drücken auf den Knopf, und es hört nicht mehr auf zu laufen. Im Unterschied zu seiner ersten Amtszeit war Trump auf seine zweite vorbereitet – und das erleben wir im Moment an dem Tempo, das seine Administration vorlegt. Politik als Ausgleich von Interessen, als System von Kompromissen – das interessiert ihn nicht. Er ist Geschäftsmann und will am Ende der sein, der gewinnt. Das bedeutet für uns, dass sich jeder Parameter, nach dem wir bisher Politik gestaltet haben, komplett ändert.

    Sie haben auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen. Sind Sie ihm auf den Leim gegangen?
    DIEKMANN: Als Daniel Biskup und ich ihn im Jahr 2000, ein halbes Jahr nach seiner Wahl, zum ersten Mal besucht haben, bat ihn Daniel, sich an den Schreibtisch für ein paar Porträt-Aufnahmen zu setzen. Putin guckte ihn an und fragte: Ist es auch okay für Sie, wenn ich mich auf meinen Schreibtisch lege? Er spricht perfekt Deutsch und beherrscht Ironie. Bei meinem zweiten Interview fragte er mich, ob ich nicht mit ihm schwimmen gehe? Ich könne eine Badehose von ihm haben.

    Eine sehr knappe, wie Sie erzählten.
    DIEKMANN: In der Schule nannten wir die „Eierkneifer“. Warum erzähle ich das? Weil es etwas aussagt über ihn: Putin überrascht einen, um die Lufthoheit zu beanspruchen und die Szene zu dominieren. Ihre Frage war, ob ich ihm auf den Leim gegangen bin. Ich muss sagen: Viele, die behaupten, sie hätten schon immer gewusst, was für ein blutiger Schlächter Putin ist, machen es sich zu leicht.

    Sie waren in Butscha bei Kiew, wo russische Soldaten 2022 ein Massaker an Zivilisten begingen. Wie hat das Ihr Putin-Bild verändert?
    DIEKMANN: Ich habe den damaligen österreichischen Kanzler Nehammer begleitet, der im Namen der ukrainischen Führung mit Putin sprechen sollte. Wir waren erst in Butscha und keine 24 Stunden später in Moskau. Ich war dabei, weil es die Sorge gab, Putin könne das Treffen zu Propagandazwecken missbrauchen – ich hatte Putin ja häufig getroffen und hätte Nehammer für diesen Fall beraten sollen. Damals, zu Beginn dieses Krieges, hätte es die Chance gegeben, Putin zu Zugeständnissen zu bewegen. Die Verhandlungen führten allerdings zu keinen Ergebnissen. Jetzt muss er seinen Eliten irgendetwas vorweisen, was er als Sieg verkaufen kann – alleine, weil der russische Blutzoll so hoch ist. Ansonsten würde er ein Ende des Krieges physisch nicht überleben. Es geht auch für ihn um Leben oder Tod. Die wenigsten russischen Führer sind friedlich im Bett gestorben.

    Wie stehen Sie zu Putin-Freund Gerhard Schröder, dem SPD-Altkanzler?
    DIEKMANN: Ich halte den Umgang mit ihm durch Teile der Öffentlichkeit und durch seine eigene Partei für unwürdig – dabei bin ich politisch schwarz wie die Nacht. In unserer aktiven Zeit haben wir uns bekämpft bis aufs Blut. Die SPD erstattete Strafanzeige gegen mich; seine damalige Frau Doris, mit der ich bei Bild Tür an Tür zusammengearbeitet hatte, forderte von meiner Verlegerin meine Ablösung; Schröder belegte uns mit einem Interviewverbot – und wir machten eine blödsinnige Kampagne gegen seine „Agenda 2010“ mit Schlagzeilen wie „Wegen Hartz IV Haustiere ausgesetzt“. Uns war wirklich nichts zu blöd. Umso einfacher fällt es mir heute, ihn zu verteidigen. Schröder hat im Umgang mit Putin und im Umgang mit Russland viele Fehler gemacht. Aber: Er ist mehr als der von der Bild-Zeitung so titulierte „Gas-Gerd“. Er ist derjenige, der mit seinen Reformen dafür gesorgt hat, dass wir einen 15-jährigen Wirtschaftsaufschwung erlebt haben. Ich muss sagen: Die Bild-Zeitung unter meiner Führung stand in zwei historischen Situationen auf der falschen Seite der Geschichte.

    In welchen?
    DIEKMANN: Wir haben die „Agenda 2010“ abgelehnt und wir haben den Irakkrieg im Jahr 2003 bejubelt. Zu dem sagte Schröder Nein. Er hat in beiden Situationen richtig gehandelt.

    Die Bild-Zeitung hat in ihren besten Zeiten Schlagzeilen für die Ewigkeit geschaffen – gleichzeitig wurde sie immer wieder vom Presserat gerügt. Wie blicken Sie heute auf Ihre Zeit bei Bild?
    DIEKMANN: Es war eine großartige Zeit. Ich war ja nicht bloß 16 Jahre bei Bild, sondern insgesamt 31 Jahre bei Springer. Was den Presserat angeht: Das ist ein Selbstkontrollorgan, das immer dann tätig wird, wenn im Journalismus scheinbar gegen die guten Sitten verstoßen wird. Tatsächlich ist die Bild Hauptarbeitgeber des Deutschen Presserates gewesen. Selbst unsere Zeile „Wir sind Papst“ hat uns vor ihn gebracht. Ein Deutschlehrer beschwerte sich: Die Zeile sei nicht nur faktisch falsch, weil nicht alle Deutschen zum Papst gewählt worden seien, sondern sie sei auch grammatikalisch falsch.

    Klar, diese Beschwerde war offensichtlich unbegründet, aber es gibt ja auch andere.
    DIEKMANN: So etwas fließt mit in die Statistik ein. Aber natürlich ist Bild eine umstrittene Zeitung. Sie ist eine polarisierende, eine provozierende Zeitung, und das will Bild auch sein. Sie tritt ganz bewusst Leuten auf die Zehen. Weil die Bild nicht nur beschreibt, was ist – sondern, weil sie beschreibt, wie das, was ist, vermutlich von einer Mehrheit der Deutschen empfunden wird. Sie richtet sich an ein Publikum, das dringend eine Gebrauchsanweisung für das Leben braucht.
    (Protokoll: Daniel Wirsching)

    Zur Person

    Kai Diekmann, 1964 in Ravensburg geboren, war der am längsten amtierende Chefredakteur der Bild-Zeitung. Sein Buch „Ich war BILD. Ein Leben zwischen Schlagzeilen, Staatsaffären und Skandalen“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 544 Seiten, 34 Euro) erschien im Mai 2023.

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    3 Kommentare
    Johann Storr

    Wahnsinn, selbst der frühere Bild-Chef warnt: die USA wollen Europa zerstören und die AfD ist deren Handlanger. Wer den Niedergang Europas und damit den Niedergang Deutschlands will, muss die AfD wählen. Die AfD, für eine Zukunft in Armut und Unterdrückung, aber wieder stolz sein, auf die Mitglieder der SS in der Nazizeit!

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    Peter Zimmermann

    Ich werde nicht müde es zu erwähnen die dritte Großmacht ist auf dem Weg in eine Autokratie und keine der drei ist scharf auf eine vierte deren Werte ihre eigene Macht untergraben können.

    Franz Xanter

    Ist es nicht schön zu lesen, wie direkt und indirekt Europa und folglich auch DEU sich selbst in den Schlamassel gebracht hat. Natürlich wurde diese Situation erst durch das Nichtstun, durch die Gleichgültigkeit und die internen EU-Problematiken erreicht. Früher hat DEU in der Praxis alles mit monetären Aktionen vertreten, aktive Teilnahme für oder gegen oder mit war nicht gegeben, man hatte ich solch eine dramatische Vergangenheit, und heute richtet man sich mehr nach dem Winde denn richtige und konsequente Entscheidungen zu treffen. Auch die Querelen innerhalb der EU sind doch hausgemacht. Wenn ich es nicht schaffe, nicht versuche, mich als ein Ganzes darzustellen, dann wird eine EU nie funktionieren.

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