Es war wahrscheinlich der Moment, der diesen Wahlkampf für die Linkspartei geprägt hat: Die Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek stellt sich ans Rednerpult im Bundestag, beugt sich nach vorn und schaut Friedrich Merz direkt an. Anschließend bricht es förmlich aus ihr heraus: „Aller politischen Differenzen zum Trotz hätte ich mir niemals vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Partei, eine christlich-demokratische Partei, diesen Dammbruch vollzieht und mit Rechtsextremen paktiert“, ruft sie Merz zu. Ihre Stimme dabei: deutlich, wütend, emotional. Merz und seine CDU hatten zuvor mit der AfD gemeinsam abgestimmt. Für Reichinnek war das der sogenannte „Dammbruch“ und im Rückblick vielleicht auch der Moment, der der Linkspartei eine große Aufholjagd bescherte.
Das Video von Reichinneks Auftritt ging viral, allein 8,2 Millionen Aufrufe erzielte es bis heute auf Instagram, 7 Millionen Aufrufe waren es bei Tiktok. Dazu kommen noch unzählige Kopien und Weiterverbreitungen auf sämtlichen Social-Media-Plattformen. Und auch andere Zahlen lassen aufhorchen: Im vorläufigen Endergebnis kommt die Linkspartei auf 8,8 Prozent der Stimmen. Bei Jung- und Erstwählern wurde die Linke stärkste Kraft. Anfang des Jahres stand die Partei in Umfragen noch bei 3 Prozent. Eine Aufholjagd durch Social Media?
Social Media im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2025: So wichtig wie noch nie
Ganz so einfach lässt sich das nicht bestätigen, sagt Jörg Haßler von der LMU München. Zwar habe Social Media den Wahlkampf wie noch nie beeinflusst, doch ob daraus eine Wahlentscheidung erfolgt ist? Schwierig abzuleiten. „Bei der Wahlkampfforschung läuft alles am Wahltag zusammen. Dann wirken TV-Formate, Printjournalismus und auch Social Media gemeinsam auf das Wahlergebnis ein.“ So sei es schwierig, alleine die sozialen Medien für einen Wahlerfolg verantwortlich zu machen.
Haßler, der an der LMU eine Forschungsgruppe leitet, die sich mit der Mobilisierung der Wählerinnen und Wählern auch durch die sozialen Medien beschäftigt, blickt dabei auf die Erstwählerinnen und -wähler. Es sei schon auffällig, dass bei dieser Gruppe – wie auch bereits bei der Bundestagswahl 2021 – Parteien besonders erfolgreich waren, die in den sozialen Medien extrem viele Interaktionen und Videoaufrufe generiert haben. Laut Infratest dimap wählten 25 Prozent der 18- bis 24-Jährigen die Linke, 20 Prozent entschieden sich für die AfD. Den beiden Parteien spielt dabei auch der Algorithmus der Plattformen in die Karten. „Auf Social Media funktionieren Negativität und Emotionalisierung sehr gut“, erklärt Haßler.
Als Beispiel nennt der Experte das Thema Migration. Dieses lasse sich hervorragend mit Emotionalisierung und Negativität verbinden. Das kam der AfD entgegen. Als klassischen Gegenspieler der AfD hätten eigentlich die Grünen fungieren können: „Die haben aber im Wahlkampf deutlich gemacht, dass sie eine Wende in der Migrationspolitik mittragen wollen.“ Und so sei einzig die Linkspartei als Gegenspieler verblieben, sagt Haßler.
Wahlkampf auf Social Media: So erfolgreich waren die Parteien
Der Erfolg von AfD und Linkspartei ist aber auch klarer Teil einer Social-Media-Strategie. Reichinnek nutzt ihre Accounts schon lange aktiv und hat so eine langfristig hohe Reichweite aufgebaut. Inzwischen folgen ihr 500.000 Menschen auf Instagram und fast 600.000 auf Tiktok. Und auch die AfD setzt schon länger als andere Parteien auf soziale Medien. Über Jahre hat die Partei ein Influencer-Netzwerk aufgebaut. Beispielsweise lud die AfD zur „Konferenz der freien Medien“ Online-Aktivisten und Youtuber in den Bundestag ein.
Dieser Trend spiegelt sich auch in den Zahlen wider. Sparta, ein Analyse-Tool der Universität der Bundeswehr in München, bietet die Möglichkeit, Social-Media-Entwicklungen zu untersuchen. Die Daten zeigen deutlich: Seit dem Bruch der Ampel Anfang November liegt die Linkspartei in den Aufrufzahlen auf Tiktok nur noch knapp hinter der AfD. Den beiden Parteien ist es besser als ihrer Konkurrenz gelungen, die sozialen Medien als klare Strategie zu begreifen. Die Union beispielsweise konnte im gleichen Zeitraum nur etwa halb so viele Aufrufzahlen wie die AfD verzeichnen.
Der Hype um Heidi Reichinnek schaffte es raus aus den sozialen Medien
Den Linken gelang es, mit Reichinnek das Potenzial des viralen Videos aus dem Bundestag auszuschöpfen. Das Video wirkte in den sozialen Medien, aber eben nicht nur dort. Die Rede wurde dank des Videos von vielen klassischen Medien aufgegriffen, es wurde darüber berichtet, die Linke wurde wieder sichtbar. „Social Media bestimmt auch, womit man sich im Alltag beschäftigt, worüber man sich in der Uni, am Arbeitsplatz oder am Stammtisch unterhält. Und da haben die Linkspartei und die AfD in diesem Wahlkampf durch Social Media wirklich für viel Gesprächsstoff gesorgt“, resümiert Haßler.
Plötzlich habe es bei der Linkspartei im Wählerpotenzial wieder Bewegung gegeben. „Diese Aufmerksamkeit, die dadurch erzeugt wurde, kann in so einem Wahlkampf für Rückenwind sorgen“, sagt der Experte. Ein Rückenwind, der der Linkspartei eine große Aufholjagd bescherte, und damit den Wiedereinzug in den Bundestag.

Einige von den Linken sind ebenso hysterisch wie einige von den Grünen; das kann ja im Bundestag heiter werden.
Ja. es war ein toller Auftritt von Reichinnek – sie hat gezeigt, dass unser Bundestag nicht nur sachliche, politisch korrekte Sprücheklopfer braucht, sondern dass dieser Bundestag auch Emotionen braucht. Von hysterisch kann keine Rede sein – sie hat das ausgedrückt, was vielen auf der Seele lag. Denn es war ein Unding, was Merz da abgezogen hat. Und die anderen Parteien, die nun in die Röhre gucken, weil die AfD immer stärker wird, sollten sich ein Beispiel an den Linken nehmen, deren Pesonal glaubhaft und emotional rüberkommt und die dies auf Social Media kommunizieren können. Gratulation an Frau Reichinnek, sie hat der Linken wieder ein Gesicht und eine Stimme gegeben. Und ein paar Jugendliche vor den Fängen der AfD bewahrt.
Herr Kraus, Sie verwechseln Hysterie mit Emotionalität. Das ist ein Fehler, denn nicht mit Distanziertheit und Steifheit fängt man Wähler, sondern indem man ihre ureigensten Instinkte anspricht. Das tut die AfD auf der einen Seite – sie schürt Ur- und Verlustängste, aber sie hat einen Gegenpart bekommen, der mit Emotionen und Optimismus punktet. Dass Sie das nicht verstehen – na ja, bei der AfD ist Freude eher nicht so gefragt, das sieht man an der strengen Frau Weidel, der ein Kichern nur auskommt, wenn sie überfordert ist.
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