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Ex-Fujitsu-Managerin in Augsburg: Vera Schneevoigt kündigte für ihre Eltern

Vera Schneevoigt hat unter anderem in Augsburg das Fujitsu-Werk geleitet. Für ihre Eltern und Schwiegereltern hat sie ihr Leben als Managerin aufgegeben.
Foto: Ulrike Frömel
Wahlserie: So fühlt sich die Nation

Die Top-Managerin, die kündigte, um sich um ihre Eltern zu kümmern

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    Vera Schneevoigt spürt, dass sie so nicht mehr weitermachen will. Als Spitzenmanagerin ist es ihr Job, Probleme zu lösen, in Krisensituationen kühlen Kopf zu bewahren. Doch das hier ist anders. Denn es geht nicht ums Geschäft, es geht um die Familie. Schneevoigt ist Mitte 50, als sie ihr Leben umkrempelt.

    Die Corona-Pandemie samt Lockdowns und Homeoffice entschleunigen den Alltag, zwingen sie ins Private und führen ihr vor Augen, dass die Zeit endlich ist. Sie will jetzt für ihre Eltern und die Schwiegereltern da sein — und trifft eine Entscheidung. Die Macherin, die lange für Siemens gearbeitet und in Augsburg den Fujitsu-Standort, Deutschlands letzte Computer-Fabrik, geleitet hat, kündigt ihren Job bei Bosch.

    Gefühlslage der Nation

    Wahlen werden inzwischen mehr denn je auf den letzten Metern entschieden, und oft sind es nicht Programme, die den Ausschlag geben, sondern Stimmungen und Emotionen. Deshalb haben wir uns entschieden, in unserer Wahlserie Gefühle in den Mittelpunkt zu stellen. Es geht um Mut, Überforderung, Glück, Hoffnung und Angst, die Menschen hinter diesen Gefühlen und um Politik. Alle Teile der Serie sammeln wir auf einer Übersichtsseite, auf der Sie jeden Tag bis zur Wahl am 23. Februar eine neue Folge finden.

    Hunderttausende Familien stehen vor ähnlichen Herausforderungen, vor derselben Überforderung, wenn Angehörige sich nicht mehr selbst versorgen können. Schaffen wir das mit der Pflege zu Hause? Welche Unterstützung gibt es vom Staat? Kann es wirklich sein, dass man monatelang auf einen Platz in einer Pflegeeinrichtung warten muss? Viele fühlen sich alleingelassen von einer Gesellschaft, in der man nicht so gerne über das Altwerden und die Grenzen der eigenen Belastbarkeit spricht.

    Pflegende Angehörige fühlen sich oft alleingelassen

    Die Überforderung rührt ja nicht nur daher, dass oft auf einen Schlag alles anders ist, sondern von den Ängsten und Sorgen um die Mutter, den Vater oder den Partner. Stärke zeigen zu sollen, wo man doch vor allem Schwäche empfindet — das ist es, was viele pflegende Angehörige schier zerreißt. Vera Schneevoigt ist bewusst, dass die meisten von ihnen nicht so radikal umsteuern können, wie sie selbst das getan hat. Umso mehr kämpft sie dafür, dass Politiker, aber auch Unternehmen den ungeheuren Wert dieses sozialen Engagements endlich mehr zu schätzen wissen. „Die unbezahlte Pflege zu Hause findet in einer Art Dunkelkammer der Gesellschaft statt, dabei sollten wir sie als das verstehen, was sie in Wahrheit ist: eine ungeheure Wirtschaftsleistung, die unser Gesundheitssystem finanziell und personell massiv entlastet.“

    Wenige Monate nach ihrem Entschluss verlässt Schneevoigt Bayern und zieht mit ihrem Mann Thomas in die Eifel, um näher bei den Menschen sein zu können, die sie auf der Zielgeraden des Lebens begleiten will. Sie reduziert schrittweise ihre Arbeitszeit, bis sie schließlich ganz aus dem alten Leben als Angestellte aussteigt.

    Wie sehr sich der Alltag ihrer Eltern und Schwiegereltern in den vergangenen Jahren zu einem ständigen Improvisieren entwickelt hat, spürt sie erst, als sie und ihr Mann ihn nicht mehr als Gäste erleben, sondern selbst Teil davon werden. Arztbesuche, plötzliche Krankenhausaufenthalte, Kochen, Waschen, Einkaufen und die manchmal bittere Erkenntnis, was alles nicht mehr geht — das prägt nun die To-Do-Listen des Paares.

    Schneevoigt lernt die Schwiegereltern, aber auch ihre eigenen Eltern noch einmal neu kennen. Ihre Eltern, wie sie heute sind, in ihrer Dankbarkeit, aber auch in ihrer Überforderung, ihrer Zerbrechlichkeit. Dass sie sich die Zeit dafür nehmen kann und den Rücken freihat, empfindet sie als Geschenk. Was ihr außerdem hilft: Schon früh, als Mutter und Vater noch keine Hilfe brauchten, hatten sie offen darüber geredet, was möglich ist, welche Unterstützung sie eines Tages brauchen könnten, was man am Haus verändern müsste, damit sie lange dort bleiben können.

    „Pflegezeit müsste so selbstverständlich werden wie Elternzeit“

    Vera Schneevoigt, Ehemalige Managerin

    „Viele Menschen schieben diese Themen lieber weg. Man kann das verstehen. Es ist ja nicht schön, sich damit zu beschäftigen. Aber wenn man das dann stattdessen in einer akuten Notsituation tun muss, in der sowieso alle in einem emotionalen Ausnahmezustand sind, wird es noch viel belastender“, sagt Schneevoigt. Sie appelliert deshalb an die Politik, Angehörige gezielt aus der „Dunkelkammer“ zu holen, zu erklären, welche Hilfe es gibt, und mehr zu unterstützen. Auch die Arbeitgeber sieht sie in der Pflicht. „Zum Glück haben wir heute wie selbstverständlich die Elternzeit, in der Beschäftigte für eine gewisse Phase ihre Arbeitszeit flexibler gestalten können, weil sie sich in einer neuen Lebenssituation zurechtfinden müssen. Genau diese Selbstverständlichkeit brauchen wir auch für Menschen, die sich um Angehörige kümmern wollen.“

    Aus dem früheren Leben als Managerin: Vera Schneevoigt leitete in Augsburg das Fujitsu-Werk, damals Deutschlands letzte Computerfabrik.
    Aus dem früheren Leben als Managerin: Vera Schneevoigt leitete in Augsburg das Fujitsu-Werk, damals Deutschlands letzte Computerfabrik. Foto: Silvio Wyszengrad

    Für Unternehmen gehe es nicht nur darum, zufriedene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu haben, sie profitieren aus Sicht von Schneevoigt, die heute als Beraterin und Coach arbeitet, auch in anderer Weise. „Wer den Spagat zwischen Job und Pflege bewältigt, wächst oft daran, organisiert sich automatisch besser und davon kann dann auch der Arbeitgeber wieder profitieren. Dafür muss man den Menschen in dieser Zeit aber eben möglichst viel Druck nehmen und Wertschätzung zeigen.“

    Von Fujitsu über Bosch nach Hause: Vera Schneevoigt lernt ihre Mutter noch einmal neu kennen

    In Bayern gibt es seit 2018 das Landespflegegeld, das Hilfsbedürftigen ab Pflegegrad 2 unabhängig davon zusteht, ob sie in einem Heim oder zu Hause versorgt werden. Schneevoigt wünscht sich noch mehr Förderung, damit die Entscheidung, sich um die eigenen Angehörigen zu kümmern und dafür im Berufsleben vorübergehend kürzerzutreten, nicht am Geld scheitert.

    Vera Schneevoigts Schwiegervater stirbt zwei Wochen, nachdem sie ihren Managerposten endgültig aufgegeben hat. Im Jahr darauf stirbt unerwartet auch ihre Mutter, kurz zuvor hatte sie noch ihren 60. Hochzeitstag gefeiert. „Das ist so beispielhaft für die Disziplin dieser Generation, dass sie das noch unbedingt erleben wollte“, sagt Schneevoigt. Sie ist dankbar, die letzten Monate so intensiv mit ihr erlebt zu haben. Anders als zum Vater, mit dem sie schon von Kindheit an ein inniges Verhältnis hatte, ist hier zum Ende des Lebens eine neue Wärme, eine neue Nähe entstanden.

    „Ich spüre, wie wichtig und richtig die Entscheidung war, mich ganz darauf einzulassen. Sonst würde ich das alles nicht schaffen.“

    Vera Schneevoigt, Pflegende Angehörige

    Mit dem Verlust fand sich Schneevoigt noch mal in einer neuen Situation wieder. Der demenzkranke Vater, dem sie es ermöglichen will, im eigenen Haus zu bleiben. Die Schwiegermutter, die sich ebenfalls alleine neu organisieren muss. „Sie kommen ganz gut zurecht“, sagt Schneevoigt, die zwischen den beiden etwa 90 Kilometer pendelt, und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Aber ich spüre, wie wichtig und richtig die Entscheidung war, mich ganz darauf einzulassen. Sonst würden wir das alles nicht schaffen.“

    Als Teil unserer Bundestagswahl-Serie schauen wir uns auch die Parteiprogramme genauer an und dröseln auf, wie die Parteien zu unterschiedlichen Sachthemen stehen.

    Mehr Texte aus unserer Serie zur Wahl finden Sie hier:

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    9 Kommentare
    Reiner Dodel

    Es werden halt nur wenige Menschen so einen Schritt machen können, schon allein aus finanziellen Gründen!

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    Jochen Hoeflein

    Genau richtig. Einfach aus dem Berufsleben ausscheiden geht nur wenn genügend Kapital vorhanden ansonsten besteht die Gefahr, dass man am Ende in die Armut abrutscht neben der psychischen Belastung durch die Pflege. Und die Pflegezeit kann nicht die Allgemeinheit in die Pflicht genommen werden.

    Robert Miehle-Huang

    Warum der Artikel die Überschrift "Bundestagswahl 2025" trägt, wird ein ewiges Geheimnis der Augsburger Allgemeine bleiben…

    Heidi Kaellner

    Wunderbar, dass sie diesen Weg der Fürsorge für die Eltern geht. Aber das ist kein Beispiel für die „normalen“ Familien. Hier leben vermutlich auch die Eltern und Schwiegereltern in besten Verhältnissen. So ist auch das Erbe (irgendwann) nicht schlecht – alles nur Vermutung. Trotzdem ein vorbildlicher Schritt im Leben von Frau Schneevoigt. Als Managerin voller beruflicher Stress – jetzt als Pflegerin in der Familie ein Gefühl der inneren Zufriedenheit . . . vielleicht.

    Marion Sens

    Ich war Freiberuflerin, als mein Vater pflegebedürftig wurde und mein Sohn an Krebs erkrankte. Mein Vater lebte in der Nähe von Paderborn, mein Sohn studierte in Heidelberg. Ich habe dann bewusst - gegen den Rat von guten Freunden - mein Büro quasi für fast ein Jahr grob vernachlässigt und versucht, den beiden nahe zu sein. Es war eine sehr schwere Zeit, ich konnte bei meinem Vater sein, als er starb und mein Sohn kam auch kurz nach überstandener Chemotherapie, um sich von seinem Opa zu verabschieden. Als mein Sohn sich auf dem Weg der Genesung befand, setzte ich mich wieder in mein Büro. Ich war völlig erschöpft und wahrscheinlich hatte ich auch eine Depression. Um in meinen beruflichen Alltag zurück zu kehren und den Bürobetrieb wieder hochzufahren benötigte ich rund zwei Jahre. Freunde unterstützen mich finanziell, das Geld habe ich dann nach und nach zurück gezahlt. Wenn ich zurück schaue: Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte! Ich möchte diese Zeit nicht missen.

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    Jochen Hoeflein

    NIcht alle Menschen packen das oder sind in Lage so etwas durchzustehen. Mein Mutter kam ins Pflegeheim und einen amtl bestellte Vormund wurde bestellt. Ich war in dieser Zeit beruflich in den USA stationiert und wäre nie auf die Idee gekommen meine gesamte berufliche Laufbahn und mein persönliches Umfeld praktisch in den Sand zu setzen. Auch bin ich als Pflegekraft nicht geeignet.

    Heidi Kaellner

    Das war für Sie die beste Entscheidung - auch für Ihren innerlichen Frieden - die Gedanken der Erinnerung sind dann noch nach dem Tod des Vaters Balsam für die eigene Seele. So geht es mir noch heute nach dem Tod meines Mannes.

    Maria Reichenauer

    Schön, dass in dem Bericht auf das bayerische Landespflegegeld verwiesen wird. Das hat Herr Söder nämlich um die Hälfte gekürzt, das sollte nicht unerwähnt bleiben. Dass der Weg von Frau Schneevoigt als Beispiel für alle Pflegenden dienen kann, ist ein Trugschluss. Das können sich die meisten Menschen schon finanziell nicht leisten. Und nicht jeder hat ein Händchen dafür. Wie schwer es ist, neben dem Beruf die Pflege eines Angehörigen zu begleiten und welche – auch psychische – Herausforderungen da auf einen zukommen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Der Bericht ist schon recht idealistisch gehalten und suggeriert, dass Menschen, die ihre Angehörigen im Heim pflegen lassen, herzlose Versager seien. Nein, das ist nicht so. Manchmal gewinnt der Selbsterhaltungstrieb die Oberhand, und das ist gut so.

    Christina Elisabeth Erhardt

    Wenn die Dame nebst den eigenen auch noch die Schwiegereltern betreut, dann kann sie das ja gerne machen, aber kritisch sehe ich die Manifestation des Bildes von der vermeintlich stets selbstlosen, aufopferungsvollen Frau, die dieser Beitrag meines Erachtens in fragwürdiger Weise bedient. Warum der Ehegatte seine eigenen Eltern nicht selbst betreut und bekümmert, ist offenbar keiner Erwähnung wert.

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