Einer der durchschnittlichsten Abgeordneten im neuen Bundestag ist Oliver Vogt. Durchschnittlich, denn: Er ist ein Mann, wie mehr als zwei Drittel des Parlamentes, gehört der CDU und damit der größten Fraktion an und ist 1977 geboren. Er ist aktuell 47 Jahre alt – das entspricht genau dem Durchschnittsalter der Parlamentarier. Außerdem lebt Vogt in Espelkamp in Nordrhein-Westfalen: Aus NRW, dem größten Bundesland, kommen mehr Abgeordnete als aus jeder anderen Region und Espelkamp ist eine Mittelstadt mit mehr als 20.000 aber weniger als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern – auch damit liegt Vogt genau im Durchschnitt der Abgeordneten. Vogt ist zudem nicht neu im Bundestag: Er wurde, wie etwa zwei Drittel des Parlamentes, wiedergewählt.
Ein paar wenige Dinge unterscheiden Vogt dann aber doch vom kompletten Durchschnitt: So hat er beispielsweise einen Doktortitel. Das ist zwar nicht ganz ungewöhnlich für einen Bundestagsabgeordneten, doch er gehört damit einer Minderheit von nur 16 Prozent an. Außerdem ist er Physiker – das ist eher ungewöhnlich, neben ihm gibt es nur zwei weitere Physiker im Bundestag. Richtig durchschnittliche Abgeordnete sind Juristen, von ihnen gibt es mehr als 90 im Parlament.
Frauenanteil: Mehr als zwei Drittel der Abgeordneten sind Männer
Weg von Oliver Vogt, hin zum restlichen Bundestag: Das neu gewählte Parlament, dass am 25. März erstmals tagt, ist noch ein bisschen männlicher als zuletzt. Nur noch etwa 32 Prozent der Abgeordneten sind Frauen – im alten Bundestag, wie er 2021 zum ersten Mal zusammengetreten ist, waren es noch 34 Prozent. Beides deutlich unter den 50 Prozent, die Frauen bekanntermaßen an der Bevölkerung ausmachen. Und man könnte sagen: Die Männer haben nun die Zwei-Drittel-Mehrheit, mit der sich das Grundgesetz ändern ließe – die Frauen hingegen haben ihre Sperrminorität verloren.
Ein höchst theoretischer Ansatz, weil sowohl die Männer als auch die Frauen sich dann doch auf sehr gegensätzliche Parteien verteilen. In denen unterscheidet sich der Männer und Frauenanteil stark: So ist gerade einmal eine von zehn AfD-Abgeordneten eine Frau, bei der Union ist es eine von vier – bei den Linken und den Grünen sind die Politikerinnen hingegen in der Mehrzahl.
Mehr als ein Drittel der Linken-Abgeordneten sind unter 35 Jahre alt
Auch die Altersverteilung unterscheidet sich stark je nach Partei. Vor allem die Linke schickt viele junge Menschen in den Bundestag: Mehr als ein Drittel der Linken-Abgeordneten sind unter 35 Jahren alt. Die Linke hat ihr überraschend gutes Ergebnis ja auch vor allem ihrem Erfolg bei jüngeren Wählenden zu verdanken. Sie hat mit mehr als neun Prozent aber auch einen verhältnismäßig hohen Anteil an Abgeordneten im Alter von 65 und mehr Jahren – mehr hat nur die AfD, wo fast 12 Prozent bereits dieses Alter erreicht haben. Im Vergleich zur volljährigen Gesamtbevölkerung sind unter 35-Jährige und über 65-Jährige im Parlament aber deutlich unterrepräsentiert.
Auch wenn es darum geht, wie viele der Abgeordneten bereits vor der Wahl Mitglied des Bundestags waren, ist die Linke ein Ausreißer: Die Fraktion ist deutlich größer als zuletzt, so sind etwa vier von fünf Linken-Abgeordnete neu im Parlament. Gegensätzlich ist es bei der SPD: Mehr als 90 Prozent der Genossen kennen sich bereits bestens aus.
In den Daten der für den neuen Bundestag gewählten Parlamentarier enthalten ist auch, ob diese einen Doktortitel haben. Besonders viele promovierte Politikerinnen und Politiker haben die Grünen, hier ist es fast jede und jeder Vierte. Am wenigsten sind es bei der so jungen Fraktion der Linken mit etwa sechs Prozent – sieht man einmal vom Südschleswigschen Wählerverband ab. Dessen einziger Abgeordneter trägt keinen Doktortitel – so wie mehr als 98 Prozent aller Deutschen über 15 Jahre.
Die Grünen und die Linken stellen besonders viele Abgeordnete aus großen Städten
Was den Wohnort der Abgeordneten angeht, bildet der Bundestag die Bundesrepublik relativ genau ab – lediglich Kleinstädte sind etwas unterrepräsentiert. Bei einem Blick auf die Parteien fällt auf, dass die Grünen ihrem Ruf gerecht werden: Mehr als 60 Prozent kommen aus Großstädten oder gar Millionenstädten, deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung – dort sind die Grünen allerdings auch besonders viel gewählt worden. Das Gleiche gilt für die Linke, deren Abgeordnete ebenfalls zum größten Teil aus großen und sehr großen Städten kommen.
Was nicht aus den Daten der Bundeswahlleiterin über die Abgeordneten im neuen Bundestag hervorgeht: Wie viele von ihnen einen Migrationshintergrund haben. Der liegt laut Statistischem Bundesamt vor, wenn eine Person entweder selbst nicht mit der Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hat oder das bei mindestens einem der Elternteile der Fall war. In Deutschland trifft das auf knapp 30 Prozent der Menschen zu. Viele von ihnen haben allerdings keinen deutschen Pass und dürfen somit nicht wählen. Daher liegt der Anteil der Menschen mit Migrationhintergrund unter den Wahlberechtigten nur bei etwa 14 Prozent.
Weil diese Daten für Abgeordnete nicht systematisch erfasst werden, hat der Mediendienst Integration recherchiert, welche von ihnen einen Migrationshintergrund haben. Dieser Recherche zufolge sind das im neuen Bundestag mindestens 73 Abgeordnete, also knapp 12 Prozent – der Anteil liegt damit ziemlich genauso hoch wie im Bundestag von 2021. Zwischen den Fraktionen gibt es große Unterschiede: So hat bei den Grünen eine oder einer von fünf Abgeordneten einen Migrationshintergrund. Bei der Linken sind es knapp 19 Prozent, bei der SPD 17,5 Prozent. Deutlich geringer liegt er bei der Union (6,3 Prozent) und der AfD (5,9 Prozent).
Welche Aussagekraft hat „der Durchschnittsabgeordnete“? Auch bei der Sperrminorität der Frauen kann ich mich nicht daran erinnern, wann diese zuletzt im Bundestag eingesetzt wurde. Selbstverständlich ist ein höherer Frauenanteil bei den Abgeordneten wünschenswert. Allerdings könnte sich hier auch „Die Soziale Zusammensetzung der Parteimitgliederschaften“ (bpb; 21.10.2022) auswirken, wonach nur bei den Grünen der Frauenanteil über 40 % liegt. Dass aber Dorothee Bär von der CSU die meisten Erststimmen bekam und damit auch besser als jeder Mann abschnitt, könnte ein hoffnungsvolles Zeichen sein und noch mehr Interesse bei den Frauen wecken.) Wenn die alten Wähler unterrepräsentiert sind, könnte man das vielleicht auch damit erklären, dass nur wenige Abgeordnete so lange aktiv bleiben wie dies bei Wolfgang Schäuble der Fall war. (Ich bin zwar selbst schon alt, sah aber z. B. die „Aktion Silberlocke“ sehr kritisch.)
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