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Interview: Drogenbeauftragte: „Rauchen darf es nicht zum Dumpingpreis geben“

Interview

Drogenbeauftragte: „Rauchen darf es nicht zum Dumpingpreis geben“

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    Aus und vorbei? Auch am Welt-Nichtrauchertag werden wohl wieder gute Vorsätze gefasst, mit dem Qualmen aufzuhören.
    Aus und vorbei? Auch am Welt-Nichtrauchertag werden wohl wieder gute Vorsätze gefasst, mit dem Qualmen aufzuhören. Foto: Stephan Jansen, dpa

    Frau Ludwig, beinahe pünktlich zum Nichtrauchertag ist durchgesickert, dass die Bundesregierung das Rauchen teurer machen will. Es ist doch schon teuer genug. Für eine Schachtel Zigaretten habe ich neulich 7 Euro bezahlt.

    Daniela Ludwig: Jedes Jahr sterben in Deutschland 127.000 Menschen an den Folgen des Rauchens, und die deutsche Volkswirtschaft wird mit knapp 100 Milliarden Euro durch eben diese Folgen belastet. So darf das nicht bleiben! Rauchen kostet und verursacht Kosten – und zwar für alle, auch für Nichtraucherinnen und Nichtraucher. Wir reden über vermeidbare gesundheitliche und volkswirtschaftliche Schäden. Rauchen ist und bleibt legale Droge Nummer eins, die darf es nicht zum Dumpingpreis geben. Ich weiß, dass wir damit auf den ersten Blick keinen Blumentopf gewinnen, aber wir möchten gerade die Langzeit-Raucher und Raucherinnen vom Rauchen abbringen und potenzielle Neueinsteiger ausbremsen. Außerdem sollte ein Teil der Einnahmen direkt in die Krebsprävention fließen, das wäre ein wichtiger Schritt.

    Führt eine steigende Steuer und damit eine Preiserhöhung für Zigaretten dazu, dass mehr Raucher aufhören? Eher holen sie sich Zigaretten aus Polen oder Tschechien.

    Ludwig: Durch diverse wissenschaftliche Studien, unter anderem durch das Krebsforschungszentrum oder die Weltbank, ist eindeutig belegt, dass Preissteigerungen direkte Auswirkungen auf den Konsum haben. Ein Beispiel: Eine Steuererhöhung um 10 Prozent bewirkt einen Rückgang des Tabakkonsums bei Jugendlichen und Personen mit Niedrigeinkommen um bis zu 13 Prozent, bei Schwangeren um bis zu 10 Prozent. Das ist ja auch der Grund, weswegen Zigarettenschachteln in vielen unserer Nachbarstaaten 10 Euro und mehr kosten. Somit ist diese geplante Anhebung auch ein guter Schritt Richtung Jugendschutz, der für mich bei allen Drogenthemen im Mittelpunkt steht.

    In Tschechien kostet die Schachtel Zigaretten deutlich weniger. Viele Raucher werden sich dort eindecken…

    Ludwig: Das Thema Schwarzmarkt ist ein anderes. Nicht jeder Raucher, jede Raucherin nimmt „irgendwelche Kippen“ aus dubiosen Quellen oder ist gleich kriminell veranlagt. Was ich will, ist eine sinnvolle, moderne Politik gegen das Rauchen und nicht gegen die Raucher. Und dazu gehört zum einen, dass die Zigaretten teurer werden, zum anderen, dass Raucher mehr Hilfe bekommen, wenn sie mit dem Rauchen aufhören wollen. Wir arbeiten ja daran, dass die Kosten für Medikamente, die beim Rauchausstieg helfen, in Zukunft von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden.

    Zum Welt-Nichtrauchertag erklärt Drogenbeauftragte Daniela Ludwig, warum der Tabakkonsum teurer werden soll, was sie von E-Zigaretten und von Cannabis-Legalisierung hält.
    Zum Welt-Nichtrauchertag erklärt Drogenbeauftragte Daniela Ludwig, warum der Tabakkonsum teurer werden soll, was sie von E-Zigaretten und von Cannabis-Legalisierung hält. Foto: Gregor Fischer, dpa

    Die Tabakkonzerne beschweren sich bitterlich darüber, dass nun auch E-Zigaretten unter die Tabaksteuer fallen sollen. Bisher wird darauf nur die Mehrwertsteuer fällig. Von Preiserhöhungen von bis zu 57 Cent je E-Zigarette ist zu lesen. Warum wollen Sie das als Bundesregierung tun? E-Zigaretten sind doch viel weniger schädlich als normale Zigaretten.

    Ludwig: Nur weil E-Zigaretten weniger Schadstoffe abgeben, sind sie noch lange kein Wellnessprodukt. Wir wissen, dass in Verdampfern und Ähnlichem dennoch krebserregende Stoffe enthalten sind sowie meistens Nikotin, was stark abhängig macht. Außerdem ist bis dato viel zu wenig über die gesundheitlichen Langzeitfolgen bekannt, daher können wir auch keinen Freifahrtschein ausstellen. Es werden Milliarden mit Verdampfern und Erhitzern umgesetzt, somit müssen wir hier eine angemessene Lösung finden, ganz klar. Bisher wird bei E-Zigaretten nur die Mehrwertsteuer fällig, und Tabakerhitzer werden so niedrig besteuert wie Pfeifentabak. Das ist komplett unangemessen. Gerade junge Leute finden E-Zigaretten und Co. hip und werden daher auch ganz gezielt durch die Werbung angesprochen. Oder meinen Sie im Ernst, Slogans wie „be posh“ oder „Wann wechselst Du?“ plus Aromastoffe wie Kokos oder Mango zielen auf die Generation 50 plus?

    Wer raucht eigentlich heutzutage noch? Sind es mehr die Jungen oder mehr die Älteren, die schon Jahrzehnte paffen?

    Ludwig: Bei den jüngeren Raucherinnen und Rauchern hat sich viel getan – im positiven Sinne. Aus der aktuellen Drogenaffinitätsstudie wissen wir, dass die Raucherquote bei 12- bis 25-Jährigen auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Studiendurchführung in den 1970er Jahren liegt. 85,1 Prozent der Jugendlichen geben an, in ihrem Leben noch nie geraucht zu haben. Die Nie-Raucherquote bei 18- bis 25-Jährigen ist mit 45,9 Prozent auf dem höchsten Stand seit Start der Befragung 1973. Das ist natürlich eine megagute Entwicklung, die wir durch hartnäckige, langjährige Präventionsarbeit, aber natürlich auch durch Steuererhöhungen erreicht haben. Trotzdem können wir jetzt nicht aufhören und sagen: Passt so. Schließlich müssen wir auch die nächsten Generationen vor den Risiken des Rauchens schützen und bestenfalls zu Nie-Rauchern machen. Rauchen ist schlicht und einfach Selbstmord auf Raten und widerspricht jedem gesunden Lifestyle, auf den so viele Menschen mittlerweile Wert legen.

    Was ist mit den Älteren?

    Ludwig: Bei den älteren Langzeitrauchern sehen wir aber, dass es extrem schwer ist, sie vom Rauchen abzubringen. Sie wissen um die gesundheitlichen Folgen wie Asthma, Krebs und so fort, rauchen trotzdem weiter. Hier setzen wir als Bundesregierung neu an. Bei der aktuellen Bundesinitiative und Kampagne „Rauchfrei leben – Deine Chance“ habe ich als Drogenbeauftragte dafür gesorgt, dass zum ersten Mal alle Big Player des deutschen Gesundheitssystems an einen Tisch gebracht werden. Gemeinsam fahren wir jetzt jede Hilfe auf, die in der Republik verfügbar ist. Für einen Rauchausstieg ist es nämlich nie zu spät, und mit ärztlicher Unterstützung sind die Chancen auf Erfolg fünfmal höher.

    Brennen Sie sich selbst gerne mal eine an?

    Ludwig: Ich kenne so gut wie niemanden, der Zigaretten nicht schon mal ausprobiert hat. Mein Ding ist es nicht.

    Wenn die Jungen weniger Kippen rauchen, ist das eine gute Nachricht. Definitiv nicht weniger rauchen sie aber Marihuana. Die FDP will den Besitz von Cannabis legalisieren, die Grünen auch. Ist das nicht ehrlich und konsequent – die Polizei kommt doch sowieso nicht hinterher...

    Ludwig: Diese Argumentation bringt mich immer wieder auf die Palme: Es gibt Schwierigkeiten, also nehmen wir die auf den ersten Blick schnellste und einfachste Lösung – die Legalisierung. Ein totaler Trugschluss. Schauen Sie nach Kanada, in die USA: Dort gibt es noch den Schwarzmarkt für Cannabis, und die Konsumzahlen haben sich kaum geändert. Durch eine Legalisierung suggeriert man: Kiffen ist okay, weil legal. Das ist Schwachsinn. Rauchen und Alkohol sind legal, dabei auch nicht gut für die Gesundheit. Der Vergleich hinkt zwar an vielen Stellen, aber es ärgert mich einfach, wenn der Gedanke vorherrscht, dass eine Droge durch eine Legalisierung kein Problem mehr darstellt, die Sache einfacher oder besser macht. Weder die Polizei noch diverse Suchtmediziner möchten eine Legalisierung von Cannabis. So viel steht fest. Was viel sinnvoller und durchdachter wäre, ist der portugiesische Gedanke: Ordnungswidrigkeit bei Erstdelinquenten oder eine verpflichtende Beratung. Das könnte Vorbild für den Umgang mit Cannabis auch in Deutschland sein.

    Warum gab es dafür in den Reihen von CDU, CSU und SPD keine Mehrheit?

    Ludwig: Weil es eine sehr kontroverse und polarisierende Frage ist. Diese Debatte ist noch nicht am Ende. Ich bin sicher, dass uns das Thema in den kommenden Monaten begleiten wird. Da führt kein Weg dran vorbei.

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