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USA: Der zweite Katholik im Amt: Ist Joe Bidens Glaube Stütze oder Hindernis?

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Der zweite Katholik im Amt: Ist Joe Bidens Glaube Stütze oder Hindernis?

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    Mit der Hand auf der Bibel: Joe Biden bei der Vereidigung, bei der er auch um Gottes Hilfe bat.
    Mit der Hand auf der Bibel: Joe Biden bei der Vereidigung, bei der er auch um Gottes Hilfe bat. Foto: Andrew Harnik, dpa, AP

    Als Joe Biden am 20. Januar den Amtseid sprach, lag seine linke Hand auf einer dreizehn Zentimeter dicken, kiloschweren, mit Metallverschlüssen versehenen Bibel. Ein Douay-Rheims-Exemplar, das seit über hundert Jahren im Familienbesitz der Bidens ist. Es war ein Statement.

    Der neue US-Präsident entstammt einer irisch-amerikanischen Familie und ist Katholik, nach John F. Kennedy erst der zweite im Weißen Haus überhaupt. Und es ist davon ausgehen, dass der Schlusssatz seines Amtseides „So help me God“ nicht nur Ausdruck einer in den USA sehr ausgeprägten Zivilreligion ist, sondern mehr bedeutet.

    Hilft der Glaube Joe Biden oder erschwert er ihm das Tagesgeschäft?

    Was auch mit den Verlusten zu tun hat, die der 78-Jährige in seinem Leben zu verkraften hatte. Der frühere Senator verlor nicht nur seine erste Ehefrau und seine kleine Tochter bei einem Autounfall, er musste zudem erleben, wie sein ältester Sohn Beau 2015 einem Hirntumor erlag.

    In seinem zuletzt auch in deutscher Übersetzung erschienenen autobiografischen Buch „Versprich es mir – Über Hoffnung am Rande des Abgrundes“ beschreibt er den Moment, als er von der Diagnose erfuhr, so: „Ich fühlte mich, als hätte mich jemand niedergeschlagen. Ich griff nach meinem Rosenkranz und bat Gott darum, mir die Kraft zu geben, mit dieser Sache fertig zu werden.“

    Der Glaube hilft religiösen Menschen oft, Lebenskrisen zu überwinden. Die Frage ist, ob seine Konfession dem 46. US-Präsidenten auch im Amt hilft oder ob sie das politische Tagesgeschäft des Demokraten nicht sogar erschwert.

    Die Parteilinie der Demokraten steht oft in Opposition zur katholischen Lehre

    Dass Biden regelmäßig den Rosenkranz betet, ist für Michael Hochgeschwender „Ausdruck einer klassischen, im Volksglauben verankerten Frömmigkeit“. Der Theologe und Professor für Nordamerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München antwortet auf die Frage, wie katholisch Biden ist und was das für sein Amt bedeutet: „Er ist, wenn es um die persönliche Frömmigkeit, den regelmäßigen Messbesuch, das Rosenkranzgebet, aber auch die Treue zur katholischen Soziallehre geht, ein guter Katholik.

    Andererseits aber steht er auf der Parteilinie der Demokraten und dort zuweilen in Opposition zur katholischen Lehre. Zum Beispiel wenn es um die Frage der Abtreibung oder die Position zur Homosexuellen-Ehe geht.“ Biden bewege sich „auf einem schmalen Grat“.

    Das zeigte sich schon bald nach der Amtseinführung. Der Vorsitzende der amerikanischen Bischofskonferenz, José H. Gomez, Erzbischof von Los Angeles, hatte sich nicht ausschließlich euphorisch gezeigt, einen Glaubensbruder im Amt zu haben. Er wies vielmehr darauf hin, dass „unser neuer Präsident“ versprochen habe, bestimmte politische Maßnahmen zu verfolgen, die „moralische Übel vorantreiben und das Leben und die Würde des Menschen bedrohen“ würden. Gemeint waren unter anderem Schwangerschaftsabbrüche.

    Joe Biden will niemandem seine religiösen Überzeugungen aufzwingen

    Biden, der gegen Abtreibung ist, aber seine religiöse Überzeugung niemandem aufzwingen möchte, hatte dann auch vergangene Woche mit einem Dekret dafür gesorgt, dass Organisationen, die in Entwicklungsländern Familienberatung betreiben oder über Abtreibungen beraten, künftig nicht mehr – und wie noch unter Trump gültig – von Subventionen ausgeschlossen werden. Der Protest der amerikanischen Bischofskonferenz erfolgte prompt. Die Order verletze die Menschenwürde und sei „unvereinbar mit der katholischen Lehre“. So ist der Katholik Biden sehr schnell in Konflikt mit seiner Kirche gekommen.

    Andererseits glaubt US-Experte Hochgeschwender, dass die Bischöfe Biden, der ein erklärter Gegner der Todesstrafe ist, auch öffentlich loben werden, wenn er mit seiner Politik mit der Lehre der Kirche übereinstimme. Denn: „Zum Teil ist man dort froh, dass jemand im Amt ist, der weiß, wie man das Wort katholische Soziallehre aussprechen kann, und der weiß, was soziale Gerechtigkeit ist. Ich habe auch den Eindruck, dass man in Rom froh ist, dass Joe Biden Präsident ist. Da wird vermutlich auch aus Rom eine mäßigende Vorgabe kommen.“

    Der Papst gratulierte Joe Biden schon kurz nach dessen Wahlsieg

    Papst Franziskus und Joe Biden jedenfalls haben einen guten Draht. Vier Begegnungen zwischen beiden sind aktenkundig. Der 46. US-Präsident war 2013 bei der Messe zur Amtseinführung von Franziskus im Vatikan, damals als US-Vizepräsident. 2016, wenige Monate vor der Wahl Donald Trumps, besuchte Biden eine Konferenz über Reproduktionsmedizin im Vatikan, der Papst und der damalige Vizepräsident kamen damals zweimal privat zusammen. Die persönlichste Begegnung der beiden ereignete sich anlässlich der USA-Reise von Franziskus im Herbst 2015.

    Nur Monate zuvor war Beau Biden gestorben. Franziskus empfing die Familie privat in einem Hangar des Flughafens Philadelphia. „Er hat uns mehr Trost gespendet, als er sich selbst bewusst ist“, sagte Biden einige Zeit später über die Begegnung. Er wünsche jeder trauernden Familie, sich auf die Worte und das Gebet des Papstes stützen zu können.

    Papst Franziskus und Joe Biden haben einen guten Draht.
    Papst Franziskus und Joe Biden haben einen guten Draht. Foto: Andrew Medichini, dpa

    Bei allen Unterschieden in den Positionen gilt das persönliche Verhältnis zwischen Jorge Bergoglio und Joe Biden als Garantie für ein grundsätzliches Verständnis. Dass der Papst dem neuen Präsidenten schon kurz nach dessen Wahlsieg im November telefonisch gratulierte, wird im Vatikan auch auf diesen direkten Draht zurückgeführt. Laut einer Stellungnahme stellte Biden damals eine Zusammenarbeit in Aussicht bei Fragen wie der „Sorge um die Ausgegrenzten und die Armen“, dem Klimawandel und der „Aufnahme und Integration von Migranten und Flüchtlingen“.

    Professor Hochgeschwender bilanziert die ersten Amtswochen des Katholiken Biden so: „Es sind Auftritte, die versuchen, zu heilen, was sich seit 1960er Jahren an gesellschaftlichen Spannungen in den USA aufgestaut hat, aber unter Trump noch einmal verschärft wurde.“ Zu sehen sei das Bemühen um Überparteilichkeit, das Bemühen, die Opfer der Corona-Krise zur Kenntnis zu nehmen und Trost zu spenden. Das seien alles Dinge, die auch einen religiösen Hintergrund haben. „Wissen muss man, dass die katholische Staatslehre sehr sozialharmonisch ausgerichtet ist. Sie nimmt zwar zur Kenntnis, dass es unterschiedliche Interessen gibt, aber es geht ihr immer darum, Kompromisse auszutarieren. Auch das erkennt man bei Biden sehr deutlich.“

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