Knopf im Ohr, Doppelgänger oder der klassische Spickzettel. Bei theoretischen Führerscheinprüfungen wird immer wieder betrogen. Im vergangenen Jahr kamen die Prüfer in Hessen in 245 Fällen Menschen auf die Schliche, die zu täuschen versuchten, heißt es beim Tüv-Verband. Das waren 64 Fälle mehr als im Jahr 2023.
Nur ein kleiner Anteil der Fälle wird aufgedeckt
«Ich vermute, dass unsere Aufdeckungsquote bei 10 bis 20 Prozent liegt. Das ist nur eine Spitze des Eisbergs», sagt Uwe Herrmann, Leiter der Technischen Prüfstelle beim Tüv Hessen.
Hessenweit wurden demnach im vergangenen Jahr rund 140.000 Führerscheinprüfungen abgelegt. Gut jeder dritte Prüfling ist durch die praktische Führerscheinprüfung fürs Auto gefallen. Bei der theoretischen Prüfung lag die Durchfallquote nach Zahlen des Tüv-Verbands bei 40 Prozent.
Die Art der Täuschungen ist vielfältig. «Da ist der Knopf im Ohr und irgendwo sitzt eine Souffleuse oder ein Souffleur und sagt, was anzukreuzen ist.» Denn der Prüfling sei zusätzlich noch mit einer verborgenen Kamera, etwa am Revers, ausgestattet, erklärt Herrmann. Diese übertrage dann die Fragen, die heutzutage per EDV gestellt werden. Oder es gebe ein Vibrationskissen, das am Körper angebracht wird und in dem Moment anspringe, wenn man mit der Maus über die richtige Antwort streiche.
«Die Technik wird ausgefeilter»
«Die Technik wird ausgefeilter und ist uns stets einen Schritt voraus», sagt der Experte. «Die Kameras werden immer kleiner. Die Knöpfe im Ohr verschwinden ganz weit hinten.» Inzwischen könnten ganze Betrugssets im Internet bestellt werde. An den Prüfstellen wird zwar laut Tüv Hessen mit Körperscannern gearbeitet. Aber wir dürfen niemanden anfassen und schon gar nicht entkleiden. «Wir hinken da immer hinterher.»
Die Prüfer in Hessen haben aber auch mit anderen Betrugstechniken zu kämpfen. Da gibt es die sogenannte Stellvertreter-Täuschung, eine Art Doppelgänger-Trick. Dabei übernimmt jemand anderes die Prüfung und täuscht eine falsche Identität vor. Und manchmal wird den Angaben zufolge auch noch ein Spickzettel genutzt.
Folgen könnten gefährlich werden
Die Folgen der Tricksereien könnten jedoch gefährlich werden. «Wer sich um die Theorieprüfung drückt, hat oftmals nicht zugehört oder hat sie nicht verstanden. Das ist auch teilweise ein Sprachproblem», sagt Herrmann. Unwissende Prüflinge seien dann auch eine Gefahr für den Straßenverkehr, gerade in Deutschland wo es oftmals noch immer keine Geschwindigkeitsbegrenzung gebe.
Ähnlich sieht es die Deutsche Verkehrswacht: «Um sicher am Straßenverkehr teilnehmen zu können, brauchen wir bestimmte Fähigkeiten, Erfahrungswerte und relevantes Wissen. Wenn dieses Wissen fehlt, kann ich es in den entsprechenden Situationen auch nicht anwenden und erhöhe schlimmstenfalls das Unfallrisiko», sagt ein Sprecher.
Dabei gehe es nicht nur um Verkehrszeichen. Die theoretische Fahrausbildung beinhaltet auch viel Wissen zum richtigen und sicheren Verhalten, der Einschätzung von Verkehrssituationen oder der Risikobewertung. Und: «Grundsätzlich ist es mehr als enttäuschend, dass Betrug überhaupt so ein Thema ist und viele Fahrschülerinnen und Fahrschüler nicht mit der nötigen Haltung an die Fahrausbildung rangehen.»
Tüv fordert härtere Strafen
Mit Ausnahme der strafrechtlich relevanten Stellvertreter-Täuschung wird der Betrug jedoch weder als Straftat noch als Ordnungswidrigkeit geahndet, wie es beim Tüv Hessen heißt. Es gebe nur die Möglichkeit für Fahrererlaubnisbehörden, eine Sperrfrist von bis zu neun Monaten bis zur Prüfungswiederholung zu verhängen. «Da brauchen wir dringend härtere Strafen», sagt Herrmann. Andere Länder seien deutlich strikter.
Dem Tüv-Verband in Berlin zufolge ist es besonders alarmierend, dass 58 Prozent der bundesweit Täuschenden professionell agieren.
«Das ist teils ein richtig organisiertes Geschäft.» Manche angehende Prüflinge werden nach dem Theorie-Unterricht vor der Fahrschule abgefangen und angesprochen, wie Herrmann berichtet. Ihnen wird dann angeboten, gegen einen gewissen Geldbetrag, Hilfe bei der Theorieprüfung zu bekommen.
2021 wurde der Führerschein bundesweit fast 10 Prozent teurer
Dass ein Scheitern teuer ist, zeigt ein Blick auf die zuletzt deutlich gestiegenen Kosten für einen Führerschein. Pauschale Preise gibt es zwar wegen des unterschiedlichen Schulungsaufwands nicht und die Fahrschulen können die Preise für Fahrstunden oder Unterricht selbst festlegen. Dem ADAC zufolge kostete ein Auto-Führerschein zuletzt aber zwischen 2.500 und 4.400 Euro.
Und: Die Preise stiegen zuletzt deutlich schneller als die allgemeine Inflation. Die größte Differenz gab es im Corona-Jahr 2021, als der Führerschein um 9,6 Prozent kostspieliger wurde - bei einer allgemeinen Preisentwicklung von 3,1 Prozent, wie aus Daten des Statistischen Bundesamts hervorgeht.

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