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Ausstellung „Home again“ im Ulmer Stadthaus zu Migration, Erinnerung und Zuhause

Ulm

Migration, Erinnerung und Zuhause: Nichts ist sicher – außer der Wandel

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    Kluft zwischen Arm und Reich: Eine Notbehausung in einem Wohnzimmer gut situierter Bewohner zeigt dieses Werk von Jana Sophia Nolle.
    Kluft zwischen Arm und Reich: Eine Notbehausung in einem Wohnzimmer gut situierter Bewohner zeigt dieses Werk von Jana Sophia Nolle. Foto: Florian L. Arnold

    Dass das Medium der Fotografie der Erinnerung auf die Sprünge hilft, ist nichts Neues. Dass parallel zum AfD-Landesparteitag in Ulm diese Ausstellung öffnet, sei, so Stadthaus-Leiterin Karla Nieraad, ein „glücklicher Zufall“. Man hatte die Ausstellung schon terminiert, als die rechtsgerichtete Partei ihren Parteitag noch gar nicht öffentlich gemacht hatte. So aber befinde man sich in der Lage, mit dieser Schau einen Kommentar geben zu können gegen populistische und simple Antworten, die es auch aus Sicht von Projektleiterin Daniela Yvonne Baumann „heute einfach nicht geben kann“. Die Ausstellung im Ulmer Stadthaus ist emotional packend, facettenreich und zeigt, wie sich professionelle Fotografen mit klaren Konzepten und Langzeitprojekten über die Entwertung des Bildes in der Zeit digitaler Bilderfluten absetzen können – und so etwas sichtbar machen, was dem kollektiven Gedächtnis entgeht.

    „Home Again“ zeigt 14 Positionen zeitgenössischer Fotografie und Videokunst

    Die Gruppenausstellung „Home Again“ zeigt 14 Positionen zeitgenössischer Fotografie und Videokunst, die sich mit der menschlichen Anpassungsfähigkeit in einer fortwährend sich rasant verändernden Welt auseinandersetzen. 2022 vom Kuratoren-Team Andy Heller und Oliver Krebs für das Willy-Brandt-Haus in Berlin konzipiert, zeigt das Stadthaus diese Ausstellung in einer deutlich erweiterten Form – denn die zahlreichen Denkanstöße, die sie geben kann, haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Sortiert sind die Beiträge nach den Themen „Migration“, „Zuhause“ und „Erinnerung“. Die Fotografen blicken in ihren Arbeiten über das Dokumentarische hinaus, zeigen den Zerfall von Lebensräumen infolge politischer Prozesse oder des Klimawandels.

    Die „Erinnerung“ hält Wiebke Loeper mit ihrem Projekt „Moll13“ wach, indem sie Fotos aus einem längst abgerissenen DDR-Wohnkomplex zeigt. Das ist aber, obgleich es sich zumeist um Fotos aus dem Familienalbum handelt, keine rein persönliche Aufarbeitung einer verschwundenen Heimat. Es geht um mehr: um die Frage nach dem, was eine Erinnerung formt und wie sich diese Erinnerung im Laufe der Zeit verändert. Loeper publizierte ihre Fotografien als Buch – dieses ist in der Ausstellung als Projektion zu sehen. Co-Kurator Oliver Krebs zeigt spiegelnde, vernebelte, verstaubte Glasflächen, hinter denen sich Szenen und Objekte nur schemenhaft ausmachen lassen.

    Blick auf „Tatorte“: Übergriffe auf Migranten im Fokus

    Die Abteilung „Migration“ im Kabinett versammelt zugleich die berührendsten Positionen der Gemeinschaftsausstellung. Minna Rainio und Mark Roberts zeigen in ihrer Videoarbeit „Our Land“ Menschen aus Finnland mit Migrationshintergrund. Sie singen gemeinsam die finnische Nationalhymne, in der von der „Erde der Väter“ die Rede ist und der „Fremde vorüberzieht“. Doch diese Menschen sind keine Fremden, sie sind aus allen Regionen der Welt gekommen, um zu bleiben – und beweisen es, indem sie in einer der komplexesten Sprachen der Welt singen. In den Fotos von Eva Leitolf blicken wir zumeist auf „Tatorte“. Orte, an denen es Übergriffe auf Migranten. Leitolf sammelte Pressemeldungen, suchte die Orte dieser Ereignisse auf und recherchierte. Das Ergebnis sind leise Fotos, die, wenn man die Geschichte dahinter kennt, eine lautlose Dramatik offenbaren. Gegenüber zeigt Göran Gnaudschun mit Porträts und Ortsbestimmungen ähnliche Schicksale wie Leitolf – doch anders als diese thematisiert er individuelle Schicksale von Menschen, die „das bessere Leben“ suchten und – zumeist – nicht fanden. Überaus eindrücklich auch die „Chairs“ von Elena Subach. Als in den ersten Tagen des Ukrainekriegs massive Flüchtlingsströme an der slowakischen Grenze eintrafen, war Subach vor Ort. Doch sie drang nicht in die herzzereißenden Abschiedsszenen ein, sondern fotografierte die Stühle, auf denen die Abschiednehmenden saßen – Stellvertreter für einen Ausdruck von Traurigkeit, wie sie die Fotografin selbst noch nicht erlebt hatte.

    Was also kann in unsicheren Zeiten überhaupt „Zuhause“ sein? Diese dritte Abteilung zeigt sehr unterschiedliches: Highways in und um Los Angeles – und Highways in Teheran. Beide Systeme wurden vom Stadtplaner Victor Gruen, einem aus Österreich geflohenen Juden, umgesetzt. Teheran hatte dieses Stück „American Way of Life“ 1968 bestellt, nach der Revolution wurde der Ausbau weitgehend beendet. Für Exil-Iraner aber ein Stück Zuhause: Sie sind mehrheitlich in und um L.A. angesiedelt, auch deshalb, weil Landschaft und Highwaysysteme an das verlorene Zuhause erinnern.

    Aus Zugvögeln werden Dauergäste

    Jana Sophia Nolles Fotoserie „Lving Room“ zeigt Wohnzimmer aus gut situierten Häusern. In diesen Wohnzimmern stehen Gebilde aus Kartons und Plastikfolie, zeltartige Gebilde. Man denkt zunächst an „Burgen“, die Kinder gebaut haben können, wird aber schnell stutzig: zu groß, zu bizarr. Tatsächlich sind dies nachgebaute Notbehausungen von Obdachlosen, die Nolle in den feinen Living Rooms betuchter Bürger in Berlin und San Francisco nachbaute. Ein krasser Einfall, der die immense Kluft zwischen Arm und Reich adressiert. Dass „Zuhause“ auch ständiges Anpassen bedeuten muss, zeigt Andy Hellers „Staygration“. Sie fotografierte Störche in Portugal – die dort, anstatt Rast zu machen, infolge des Klimawandels auf den Rest der Reise nach Afrika verzichten und in Portugal bleiben. Waren es Mitte der 1990er noch rund 1200 Tiere, die blieben, sind es mittlerweile 14.000 Tiere. Sie passen sich an, aus Zugvögeln werden Dauergäste, werden Einheimische. „Zuhause“ ist ein Begriff der Veränderung geworden. Die Ausstellung im Ulmer Stadthaus ist bis 12. Januar 2025 zu sehen. Ein Booklet zur Ausstellung sowie Künstlerkataloge sind am Schriftenstand im Obergeschoss erhältlich.

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