Digitale Netzwerke sind für Jugendliche wie selbstverständlich Teil des Lebens. Dort unterhalten sie sich mit dem Freundeskreis, dort zocken sie gemeinsam – und dort informieren sie sich sehr oft auch, zum Beispiel über die Bundestagswahl. Soziale Netzwerke sind allerdings auch ein Ort für Desinformation und Fake News – und da wird es dann problematisch. „Es ist teilweise schon unfassbar, was da verbreitet wird“, sagt Johannes Heinrich. Der Schüler aus Bad Wörishofen ist Teil eines europaweiten Faktencheck-Projekts von Jugendlichen gemeinsam mit der Nachrichtenagentur dpa. Er hat gelernt, den Fälschern auf die Schliche zu kommen – und verrät ein paar Tricks.
Im Teen Fact-Checking Network (TFCN) prüfen „Jugendliche selbst Behauptungen und teilen ihr Wissen in Videos mit Gleichaltrigen“, schildert die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Sie gehört nach eigener Darstellung zu den weltweit führenden unabhängigen Nachrichtenagenturen. Zuletzt erweiterte die dpa das Netzwerk an jugendlichen Faktencheckern mit Partnern in Europa. „Seit wir Teil des Teen Fact-Checking Network sind, wollen wir es in Europa ausbauen und mehr Länder an Bord holen“, sagte Teresa Dapp, die Leiterin der Faktencheck-Redaktion bei dpa zum Auftakt. „Ich freue mich sehr, dass wir das nun umsetzen können. Das Engagement vieler Teens ist beeindruckend.“
„Die Möglichkeiten in sozialen Netzwerken sind toll“, sagt Johannes - aber es gibt Schattenseiten
Zu diesen Teens gehört auch der 14 Jahre alte Johannes aus Bad Wörishofen im Unterallgäu. Der Gymnasiast nutzt Online-Netzwerke ebenso intensiv wie viele seiner Altersgenossinnen und Altersgenossen. „Die Möglichkeiten sind toll; abends spielen wir mit einem Kumpel aus Spanien und können uns dabei unterhalten, es gibt Lerntipps, unendliches Wissen, genaue Anleitungen für praktisch jede Tätigkeit und interaktive Livestreams mit Millionen Zuschauern, jetzt auch noch künstliche Intelligenz“, schildert er. „Aber es gibt auch unfassbar viele Fake News.“ Diese werden auch Johannes regelmäßig in seinen sozialen Netzwerken angezeigt. Als er vom Teen Fact-Checking Network hörte, stand für ihn deshalb schnell fest: „Da will ich mitmachen.“
Seine Bewerbung hatte Erfolg und seither arbeitete Johannes über mehrere Monate in einem Team mit dpa-Coaches und einigen anderen Jugendlichen am Aufspüren und Richtigstellen von Falschinformationen in den sozialen Netzwerken. Besonders im Visier hatten sie dabei die Plattformen Tiktok und Instagram, die bei Jugendlichen derzeit besonders beliebt sind – und bei Fake-News-Produzenten. „Manches davon ist so verrückt, dass man es sofort erkennt, andere Lügen werden aber sehr clever verbreitet“, sagt Johannes.
In eigenen Videos decken die jugendlichen Faktenchecker Fake News auf
Die jugendlichen Faktenchecker haben unter der Anleitung der dpa-Rechercheprofis eigene Videos erstellt und bei Tiktok und Instagram veröffentlicht. Darin decken sie Fake News auf. Johannes hat sich um die angebliche Millionenvilla in Kalifornien gekümmert, die man der Grünen-Vorsitzenden Franziska Brantner angedichtet hat. „Eigentlich kann man ziemlich schnell herausfinden, dass diese Geschichte erfunden ist“, sagt Johannes. „Oft reicht es schon, in einer Suchmaschine ein paar Stichwörter einzugeben oder die Bilder-Rückwärtssuche zu nutzen“, rät der 14-Jährige. „Dann sieht man oft schon, wo das Foto bereits veröffentlicht wurde.“ Die angebliche Brantner-Villa entpuppte sich so schnell als privates Museum.
Das rät Faktenchecker Johannes allen, denen angebliche Skandalmeldungen begegnen
Johannes hat einen Tipp für alle, denen angebliche Skandalmeldungen in den sozialen Netzwerken begegnen: „Die Quelle prüfen und wenigstens kurz checken, ob das wahr sein kann, bevor man etwas weiterleitet.“ Um Videos auf die Spur zu kommen, die mit künstlicher Intelligenz gefälscht wurden, lohne es sich, in den Filmen auf den Hintergrund zu achten. Da sei KI oft noch schlampig, hat Johannes bei der dpa gelernt. Auch bei Schattenwürfen könne man derzeit noch erkennen, dass getrickst wurde. Wenn Politiker vor Wahlen angeblich skandalöse Dinge gesagt haben sollen, helfe es, in dem Video auf die Lippenbewegung zu achten, hat Johannes erfahren. Wenn diese nicht zum Text passen, liegt eine Fälschung nahe. Johannes war von dem Projekt begeistert. „Fakten checken ist einfacher als viele denken – und es lohnt sich“, sagt der Gymnasiast.
Neben der dpa in Deutschland gehören Projektpartner in Spanien, Bulgarien, Österreich, Finnland und Portugal zum Netzwerk, das zu den Videos der Jugendlichen passende Lehrmaterialien produzieren wird, damit sie im Medienkompetenz-Unterricht genutzt werden können. Aufgebaut wurde das Netzwerk nach Angaben der dpa in den USA 2019 von Mediawise, einer Initiative der US-Journalistenschule Poynter Institute. (AZ)
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