MZ: Herr Schmid, Sie sind einer der meistgelesenen Philosophen Deutschlands, regelmäßig Gast in Talkshows und leben seit vielen Jahren in Berlin. Ursprünglich kommen Sie aber aus Billenhausen bei Krumbach. Wie fühlt es sich an, jetzt wieder so nah der Heimat zu lesen?
WILHELM SCHMID: Wunderschön! Ich liebe es, hier zu sein. Ich bin auch sehr gern in Berlin, das ist seit langer Zeit meine Wahlheimat, aber Schwaben ist mir immer noch wichtig.
MZ: „Heimat finden“, „Den Tod überwinden“, „Schaukeln“ sind drei der Bücher, die Sie zuletzt veröffentlicht haben. Was hat Sie dazu bewogen, sich in Ihrem neuen Buch mit der „Suche nach Zusammenhalt“ zu beschäftigen?
SCHMID: Es sieht vielleicht so aus, als würde ich über „Kraut und Rüben“ schreiben, aber das ist nicht so. Mein großes Thema ist „Lebenskunst“ – was brauchen Menschen, um ihr Leben besser bewältigen zu können? Das beginnt beim Umgang mit sich selbst, geht weiter mit den Anderen, um Themen wie Liebe, Freundschaft und auch Feindschaft. Dann kommen wir weiter heraus, zur Heimat. Und dann war klar: Irgendwann geht es um die Gesellschaft. Vor fünf Jahren sagte ich zu meinem Lektor: „Jetzt ist es so weit. Aber das Buch müsste jetzt auch schon erscheinen.“ Das war vor fünf Jahren. Er meinte nur: „Machen Sie sich keine Sorgen, das wird noch aktueller.“ Jetzt stehen wir an dem Punkt, jetzt trifft es tatsächlich mitten rein in die Aktualität.
MZ: Was bedeutet Zusammenhalt in der aktuellen Zeit konkret für Sie?
SCHMID: Wir haben, glaube ich, alle den Eindruck, dass wir auseinanderdriften. Das ist nicht nur etwas, das wir in Medien hören und sehen, sondern etwas, das wir auch in unseren eigenen Familien- und Freundeskreisen wahrnehmen. Zum Beispiel, dass ich mit Freunden über bestimmte Themen nicht mehr sprechen kann. Das kann nicht auf Dauer so bleiben. Wir müssen hier zusammenleben und da stellt sich eben die Frage: Wie können wir gut zusammenhalten? Es bleibt uns das gemeinsame Interesse an Lebensfragen.
MZ: Immer wieder geht es bei Ihnen um das „Ich“ und das „Wir“. Was kann das „Ich“, das Individuum, tun, um etwas beizutragen zum „Wir“, dem Zusammenhalt der Gesellschaft?
SCHMID: Einer der wichtigen Punkte ist Verlässlichkeit. Unsere Gesellschaft leidet an zu wenig Verlässlichkeit. Ich stelle in meiner Umgebung fest, dass ich mich nicht darauf verlassen kann, dass eine Verabredung eingehalten wird. Das ist nicht gut für den Zusammenhalt. Vertrauen ist die Basis jeder kleinen Gemeinschaft – zwischen Paaren, in Familien, im Freundeskreis, aber eben genauso im Dorf, der Stadt, der Region. Überall brauchen wir Vertrauen zueinander, und die Basis des Vertrauens ist immer Verlässlichkeit.
MZ: Was sind für Sie die wichtigsten drei Werte, die eine Gesellschaft braucht?
SCHMID: Verlässlichkeit. Freundlichkeit. Und vielleicht sogar Liebenswürdigkeit.
MZ: Liebenswürdigkeit? Können Sie das genauer erklären?
SCHMID: Naja, freundlich kann ich zu jedem Menschen auf der Straße sein. Liebenswürdig geht noch einen Schritt weiter. Durch Freundlichkeit entsteht schon ein bisschen Wärme, durch Liebenswürdigkeit noch ein bisschen mehr. Und wir brauchen mehr Wärme. Überall, wo ich bei der Arbeit an diesem Buch Menschen begegnet bin, haben sie gesagt: „Wir werden nicht gesehen, wir werden nicht gehört, wir werden nicht verstanden.“ Warum ist das so? Weil niemand schaut, weil niemand hört, weil niemand verstehen will. Deshalb habe ich beschlossen, ich will das alles tun. Denn das ist die Basis des Zusammenhalts.
MZ: Ein bedeutender Begriff Ihrer Philosophie ist die Lebenskunst. Was unterscheidet Lebenskunst von einem glücklichen Leben?
SCHMID: Lebenskunst hat zwei große Abteilungen. Abteilung 1: Es geht darum, das Leben zu genießen; auch zu lernen, zu genießen. Wofür ist Leben denn sonst da, wenn nicht dafür, es zu genießen? Aber es gibt auch Abteilung 2: Es geht darum, die ungenießbaren Seiten des Lebens zu akzeptieren und gut damit umzugehen. Niemand bestellt sie, aber sie werden geliefert: Enttäuschungen, Verletzungen, Krankheiten, möglicherweise noch größeres Leid. Es geht im Leben nicht um Glück, und auch nicht allein um das gute Leben. Deswegen bin ich so skeptisch gegenüber diesen Begriffen, denn je mehr Menschen davon träumen, dass sie immer ein glückliches Leben führen, desto unglücklicher werden sie.
MZ: Darf man sich in Zeiten der Krise überhaupt Genuss gönnen?
SCHMID: Es ist schon in Ordnung, gerade in der Gegenwart, die für viele Menschen bedrohlich erscheint, sich Ecken zu reservieren, in denen wir uns gut fühlen. Mir gefällt es, einen guten Kaffee zu trinken. Die Stunde, in der ich das tue, ist für mich eine willkommene Auszeit. Ich weiß, das wird häufig als Flucht betrachtet. Und ja, natürlich brauchen wir unsere kleinen Fluchten.
MZ: Was wünschen Sie sich, was Leserinnen und Leser von Ihrem Buch und der Lesung mitnehmen?
SCHMID: Das Schönste wäre, wenn sie danach sagen: „Wow, das war mir nicht klar, in welchem Reichtum wir leben und was für eine tolle Gesellschaft wir haben.“ Das können wir erfahren, wenn wir auf andere zugehen, uns interessieren, andere sehen und versuchen, zu verstehen. Dann haben wir alle mehr davon. Ich verspreche, in meinem Buch steckt eine Fülle an Einblicken in die Gesellschaft. Es ist außerdem die Buchpremiere, das wird sicherlich ein interessanter Abend werden.
Die Lesung „Wie wir die Demokratie stärken - Die Suche nach Zusammenhalt“ findet am 17. März um 19.30 Uhr im Mindelheimer Forum statt. Die Veranstaltung wird organisiert vom Ökumenischen Arbeitskreis „Demokratie leben“. Schmid stellt dort sein neues Buch „Die Suche nach Zusammenhalt“ vor, das am 17. März erscheint.
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