Sonja (Karoline Herfurth) und Milan (Friedrich Mücke) haben sich gerade getrennt und für das Nest-Modell entschieden. Die Kinder bleiben in der gemeinsamen Wohnung und werden im Wechsel von Mutter oder Vater betreut. Nun sitzen die beiden bei der Paartherapeutin und schlagen sich die gegenseitigen Versäumnisse in bester Pingpong-Manier um die Ohren. Doch zwei Marmeladengläser und ein paar Perlen sollen die Lösung bringen.
Karoline Herfurth setzt ihren Film „Wunderschön“ fort
Die Therapeutin unterbricht den lautstarken Streit effektvoll mit einer Holzratsche und stellt die beiden Gläser auf den Tisch. Auf dem einen steht „Licht“, auf dem anderen „Schatten“. Die Aufgabe lautet nun: Hat ein Elternteil etwas Gutes zum Gelingen des Familienmodells beigetragen, soll der andere Elternteil eine rote beziehungsweise blaue Perle ins Licht-Glas werfen. Ins Schatten-Glas steckt man nur eine Perle mit der eigenen Farbe, wenn man der Meinung ist, selbst etwas falsch gemacht zu haben. Ein einfaches Konzept, das von den Beteiligten einen Perspektivenwechsel verlangt: positive statt defizitäre Wahrnehmung, Selbstkritik statt gegenseitige Vorwürfe.
Um den Wechsel der Perspektive und einen anderen Blick auf Geschlechterrollen ging es schon in Karoline Herfurths Regiearbeit „Wunderschön“, die vor drei Jahren 1,7 Millionen Zuschauende ins Kino lockte. Anhand von fünf Frauenfiguren aus unterschiedlichsten Generation wurden hier Schönheitsideale hinterfragt und um eine neue, weibliche Sichtweise gerungen. Dabei gelang es Herfurth, den patriarchalen Status quo in lockerer, komödiantischer Form zu unterminieren, ohne ins Pamphlet zu verfallen. In der Fortsetzung „Wunderschöner“ bedient sich Herfurth nun erneut der Episodendramaturgie, um ein vielfältiges Bild gesellschaftlicher Strukturen aufzuzeigen.
Anja Kling und Emilia Schüle spielen in „Wunderschöner“
Im Fokus steht die Karrierefrau Nadine (Anneke Kim Sarnau), Mutter von drei Kindern und mit dem amtierenden Finanzsenator Philipp (Godehard Giese) verheiratet. Sport, Botox, stilvolle Kleidung – mit 50 tut sie alles, um noch attraktiv und sexy zu sein. Mit ihrem Mann verbindet sie eine sinnliche Beziehung auf Augenhöhe, bis sie von einer Journalistin (Jasmin Shakeri) erfährt, dass Philipp mit einer jungen Prostituierten gesehen und fotografiert wurde. Um herauszufinden, was ihren Mann daran reizt, bucht sie die besagte Escortdame und stellt schnell fest, dass die junge Frau nach einer Abtreibung in einem schlechten Zustand ist. Sie nimmt Nadja (Bianca Radoslav) mit zu sich nach Hause und stellt ihren Mann zur Rede, der jedoch nur lapidare Rechtfertigungen hervorbringt. Wenig später wird der Skandal öffentlich und reißt die Familie mit Gewalt auseinander.
Derweil hat Julie (Emilia Schüle), die sich im ersten Teil als Model mit sexistischen Normen der Branche konfrontiert sah, einen neuen Job als Produktionsassistentin bei einer TV-Show angefangen. Star-Moderatorin Regine Zuckowski (Anja Kling) regiert hier mit harter Hand. Als Redaktionsleiter Paul (Samuel Schneider) übergriffig wird, muss Julie sich entscheiden, ob sie den Vorgesetzten bei der Personalabteilung anzeigt. Auf die Unterstützung ihrer Chefin darf sie dabei nicht hoffen, denn die will von Me-Too nichts mehr hören. Ein weiterer Erzählstrang konzentriert sich auf eine Gruppe von Schülerinnen, die im Zuge eines Projekttages mit ihrer Lehrerin Vicky (Nora Tschirner) ein Klitoris-Kunstprojekt vom Zaun brechen, während die Jungs der Klasse zu einer Arbeitsgruppe zur „geschlechtsspezifischen Prävention“ des BKA-Mitarbeiters Trevor (Malick Bauer) verpflichtet wurden.

„Wunderschöner“ ist ein Sittengemälde der Geschlechterrollen
Viel Stoff für zwei Kinostunden. Aber was auf dem Papier vielleicht überladen ausschaut, baut Herfurth auf der Leinwand zu einem schlüssigen und vollkommen gegenwärtigen Sittengemälde aus, das die Geschlechterrollen und patriarchalen Machtverhältnisse vielschichtig befragt. Dabei gelingt es ihr bestens, das Persönliche ohne didaktische Schmauchspuren mit dem Politischen zu verbinden, indem sie nie die Nähe zu den Figuren aufgibt und sich immer wieder beherzt der Komplexität der Verhältnisse stellt.
Im Vergleich zum Vorgängerfilm geht „Wunderschöner“ deutlich mehr in die Tiefe, stellt sich mit klarer Haltung und Sprache den Konflikten und findet punktuell auch den Mut zum echten Drama. Ihr feministisches Anliegen verhandelt Herfurth selbstbewusst auf dem Boden des Unterhaltungskinos, das sich nicht selbstzufrieden in eine Nische kuschelt, sondern sich mit tragikomischen Gespür an das breite Publikum richtet. In Bestform zeigt sich auch das Ensemble. Neben der stets verlässlich lässigen Nora Tschirner überzeugt vor allem in der Rolle der betrogenen Karrierefrau Anneke Kim Sarnau, die die Fassungslosigkeit und das interne Wutmanagement ihrer Figur plastisch herausarbeitet.
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