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„Schlau aber blond“: So klingt das neue Album von Shirin David

„Schlau aber blond“

Feminismus durch die Hintertür: So klingt das neue Album von Shirin David

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    Rapperin Shirin David veröffentlicht mit „Schlau aber blond“ ihr drittes Album.
    Rapperin Shirin David veröffentlicht mit „Schlau aber blond“ ihr drittes Album. Foto: Joerg Carstensen, dpa

    Sie sei „FSK 16“, behauptet Shirin David im gleichnamigen Song, einer Art Acapella-Rap. „Nur weil ich berühmt bin, bin ich noch lange kein Vorbild.“ Und in einem Video, in dem die Rapperin über ihre neuen Lieder spricht, weist sie eine eventuelle Mentorinnen-Rolle für junge Mädchen von sich: „Ich bin meine ganz eigene Person und für die Erziehung der Kinder nicht zuständig.“

    Andererseits: Es gibt deutlich schlechtere Vorbilder für junge Teenagerinnen und Teenager als diese Rapperin aus Hamburg, die mit vollem Namen Barbara Schirin Davidavicius heißt und im April 30 Jahre alt wird. Sie wächst mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrer jüngeren Schwester Pati auf - ohne viel Geld, aber mit viel klassischer Bildung. Als Kind lernt sie Klavier, Geige und Oboe, später tanzt sie Ballett und nimmt an der Hamburger Jugendopern-Akademie Unterricht in Schauspiel, Tanz und Gesang.

    Offen bisexuell und operationsoptimiert: Shirin David polarisiert

    Doch David entdeckt den Rap, schmeißt kurz vor dem Abitur die Schule und startet einen Youtube-Kanal mit inzwischen knapp drei Millionen Abonnenten. Kurzum: Shirin David ist wohl gerade der größte deutsche Popstar. Sieben Singles konnte sie bisher auf Rang eins platzieren, die beiden Alben „Supersize“ (2019) und „Bitches brauchen Rap“ (2021) liefen ebenfalls famos, und „Bauch Beine Po“, die grundsympathische erste Single aus „Schlau aber blond“ wurde zum Sommerhit 2024 gekürt.

    Nun folgt das komplette Album, und erst mal bleibt man am Titel hängen. „Schlau aber blond“. Wie meint sie das? Im gleichnamigen Song, so David, gehe es darum, „sich extra blöd zu verkaufen, um das zu bekommen, was man möchte, weil dein Gegenüber ja eh glaubt, dass du nichts in der Birne hast.“ Eine „weise Frau namens Daniela Katzenberger“ habe einmal gesagt, sei schlau, stell dich dumm. Das könne sie nur unterstreichen. Mit ihrem Powerfrauen-Feminismus kommt David also durch die Hintertür, aber wenn sie erst mal im Raum steht, zieht sie die Fäden.

    Verteidigt zum fünften Mal in Folge mit ihrem frisch gekürten Sommerhit "Bauch Beine Po" die Single-Spitze: Rapperin Shirin David.
    Verteidigt zum fünften Mal in Folge mit ihrem frisch gekürten Sommerhit "Bauch Beine Po" die Single-Spitze: Rapperin Shirin David. Foto: Jonas Walzberg, dpa (Archivbild)

    Sie sei oft wütend, dass die Dinge so unfair laufen in der Gesellschaft, in der Politik, in den Branchen, in denen sie arbeitet. David – offen bisexuell und operationsoptimiert sowie „100 Prozent gegen die AfD“, wie sie in einem Interview sagte. Sie habe ständig das Gefühl, nicht ganz für voll genommen zu werden, von Männern wie von anderen Frauen. Alle seien überrascht, wenn sie Sätze geradeaus sagen könne. „Egal, wie schlau ich bin, am Ende bin ich halt einfach immer blond.“ Deshalb der Albumtitel. Eine quintessenzieller Shirin-David-Moment: Ihr Auftritt bei „Wetten Dass…“ Ende 2023. Auf Thomas Gottschalks Spruch „Ich hätte dir die Feministin nicht angesehen“, konterte die Künstlerin lässig: „Warum denn nicht? Als Feministinnen können wir gut aussehen, klug sein, eloquent und wunderschön zugleich.“

    Dieses Statement zieht sich als roter Faden durchs neue Album. Die neuen Songs sind nicht mehr so wütend, hart und schwer wie noch auf dem „Bitches brauchen Rap“-Album. Vielmehr umweht das gesamte Werk eine sanfte Brise des Wohlgefühls. Das quietschgutgelaunte „Küss mich doch“ spielt auf einer „Yachti“, handelt von Küsschen, Cocktails und Bikini-Glückseligkeit und ist mehr Pop als Rap. Man fühlt sich musikalisch an die Janet Jackson der Neunziger erinnert, an Bands wie En Vogue oder Salt ’n‘ Pepa.

    Auf „Schlau aber blond“ rappt Shirin David auch über die Liebe

    Shirin David bringt ihre Version einer unbeschwerten Leichtigkeit des Seins auf den Punkt. Die Beats hämmern bisweilen („Iconic“) immer noch hart, und manch ein Stück wie „GRWM“ hat, wie David selbst sagt, einen „fotzigen Vibe“. Aber das Allermeiste ist lässig, Champagner-launig und ein bisschen „Baden-Baden“. Jenes schicke Städtchen im Schwarzwald, dessen „bonzige Art“ David offenbar schätzt. Irgendwann wolle sie an so einem Ort leben, an dem man „nice“ leben und denken könne: „Wir sind die Geilsten auf dieser Welt.“

    Auch über die Liebe singt und rappt David, in „Größter Fehler“ zum Beispiel oder in „Wenn ich dich seh“. Sie sagt, Liebeslieder seien nicht ihre Stärke, aber auch dieses Sujet meistert sie mit Witz, ein wenig Frivolität und ein paar überdurchschnittlich originellen Drehs. Dass sie mithilfe ihrer Songs ihre Fantasien einer „Wifey“, die sich den Spaß vom Geld des Mannes finanzieren lässt, auslebt, sich morgens Matcha Latte und Selleriesalat macht, den restlichen Tag den Luxusbody pflegt und sich ums eigene Wohlbefinden kümmert, sei ihr gegönnt und macht beim Zuhören gleichzeitig Spaß und ein wenig neidisch. Aber in Wirklichkeit besteht kein Zweifel daran, dass die Musikerin sich für ihre Millionen tatsächlich den gelifteten Allerwertesten abarbeitet.

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