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Rolling Stones in München 2022: Kraftvoll & leidenschaftlich

Konzert

Kraftvoll, leidenschaftlich, wuchtig: Die Stones in München

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    Mick Jagger und Keith Richards in Action: Die Rolling Stones rocken das Olympiastadion.
    Mick Jagger und Keith Richards in Action: Die Rolling Stones rocken das Olympiastadion. Foto: Ralf Lienert

    Ist es das letzte Mal, dass die Rolling Stones im Münchner Olympiastadion aufgetreten sind? Hat der Wettergott am Sonntagabend deshalb ein Einsehen und lässt die mit Warnmeldungen angekündigten Wassermassen zuvor nieder? Das Stadion jedenfalls ist fast ausverkauft, diejenigen, die sich nicht zu früh auf den Weg gemacht haben, bleiben trocken. Die Show beginnt fast pünktlich. Um 20.45 Uhr sind die Stones angekündigt, um 20.45 Uhr wird die Band vorgefahren. Fünf Minuten später läuft erst einmal ein Film: Eine Hommage an Charlie Watts, den Drummer der Stones, der vergangenes Jahr gestorben war. Applaus.

    So waren die Stones im Olympiastadion

    Und gleich noch einmal Jubel bei den ersten Akkorden von "Street Fighting Man". Die Stones legen los, als ob es kein morgen gibt. Die Band weiß heute einfach, dass es keine Zeit zu verschenken gibt. Sie ist viel zu kostbar. Mit Vollgas geht es also weiter: "19th Nervous Breakdown" und "Rocks Off". Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Co. feiern ihr unfassbares 60-jähriges Band-Bestehen mit einer Europa-Tournee und nach drei Songs ist das Publikum hellwach, klatscht mit, lässt sich von Jagger animieren. Der schnauft nach seinem ersten Ausflug auf den langen Bühnensteg ins Publikum tief durch. Muss man sich Sorgen machen?

    Nein, das war das Aufwärmprogramm. Die Kräfte reichen noch. Den Herren, die da auf der Bühne stehen, sieht man das Alter zwar an, wenn die Kamera ihnen zu nah kommt, aber das macht sie nicht oft. Auf der Bühne entfesseln sie ihre Rockmaschinerie, legt Steve Jordan, der neue Drummer der Stones, das Fundament, auf dem die Gitarren von Wood und Richards energisch vorantreiben, die Bläser das satt abrunden. Das hat Kraft, das hat Macht über die zigtausend Menschen im Stadion. Zu “Out Of Time” fordert Jagger das Publikum auf, mitzusingen, der große Chor stimmt ein. Auf "Ruby Tuesday", den per Internet-Abstimmung ermittelten Song, folgt fast schon als ironischer Kommentar: "You Can’t Always Get What You Want".

    Mick Jagger übt zwischendrin sein Deutsch

    Danach kommt der jüngste der Stones-Songs an diesem Abend: “Living In A Ghost Town”, veröffentlicht, als mehr als die Welt im April 2020 im ersten Corona-Lockdown steckte. Dazu werden auf den Leinwänden Bilder einer Geisterstadt eingeblendet. Zwischendrin übt sich Jagger in seinen Ansagen immer wieder auch in Deutsch: Vom "Servus Minga" bis zu "Gestern war ich im Englischen Garten und habe dort ein Bier getrunken. Es war Bikini-Wetter. Heute sehe ich keine Bikinis." Nachdem Jagger die Band vorgestellt hat, übernimmt Keith Richards für zwei Songs das Mikrofon: die neue, etwas fade klingende Nummer "Connection", das schöne "Slipping Away".

    Danach gibt es keine Zeit mehr zum Durschnaufen. Auf "Miss You" folgt "Midnight Rambler", den die Stones gewohnt in Überlänge zelebrieren. Erst als düsteren Blues dieses düsteren Mannes, Jagger anfangs an der Lead-Gitarre, später wird mit einem scharfen Tempowechsel daraus eine Rocknummer mit diversen Solos an deren Ende Jagger mit der Mundharmonika die Extase dieses nach Mitternacht Herumstreifenden beschwört.

    Die Show der Rolling Stones passt perfekt

    Und das Spiel mit dem Dunklen und den Kräften, ja dem Gesetz der Nacht, das die Stones so gut beherrschen, geht im Finale weiter: Mit "Paint It Black", diesem Aufschrei eines zutiefst melancholischen Menschen, die Leinwände und die Bühne nur noch in Schwarz und Weiß und eine Melange aus Grau getaucht, zu "Sympathy For The Devil", zu dem Jagger - das wievielte Mal eigentlich? - das Bühnenoutfit tauscht und nun im Gehrock den teuflischsten ihrer Songs anstimmt und den nimmermüden Eintänzer gibt. Höllenglut lodert dazu links und rechts auf den riesigen Bildschirmen. Die Show passt perfekt.

    Auf "Jumpin’ Jack Flash" folgten die beiden Zugaben: Das "Gimme Shelter" hat in 50 Jahren leider nichts von seiner Aktualität verloren. Damals, als die Stones dieses Lied schrieben, lieferte der Vietnamkrieg die apokalyptischen Bilder, heute ist es die Ukraine, die dann am Ende des Songs erst in den Farben der Flagge, dann auch mit den Bildern der Zerstörung zu sehen ist. Und wo ist der dringend benötigte Schutz für die Menschen? Wer kann den liefern? Grandios auch, wie sich Background-Sängerin Sasha Allen auf dem Bühnensteg sich auf Augenhöhe, vielleicht auch mit leichten Vorteilen für sie, ein musikalisches Duell mit Jagger liefert.

    Das ebenfalls ewig Gültige “Satisfaction” beschließt den Münchner Abend pünktlich kurz vor Stadionschluss um 23 Uhr. Und man glaubt Jagger, Richards und Wood sofort, dass diese Lust auf mehr auch nach dem Münchner Auftritt weiter vorhanden ist. Sie können nicht anders, auch nach 60 Jahren, sie sind die Getriebenen ihrer Musik, die nichts Verstaubtes, nichts Antiquiertes, nichts Altes hat, sondern live von ihnen im 61. Jahr ihres Band-Lebens gespielt immer noch packt, mitreißt und einen die Zeit für ein bisschen mehr als zwei Stunden vergessen lässt.

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