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Genuss : Unerwartetes Glück im Glas: Sommelier Herbert Stiglmaier stellt seine Entdeckungen des Jahres vor

Genuss

Unerwartetes Glück im Glas: Sommelier Herbert Stiglmaier stellt seine Entdeckungen des Jahres vor

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    Sommelier Herbert Stiglmaier stellt seine „Entdeckungen des Jahres“ vor: Besondere Weine, besondere Begegnungen.
    Sommelier Herbert Stiglmaier stellt seine „Entdeckungen des Jahres“ vor: Besondere Weine, besondere Begegnungen. Foto: Stock adobe

    Natürlich begegnen einem Wein-Journalisten und Sommelier in jedem Jahr viele Weine auf Fach-Verkostungen und anderen vinophilen Ereignissen. Da ist oft großes Kino dabei und man erkennt die herausragende Qualität, die auch gerne in einschlägigen Wein-Führern zurecht besungen wird. In meinen „Entdeckungen des Jahres“ möchte ich Ihnen Weine und andere freudige Begegnungen vorstellen, die sozusagen „quer“ und unerwartet daherkamen. Also keine klassische „Best of“-Aufzählung, sondern die Geschichte einer glücklich machenden Begegnung.

    Santorini

    Sonne, Strand, Beach-Ball (auf griechisch: „Raketa“) – die Erwartung an diese Urlaubs-Woche auf dem Peloponnes war nicht eben auf großartigen Wein ausgerichtet. Die Aussicht auf ein Bier von der Brauerei „Fix“, (die weiland der Freisinger Braumeister Fuchs unter der Wittelsbacher Herrschaft gegründet hatte) war bereits Getränke-technisch vollumfänglich befriedigend. Wäre ich nicht in einem kleinen Ort am Meer in der Nähe von Kalamata in einen Wein-Laden gestolpert und mit drei verschiedenen Weinen einer einzigen weißen Rebsorte wieder herausgekommen: Assyrtiko.

    Bei der lockeren Verkostung auf dem Balkon meines Apartments nahm ich sehr schnell Haltung an, als die Flasche aus Santorini ihren Auftritt hatte. Nach einem freundlich-harmlosen Auftritt in der Nase mit Limonen-Note, die in Richtung „Strand-Wein“ wies, wurde es am Gaumen ganz leise und ganz schnell sehr ernsthaft. Hinter diesem fruchtigen Vorhang verbarg sich eine jodige Salzigkeit, unterlegt mit Aromen nach Rosmarin und Oregano. Der Wein war lang wie ein Sandstrand, der bis zum Horizont reicht. Das Reife-Potential dürfte von ähnlichen Ausmaßen sein. Nun ist man geneigt, das gute Leben mit dem Urlaubs-lässigen Umfeld für diesen Eindruck mitverantwortlich zu machen. Der zweite Auftritt erfolgte nach der Rückkehr in Deutschland. Und er war, dieses Mal ohne Sonne, Strand und Raketa, wieder großartig. In meiner nächsten Wein-Geschichte mehr zu dieser faszinierenden Rebsorte.

    2020 Assyrtiko vielles vignes, Tselepos/Santorini, € 33, www.vineas.shop

    Burgenland

    Es sind viele Etiketten, die Christian Tschida angeklebt werden: der Revoluzzer, der Naturwein-Guru, der „Noma“-Eroberer. Doch diese Papperl bleiben nicht haften an diesem wahrlich besonderen Winzer. Wobei die Geschichte mit dem „Noma“ schon einiges aussagt über den Mann aus Illmitz. Aber dazu später mehr.

    Seine Handschrift ist-ja-eben, keine Handschrift zu haben, die sich durch alle seine Weine zieht. „Ich bin ständig am Lernen und habe im Verlauf dieser Zeit auch jede Menge Fehler gemacht.“ Fern aller Dogmen und Vorschriften bewegt sich dieser Freigeist in der Weinwelt. Dabei bringt er kühl-elegante Weine aus diesem so warmen Anbaugebiet hervor, die aufhorchen lassen. Sei es „Himmel auf Erden“ in der weißen Version, der fliegend mit massivem Tiefgang daher federt oder der „Non Tradition“-Veltliner, der den Kollegen an der Donau flussaufwärts schwer zu denken geben dürfte. Ganz und gar nicht zu schweigen von Tschidas Interpretation der französischen Rebsorte Syrah, die er mit seinem „Felsen II“ in höchste Höhen holt.

    Und dann kommt ausgerechnet dieser Winzer mit einem Rosé daher. Einer Spielart des Rebensaftes, die sich zwar sehr gut verkauft, aber in weiten Teilen der Weinwelt nicht ernst genommen wird, sieht man von einigen wenigen Weinen einmal ab. Nutzt also Christian Tschida seinen großartigen Ruf jetzt aus, um mit einem banalen Wein, der seinen Namen trägt, mal richtig Geld zu machen? Mitnichten: „Himmel auf Erden Rosé“, den er aus der spannendsten roten Rebsorte in Österreich, dem „Blaufränkisch“ gemacht hat, kommt im Auftakt in der Nase und am Gaumen geradezu spröde daher. Aber dann öffnet sich der Wein in Bitterorangen-Noten, die mit mediterranen Kräutern unterlegt sind, und wird, mit einer wirklich sagenhaften Diskretion, so richtig charmant noch. „Als ich den Betrieb übernommen habe, ist der Rosé als Erstes aus dem Sortiment geflogen“, erzählt Tschida. „Und danach habe ich die vielen lachsfarbenen, wässrigen Rosé in der Weinwelt gesehen. So einen Recycling-Wein wollte ich auf keinen Fall machen.“ Etliche Jahre später wagte der Winzer dann den Versuch mit Blaufränkisch. „Mir war wichtig, diese maximale Kreidigkeit und Kalkigkeit aus der Lage direkt ins Glas zu bringen. Das ist für mich die direkteste Abbildung des Terroirs, das der Champagne mit seinen Böden ja gar nicht so fern ist“.

    Ach ja, die Geschichte vom dänischen Weltklasse-Restaurant „Noma“, dem der Tschida- Wein ausgegangen war, weil ihn die Kunden in einer Weinbegleitung zum Menü geradezu aufgesogen haben. Tschida setzte sich damals kurzerhand in seinen VW Passat und fuhr am Wochenende von der ungarischen Grenze nach Kopenhagen mit einem randvollen Auto, dessen Schweinwerfer aufgrund der Gewichts-Verteilung etwas zu steil in den Himmel schauten. Jenseits aller Regeln halt.

    2023 Himmel auf Erden Rosé, € 29.90, www.weinfurore.de

    Taubertal

    Die Möglichkeit, Jürgen Hofmann auf einer glitzernden Verkostung in noblem Rahmen zu begegnen, geht gegen Null. Den Gala-Auftritt im Sterne-Lokal, bei dem er vielsprachig seine Weine lässig präsentieren müsste, scheut er. Jürgen Hofmann und seine Weine muss man entdecken. Und zwar in einer Gegend, die nur kenntnisreiche Wein-Trinker mit dem Rebensaft überhaupt verbinden: dem Taubertal, benannt nach dem Fluss, der sich nach wunderschönen 100 Kilometern von Rothenburg nach Wertheim in den Main ergießt.

    Ein Besuch in Röttingen beim Weingut Hofmann lohnt sich. Es erwartet uns kein architektonisches Großereignis mit angeschlossener High-End-Gastronomie. Aber ein glaubhafter Winzer, der mit wunderbar filigranen Rieslingen und Silvanern zu bemerkenswert niedrigen Preisen glänzt. Im roten Bereich beeindruckt Jürgen Hofmann mit der seltenen Rebsorte „Tauberschwarz“, einem delikaten Schwarzriesling und mit Spätburgunder.

    Manchmal ereignen sich Begegnungen der besonderen Art. Bei einer Blind-Verkostung fiel mir ein Wein auf, der mit einer Seidigkeit durchs Glas flog und dabei Substanz und größte Tiefe hatte, dass es mir den Atem geraubt hat. Ehrlich gesagt hatte ich die ganz großen Namen des deutschen Spätburgunders vor Augen. Als der schwarze Flaschen-Vorhang gehoben wurde, tauchte das überschaubar schöne Etikett von Hofmann auf mit den Worten „Privat Reserve“. Ein Ereignis, wahrlich.  

    Mit seiner unnachahmlichen Rhetorik kommentierte der stille Winzer diesen Tropfen so: „Als ich nach zwei Jahren im Barrique den Wein verkostet habe, hab’ ich gemerkt, dass dieses Fass halt was Besonderes ist.“ Dieser Umstand fiel Stephan Geisel, dem Inhaber von „Geisels Weingalerie“ sofort bei einem Besuch in Röttingen auf. Er kaufte das Fass und sicherte es für Käufer, denen ein großer Wein wichtiger ist als ein großer Name.  Den bahnbrechenden Ansatz der Theorie zu genau diesem Wein hat Jürgen Hofmann übrigens nicht. Stattdessen zitiert er seinen Lehrmeister Paul Fürst, der einmal sagte: „In der Weinbereitung ist nicht alles wissenschaftlich erklärbar.“

    2021 Pinot Noir Privat-Reserve, € 30, www.geisel-weingalerie.de

    Alpen-Rotwein

    Mollard? Schon mal gehört? Eine rote Rebsorte aus den Haut-Alpes in Frankreich ist das. Alkohol? Lachhaft wenig mit gerade einmal Elfkomma-irgendwas Prozent. Das klingt unreif und säuerlich. Und dann kommt ein Wein ins Glas, der einen auf eine Achterbahn-Fahrt mit ungewissem Ende nimmt: Noten nach Lorbeer und Lakritze streifen den Gaumen, um im Antrunk eine freudige Harmonie zu entfachen. Und man denkt: Was war denn das bitte? Es war ein Naturwein aus einer Gegend, in der es sich eigentlich überhaupt nicht lohnt, Wein zu machen. Klimatische Kapriolen, niedrige Erträge aus Rebzeilen, die nicht wie gepflegte Zinnsoldaten-Armeen dastehen, sondern sich in unregelmäßigen Büschen am Boden wie die Köpfe aus dem Musical „Hair“ zeigen. Die Entscheidung „Handlese oder nicht?“ hat der Winzer hier gar nicht. Das Ganze ohne Filtration und mit Spontan-Vergärung. Großartig anders.

    2022 Tout Comptes, Tout Fait, Domaine Petit Aout, € 21, www.weinhalle.de

    Glasklare Entscheidung

    Es ist viel mehr als nur eine Mode-Erscheinung, die seit einigen Jahren die Wein-Welt aufmischt: Naturwein. Tropfen, die ein völlig anderes Mund-Gefühl vermitteln. Oft sind sie auf der Maische vergoren. Das heißt, die Weißweine werden bereitet wie ein Rotwein. Die Schalen der Beeren verbleiben eine ganze Zeit lang im Saft und geben dadurch Gerb- und Farbstoffe ab, was die Weine griffig macht und zu oberfeinen Speisebegleitern mit vielfacher Einsatz-Möglichkeit. Die Basis dieser Weine ist jedoch nicht die Frucht (wie wir es gewöhnt sind), die durch den Einsatz von Reinzucht-Hefen in jedwede Richtung getrieben werden können. Es ist die Tiefe und die Vielschichtigkeit, die fasziniert. In den allermeisten Fällen werden natürliche Hefen verwandt, die eine spontane Gärung ermöglichen. Auf die vielen erlaubten Mittelchen zur Schönung wird verzichtet. Auch die Schwefel-Gabe fällt meistens sehr viel geringer aus.  Die Weine dieser Machart sind meistens sehr stabil und ein längerer Aufenthalt in der offenen Flasche macht ihnen nichts aus oder verbessert ihre Qualität sogar.

    Ein direkter Vergleich zu konventionell hergestellten Weinen ist hier nicht zielführend. Man sollte sich einfach auf diese Weine einlassen. Aber mit welchem Glas, der doch viel mehr Gerbstoff bei den Naturweinen im Spiel ist? Seit kurzer Zeit gibt es mit dem „ZALTO Denk Art Balance“ zum ersten Mal ein Behältnis, das haargenau für diesen Wein-Typus entwickelt worden ist. Es läßt Naturweine in vollem Glanz erstrahlen.

    ZALTO Denk Art Balance, € 49.10, www.zalto.shop

    Herbert Stiglmaier aus München ist IHK-geprüfter Sommelier und Weinjournalist.
    Herbert Stiglmaier aus München ist IHK-geprüfter Sommelier und Weinjournalist. Foto: privat
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