Seit 50 Jahren sollen die Hungerspiele an die Niederschlagung des Aufstands gegen die Regierung von Panem erinnern. Sie sollen die Bevölkerung einschüchtern. Jedes Jahr am Erntetag, am 4. Juli, werden in Panem ein Junge und ein Mädchen aus jedem der zwölf Distrikte ausgewählt, um in einer Arena gegeneinander anzutreten. Dort kämpfen sie um ihr Überleben – und nur eine Person kann am Ende als Sieger hervorgehen.
Beim zweiten Jubel-Jubiläum, das Autorin Suzanne Collins im neuen, fünften Band der weltbekannten Romanreihe „Die Tribute von Panem“ erzählt, ist dieser Sieger Haymitch Abernathy. Man kennt ihn eigentlich als den unausstehlichen Mentor von Katniss Everdeen – ein Unsympath, ein Misanthrop, der bereits seit vielen Jahren dem Alkohol verfallen ist und keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber dem Rest der Welt macht. Andererseits ist er ein Stratege, der mit einem Komplott versucht, dem „Spotttölpel“ Katniss das Leben und damit ganz Panem zu retten. Vermutlich steckt in dem mürrischen Einzelgänger also mehr Gutes, als es scheint. Wie Haymitch zum verachteten Mentor und Gegner der Regierung wurde, erzählt Collins in „Die Tribute von Panem: Der Tag bricht an“.
Haymitchs Geschichte beginnt an seinem 16. Geburtstag, dem Tag der Ernte in den zwölf Distrikten Panems. Zu Ehren des Jubel-Jubiläums treten in diesem Jahr doppelt so viele Tribute an, um in der Arena so lange zu kämpfen, bis nur eine Person überlebt und in den Augen des Capitols gewinnt. 48 Tribute werden ihren Familien entrissen, um die Distrikte daran zu erinnern, dass sie dem Capitol unterlegen sind. Seit 50 Jahren sind sie durch einen Hochverratsvertrag dazu gezwungen, sich zu töten, um „den Frieden zu sichern“.
Haymitch kämpft in Panem gegen das System und für seine Liebe zu Leonore Dove
Der 16-jährige Haymitch hat zu Beginn des Romans nichts mit dem alten, verbitterten Mann zu tun, den Collins in der ursprünglichen Trilogie zeichnet. Er ist strebsam, verdient mit Schwarzbrennen ein paar Taler für seine Familie dazu. Aber vor allem ist er verliebt. Die junge Leonore Dove ist „sein Mädchen“, das seine Abneigung gegen die Regierung in Liedern und nächtlichen Protestaktionen offen zum Ausdruck bringt.
Die Ernte für die 50. Hungerspiele läuft aus dem Ruder. Nach einer Verkettung von Ereignissen blickt Haymitch von der Bühne zu seinen Liebsten hinunter – und dem Tod ins Auge. Doch er wird kämpfen, selbst dann noch, wenn er die Arena bereits verlassen hat. Aus dem Jugendlichen wird ein „Schuft“, aus dem zurückgehaltenen Jungen ein Gegner der Regierung. Doch vor allem wird Haymitch Abernathy zu einem Sieger, der gewinnt und damit alles verliert.

Suzanne Collins‘ Hauptthema ist die Propaganda eines totalitären Systems
Dass Collins sich auch im fünften Teil der Hungerspiel-Serie nicht mit politischen Metaphern zurückhalten würde, machte die Autorin schon vor der Erscheinung des neuen Bandes klar. In verschiedenen Szenen des Buchs zeigt sie, wie einfach es ist, die Wahrheit zu verdrehen, nicht zu zeigen, was ist, sondern, was sein soll. „Warum lasst ihr euch das gefallen?“, fragt Plutarch Heavensbee, damals noch in seiner Rolle als Medienmacher. Später soll aus ihm einer der Spielemacher werden, der mit Katniss‘ Rettung dem Grauen des Capitols ein Ende setzt.
Weshalb Menschen sich nicht gegen Machtmissbrauch wehren, beantwortet Präsident Snow mit Taten: Psychische Manipulation und offene Angriffe sind seine Mittel, um Menschen zum Schweigen zu bringen, die hinter die Fassade blicken, wie Haymitch es tut. Doch auch Plutarchs Figur wirft Fragen auf: Wie lange kann ein Mensch, zwar mit den richtigen Intentionen, gemeinsame Sachen mit dem Bösen machen, sich anpassen, bis er zwangsläufig zum Komplizen wird?
Im neuen Teil der Panem-Reihe lernen Leser alte Figuren neu kennen
Im Laufe des Romans entfaltet sich ein bislang unbekanntes Kapitel in der Geschichte von Panem, das allerlei Personen und offene Handlungsstränge der ursprünglichen Trilogie und des Prequels „Das Lied von Vogel und Schlange“ neu verknüpft. Gewinnerinnen und Gewinner, die 25 Jahre später Katniss helfen werden, aus der Arena auszubrechen, bekommen Substanz. Die schrill-schillernde Effie Trinket tritt noch als herzliche große Schwester auf, die eher zufällig später dem Distrikt 12 zugeteilt wird, um Jahr für Jahr die Ernte zu verlesen und damit das Schicksal der Kinder zu besiegeln.
Collins gelingt es, im Universum von Panem die Spannung zu halten, auch wenn das Schicksal von Haymitch und seinen Liebsten vorhersehbar ist. Die Sprache ist, wie bei einem Jugendroman erwartbar, leicht verständlich. Und doch überlässt Collins den Leserinnen und Lesern großen Raum für Interpretationen, die einigen Schauspielern auf der politischen Bühne nicht passen dürften. Die Reihe wurde 2014 in einigen öffentlichen Bibliotheken in den USA verboten oder zensiert – wegen Gewaltdarstellung, moralischen Bedenken und angeblich negativer Einflüsse auf Jugendliche. Der neue Band kann zwar kaum direkt auf Wieder-Präsident Trump bezogen werden, doch was Collins von ihm halten dürfte, eröffnet sie noch vor dem ersten Satz der Geschichte mit einem Zitat von George Orwell: „Alle Propaganda ist eine Lüge, auch wenn man die Wahrheit sagt. Das spielt aber keine Rolle, solange man weiß, was man tut und warum.“
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