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Frauen in der Kunst: Rachel Kohn: "Viele Künstlerinnen treten zu bescheiden auf"

Frauen in der Kunst

Rachel Kohn: "Viele Künstlerinnen treten zu bescheiden auf"

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    Rachel Kohn ist die Leiterin des Vereins Frauenmuseum in Berlin. Dass die Kunstwelt noch immer männerdominiert ist, weiß sie aus eigener Erfahrung.
    Rachel Kohn ist die Leiterin des Vereins Frauenmuseum in Berlin. Dass die Kunstwelt noch immer männerdominiert ist, weiß sie aus eigener Erfahrung. Foto: Felicitas Lachmayr

    Frau Kohn, brauchen wir einen Weltfrauentag?

    Rachel Kohn: Auf jeden Fall.

    Warum?

    Kohn: Dass Frauen Rechte haben, ist in vielen Teilen der Welt nicht in den Gesellschaften verankert. Mit der gerade stattfindenden Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturen merken wir, dass unsere Emanzipation noch nicht so festzementiert ist, dass sie nicht in Gefahr wäre, ausgehebelt zu werden. Wenn dann eine AfD kommt und die Frau wieder zurück an den Herd stellen will, glaube ich, dass wir unsere Rechte weiterhin verteidigen müssen.

    Kann Kunst dabei helfen?

    Kohn: Ja, auch. Kunst ist eine Auseinandersetzung mit allen Bereichen des Lebens.

    Sie leiten seit zehn Jahren den Verein Frauenmuseum Berlin. Was ist die Idee dahinter?

    Kohn: Den Gründerinnen ging es in den 90er Jahren vor allem darum, Frauen und ihre Leistungen in der Stadtgeschichte sichtbarer zu machen. Wir bekamen damals die Möglichkeit, die Räume von kommunalen Galerien zu nutzen und dort eigene Ausstellungen zu kuratieren. Bis heute haben wir kein eigenes Haus, sondern wandern von Kooperation zu Kooperation.

    Wie darf man sich ein Museum ohne festen Sitz vorstellen?

    Kohn: Wir sind ein Verein aus Künstlerinnen und Fördermitgliedern. Im Laufe der Jahre haben wir verschiedene Reihen entwickelt. In der kommunalen Galerie präsentieren wir unter dem Titel „4-händig“ zweimal im Jahr eine Ausstellung. Das Konzept ist, zwei Berliner Künstlerinnen, die sich vorher nicht kannten und am besten aus zwei verschiedenen Generationen sind, zusammenzubringen. Eine andere Reihe heißt „Heimspiel“. Da können sich Künstlerinnen aus den jeweils ausgeschriebenen Berliner Stadtbezirken bewerben und sich an einer Ausstellung beteiligen.

    Sie selbst sind in München aufgewachsen und haben an der Akademie studiert. Haben Sie noch künstlerische Verbindungen nach Bayern?

    Kohn: Ja, zum jüdischen Kulturmuseum in Augsburg. Dort ist ein Chanukka-Leuchter von mir ausgestellt. Und in Nürnberg habe ich vergangenes Jahr eine große Wandinstallation im neuen Gemeindesaal der Israelitischen Kultusgemeinde fertiggestellt.

    Was hat Sie nach Berlin verschlagen?

    Kohn: In Berlin gab es eine Aufbruchsstimmung, es war und ist eine sehr kulturelle Stadt. Ich bin vor 25 Jahren mit meinem Mann, der übrigens gebürtiger Augsburger ist, hierher gezogen und habe drei Kinder bekommen. Ich hatte nach meinem Studium in München schon als Künstlerin gearbeitet, aber mit Kindern musste ich natürlich Abstriche machen.

    Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch als Künstlerin eine Herausforderung?

    Kohn: Ich hatte immer ein Atelier und habe gearbeitet, wenn die Kinder in Betreuung waren. Aber abends weggehen, Künstler treffen, Vernissagen besuchen, das ging alles nicht mehr so einfach. Auch wenn Männer inzwischen sehr viel mehr übernehmen als früher, fühlen sich Frauen oft immer noch stärker verantwortlich.

    Der Kunstbetrieb ist immer noch stark männerdominiert. Bräuchte es eine Frauenquote in der Kunst?

    Kohn: Vor allem im Hinblick auf Museen. Vor kurzem war ich in Basel in einer Ausstellung, und es war wirklich erschreckend. Auf der Tafel standen die Namen von 40 Künstlern und nur zwei Künstlerinnen. Ähnlich sieht es bei den Professorenstellen aus.

    Woran liegt das?

    Kohn: Viele Künstlerinnen treten immer noch zu bescheiden auf. Sie liegen auch in ihrer Preisgestaltung oft niedriger als ihre männlichen Kollegen. Ein Beispiel: der Berliner Senat kauft immer wieder Kunstwerke an. Einmal war aus der Liste ersichtlich, dass viel mehr Werke von männlichen als von weiblichen Künstlern gekauft wurden. Nachdem der Senat darauf hingewiesen wurde, kaufte er mehr Bilder von Künstlerinnen. Aber von der preislichen Gesamtsumme ging nur ein Drittel an die Frauen.

    Der Maler Georg Baselitz behauptete 2013 in einem Interview, Frauen könnten schlichtweg nicht so gut malen.

    Kohn: Das ist einfach kompletter Unsinn und lohnt nicht zu diskutieren.

    In den 1970er Jahren brachen Künstlerinnen mit tradierten Vorstellungen von Weiblichkeit, setzten sich mit der eigenen Identität und Sexualität auseinander und übten Kritik an geltenden Rollenbildern. Gibt es auch heute einen rebellischen Geist unter Künstlerinnen?

    Kohn: Zu dieser Zeit war es unglaublich wichtig, aber auch provokant, sich künstlerisch mit dem eigenen Körper auseinanderzusetzen. Als ich vor zehn Jahren die Leitung des Frauenmuseums übernahm, waren viele Künstlerinnen meiner Generation sehr vorsichtig, mit dem Frauenmuseum auszustellen. Sie fürchteten, abgestempelt zu werden gemäß dem Motto: Im Frauenmuseum kannst du ausstellen, aber woanders nicht. Es herrschte das Gefühl, wozu brauchen wir das, die Emanzipation ist doch schon gelungen. Die jüngere Generation sieht das wieder viel kritischer. Die Künstlerinnen haben neue Forderungen und stehen dazu, als Frauen für sich und ihre Kunst zu kämpfen.

    Rachel Kohn wurde 1962 in Prag geboren. Nach dem Studium in München zog sie 1993 nach Berlin. Als Künstlerin ist Kohn vor allem für ihre Skulpturen bekannt. Seit 2007 leitet sie den Verein „Frauenmuseum Berlin“.

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