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Interview: Kabarettist Josef Hader: "Der Wahnsinn, der in uns allen lodert"

Interview

Kabarettist Josef Hader: "Der Wahnsinn, der in uns allen lodert"

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    Nach zahlreichen Filmrollen nun nach 17 Jahren endlich ein neues Kabarettprogramm: Josef Hader, 59.
    Nach zahlreichen Filmrollen nun nach 17 Jahren endlich ein neues Kabarettprogramm: Josef Hader, 59. Foto: Lukas Beck

    Herr Hader, im Lockdown haben Sie satirische Videos aus dem Keller online gestellt. Inzwischen stehen Sie wieder auf der Bühne, spielen vor vollen Häusern, mit neuem Programm, dem ersten nach 17 Jahren. Wie ist es?

    Josef Hader: Wunderschön. Aber ich habe denselben Fehler gemacht wie immer: in meiner Begeisterung ein bisschen viele Termine ausgemacht. Und jetzt hänge ich in den Seilen.

    „Hader on Ice“ ist wieder ein sehr fordernder zweistündiger Ritt .

    Hader: Ja, aber ich habe noch nie ein Programm gemacht, das nicht anstrengend ist zu spielen. Das gehört für mich dazu. Wenn ich das Gefühl habe, das Programm spielt sich von selber, dann habe ich am Abend keine Lust. Ich brauche immer die sportliche Herausforderung, damit ich motiviert bin. Aber ich stecke ja auch schon mitten in den Vorbereitungen für meinen nach „Wilde Maus“ zweiten eigenen Film, der nächstes Jahr gedreht wird – mit eigenem Drehbuch, Regie und einer Nebenrolle – eine niederösterreichische Provinzgeschichte …

    Wenn man sieht, was gerade in der österreichischen Politik passiert – würde man nicht lieber zurück in den Keller?

    Hader: Nein, ich versuche, das Ganze optimistisch zu sehen. Was gerade passiert, finde ich eher tröstlich, weil es zeigt, dass die Medien und die Zivilgesellschaft, dass die Demokratie funktioniert. (lacht) Das ist mein rosa Blick auf die Innenpolitik. Ich freue mich, dass nicht alles unter den Teppich gekehrt wird, und bin froh, dass wir uns da unterscheiden von Ländern noch weiter östlich.

    Die Hoffnung, dass es besser wird, lebt.

    Hader: Immer. Die Demokratie als System ist ja nicht ideal. Aber wenn sie dafür sorgt, dass die, die grobe Fehler machen, damit nicht durchkommen, dann ist die Hoffnung, dass sich in den nächsten Jahren keiner mehr traut, so etwas aufzuführen. Diese Hoffnung stirbt zuletzt.

    Ist Herr Kurz Thema im Programm?

    Hader: Nein, das politisch aktuelle Kabarett gehört nicht zu meinem Tätigkeitsbereich. Insofern muss ich jetzt auch nicht jeden Tag mein Programm umschreiben.

    Politisch ist das neue vielleicht nicht …

    Hader: Nicht tagespolitisch! Wenn mir jemand sagt, mein Kabarett ist unpolitisch, fühle ich mich auch nicht ganz gerecht behandelt. Es ist eben so, dass es ein Kabarett gibt, das sehr gesellschaftlich ist und trotzdem ohne Tagespolitik auskommt. Da sind gerade die Bayern ja die großen Meister, und dem versuche ich nachzustreben.

    Sie tippen jedenfalls aktuelle Themen wie Klimawandel und Verschwörungstheorie durchaus an. Wozu?

    Hader: Diese Themen kommen als Motive vor wie in einem Theaterstück, aber sie werden nicht kabarettistisch abgehandelt.

    Josef Hader: "Durch die Pandemie treten soziale Probleme klarer hervor"

    Um was geht es dann?

    Hader: Das Hauptziel ist immer, die jeweilige Zeit und ihren Wahnsinn zwischen die Zähne zu kriegen. Und wenn man so selten ein Kabarettprogramm macht wie ich, ist genug Zeit vergangen, dass eine völlig andere Stimmung herrscht – und da überlegt man dann lange, mit welcher Versuchsanordnung man diese Zeit am besten aufspießt und wie einen Braten über Feuer hält.

    Gibt es denn gute und schlechte Zeiten für Satire?

    Hader: Nein, das glaube ich nicht. Das Thema für jeden Satiriker ist natürlich immer der Mensch, und der Mensch ändert sich ja nicht. Es werden nur gewisse Dinge in manchen Zeiten sichtbarer. Und das kann man über diese Zeit eben durchaus sagen.

    Welche?

    Hader: Dass viele verlernt haben, solidarisch zu sein mit anderen zum Beispiel. Das ist zwar nicht jetzt gerade erst erfunden worden, sondern eine Entwicklung der letzten Jahrzehnte – aber man sieht sie halt jetzt besonders deutlich. Und es wird auch kenntlicher, dass immer mehr Menschen arm sind, nicht mit dem zurande kommen, was sie verdienen … Durch die Pandemie treten die sozialen Probleme einfach viel klarer hervor.

    Vor rund 20 Jahren haben Sie mir in einem Gespräch erzählt, dass Ihnen Flauberts „Die Erziehung des Herzens“ den Weg als Satiriker weist, ein Roman von 1869. Gilt das noch?

    Hader: Was mir daran so gefallen hat, war, dass ja auch ein sehr politischer Vorgang in dem Roman beschrieben wird, nämlich die Revolution in Paris von 1848, und wie die Menschen mit dieser Revolution umgehen. Und insofern war es auch ein sehr politischer Roman, der die Verlogenheit eigentlich aller handelnden Personen beschreibt. Darum empfinde ich das Buch auch nach wie vor als Vorbild für Satiriker. An historischen Vorbildern kann man halt leichter erkennt, um was es wirklich geht. Das habe ich auch wieder gemerkt, als ich jetzt zur Vorbereitung auf das neue Programm Jonathan Swift gelesen habe. Denn wenn man die handelnden Personen alle nicht kennt und die sozialen Probleme, um die es da geht, sich eigentlich erst im Geschichtsbuch anlesen muss, dann merkt man leichter, wie ein guter Satiriker arbeitet. Und Jonathan Swift ist halt einer der besten.

    Josef Hader und seine differenzierte Sicht auf den Fall Lisa Eckhart

    Das ist nochmal mehr als hundert Jahre älter. Gibt es da einen besonderen Bezug zu unserer Zeit?

    Hader: Unsere Zeit mit den wachsenden sozialen Spannungen und großen Krisen und mit dem … – na ja, „Ende der Aufklärung“ ist vielleicht ein zu großes Wort. Aber die Aufklärung, wie wir sie kennen, dass wir uns auf gemeinsame Wahrheiten einigen können, wissenschaftlicher oder anderer Natur: Diese Zeit geht doch langsam vorbei. Nicht, dass die Menschen immer irrationaler werden, der Mensch ist immer gleich irrational – aber die heutigen Zeiten bringen diese irrationalen Seiten wieder stärker zum Vorschein: Der Wahnsinn, der in uns allen lodert, kriegt jetzt ein bisschen mehr Holz. Da sind Schriftsteller vom Beginn der Aufklärung, als diese sich noch nicht so durchgesetzt hat, Barockliteratur, auch Grimmelshausens „Simplicissimus“, aufschlussreich.

    Nun hat man bei Ihnen das Gefühl, Sie holen die Abgründe eigentlich immer aus sich selbst heraus …

    Hader: Inhaltlich sind die Abgründe, die ich auf der Bühne behaupte, nicht immer die eigenen. Es ist ein Schreiben, das eher dem eines Theaterstücks gleicht. Aber als Bühnenfigur dient mir die eigene Person, was irgendwie schön ist, weil es irritierend ist. Kabarett kennt man sonst als etwas, wo jemand ernsthaft auf der Bühne steht und wirklich seine Meinung zum Ausdruck bringt – oder als etwas, wo jemand oben steht und eine Figur spielt. Ich kombiniere das halt. Ich behaupte, ich würde ernsthaft auf der Bühne stehen und meine Meinung sagen, bin aber in Wirklichkeit eine Figur, nur unter dem gleichen Namen.

    Dass Sie aber dann damit identifiziert werden könnten, was Sie auf der Bühne sagen, ist kein Problem?

    Hader: In gewisser Weise ist das ja in Ordnung, wenn man das Ganze versteht als das, was es ist, nämlich eine Art verkleidetes Theaterstück. Und dass man falsch verstanden wird, das passiert ja eh immer wieder. Das könnte man nur dadurch umgehen, dass man so eindeutig ist, dass es schon wieder fad wird. Und mit Missverständnissen muss man eh leben.

    Für Uneindeutigkeiten aber scheinen es doch eher schlechte Zeiten zu sein, zumindest, wenn man sieht, was Kolleginnen wie Lisa Eckhart, Kollegen wie Dieter Nuhr an Shitstorms abbekommen. Wie sehen Sie das? Und haben Sie selbst so was schon abbekommen?

    Hader: Ich selber habe das nur marginal erlebt, als ich im ersten Lockdown eben diese kleinen Monologe ins Internet gestellt habe. Da ist es eben ganz anders als auf einer Kabarettbühne, wo nur die Leute kommen, die einen mögen, denn sonst würden sie ja keinen Eintritt bezahlen. Im Netz wird man dann schon konfrontiert mit ablehnenden Kommentaren. Einen Shitstorm aber habe ich noch nie erlebt. Ich würde auch nicht drum betteln. Aber andererseits darf man auch nicht zu viel Angst davor haben. Wieweit es einfach ein Missverständnis ist oder wieweit es aber ein Widerspruch ist, dass jemand anderer Meinung ist, das ist von Fall zu Fall und eigentlich von Satz zu Satz unterschiedlich. Aber wir werden natürlich auch dafür bezahlt, dass wir etwas Provokantes sagen – und in letzter Konsequenz muss man’s dann auch aushalten. Die Meinungsfreiheit ist jedenfalls nicht in Gefahr, wenn man einem Künstler widerspricht.

    Wenn es nur Widerspruch wäre!

    Hader: Shitstorms passieren halt auch nur, insofern ich mich auf das Medium einlassen. Ich habe beide Programme von Lisa Eckhart gesehen und wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie jemand ist, der auch nur irgendwie an den rechten Rand zu rücken wäre. Einzelne Sätze da rauszunehmen und sie als ihre Meinung auszugeben, das könnte man mit mir genauso machen. Ich würde aber halt auch nie eine Drei-Minuten-Nummer mit diesen Sätzen im Fernsehen machen, denn da bettele ich um ein Missverständnis.

    "Moral wird, seit es sie gibt, dafür verwendet, um andere fertigzumachen"

    Wird der moralisierende Korrektheitskampf in Deutschland verbissener geführt wird als in Österreich?

    Hader: Nein, das ist überall gleich. Moral wird nun mal, seit es sie gibt, dafür verwendet, um andere Menschen fertigzumachen, und nicht, um selber ein besserer Mensch zu werden. Und das ist ja auch das, was hinter einem Shitstorm eigentlich steht: dass Moral leider falsch verwendet wird.

    Sehen Sie Satire denn in einer moralischen Funktion?

    Hader: Das fände ich ein bisschen eng für das Ganze. Ich glaube, es ist einfach eine fundierte Enttäuschung über den Menschen als solchen.

    Können Sie sich eigentlich vorstellen, auch mal einen Roman zu schreiben?

    Hader: Ja, ich würde mir das sehr gerne vorstellen. Aber ich kann’s leider nicht.

    Ist das so klar für Sie?

    Hader: Ja. Weil wenn ich einen Roman schreiben will, will ich einen guten schreiben – und wenn ich mit 60 anfange, meinen ersten Roman zu schreiben, würde er nicht gut. Es gibt da nur ganz, ganz wenige Ausnahmen …

    Und wie ist Herr Hader privat? "Zu freundlich"

    Die 60 erreichen Sie kommenden Februar. Ist das für Sie von Bedeutung?

    Hader: Mir ist das ziemlich wurscht. Ich habe Geburtstage nie groß gefeiert, und runde Geburtstage waren kein Sondertermin für mich bisher. Es ist eigentlich nur anstrengend. Und ich habe es auch nicht nötig, meine Geburtstage irgendwie öffentlich zu feiern, damit ich im Fokus bleibe. Ich bin sehr froh, wenn ich Beachtung finde, wenn ich künstlerisch wirklich etwas anzubieten habe – und danach verschwinde ich gerne auch wieder im Halbdunkel, das ist sehr angenehm.

    Was machen Sie so, privat? Was hören Sie für Musik, was lesen Sie, Hobbys?

    Hader: So richtige Hobbys im Sinne, dass ich sie wirklich betreibe, habe ich nicht, dafür ist der Beruf zu nah an der Neigung. Ich höre am liebsten Klassik. Und ich lese gerade ein Buch von Mark Twain, der hat zwei Reportagen geschrieben über die Zeit, als er in Wien war, darüber wie’s zugeht im Reichsrat, also im damaligen Parlament. Und das so eher wie im Parlament der Ukraine oder im russischen Parlament, also sehr handgreiflich – sehr spannend.

    Und wie sind Sie so als Typ, privat?

    Hader: Zu freundlich.

    Zu freundlich?

    Hader: Ja. Leider von einer übergroßen Konfliktscheuheit, die ich nur auf der Bühne ablegen kann.

    Im früheren Programm „Privat“ haben Sie versucht, am Schluss ohne Applaus abzugehen. Und: Es war glaubwürdig. Zeigte sich da was von Ihnen? Und wie ist es beim neuen Programm?

    Hader: Mir ist die Situation eigentlich bis heute unangenehm. Aber das neue Programm hat einen Glamour-Charakter, wenn auch einen ärmlichen – da muss man sich am Schluss schon auch verbeugen.

    Warum ist Ihnen das unangenehm?

    Hader: Ich weiß nie, was ich tun soll. Ich kenne das von Opernsängern, die stehen dann mit geschlossenen Augen da und freuen sich, so wie jemand, der an einem Herbsttag zur Sonne gewandt ist und sich von ihr bestrahlen lässt. Ich hätte das gerne, aber mir gelingt es nicht.

    Zur Person

    Josef Hader, geboren in Oberösterreich, hat bereits in der Schule Kabarett gemacht. Sein Durchbruch war das Soloprogramm „Privat“ sowie die Verfilmung des mit Kollege Alfred Dorfer gespielten Theaterstücks „Indien“ 1993/94. Seit 2000 ist Hader auch in der Rolle des Brenner aus den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis bekannt. Am 13. November hat er mit seinem neuen Kabarettprogramm „Hader on Ice“ Deutschlandpremiere in München. Am 4. Februar 2022 tritt er damit auch in Augsburg auf. Hader, 59, lebt mit Frau und zwei Söhnen in Wien.

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