Das Vöhringer Zentrum wird dichter. In der geplanten sogenannten Neuen Rathaus-Mitte sollen Häuser für zeitgemäßes Wohnen entstehen. Vater des Gedankens ist Altbürgermeister Karl Janson: „Das reicht weit mehr als 15 Jahre zurück“, erinnert er sich. Aber damals zog der Stadtrat nicht mit. Sein Nachfolger im Amt, Michael Neher, griff den Gedanken auf und führte ihn weiter. Mit der Verabschiedung des Bebauungsplans für das Areal ebnete der Stadtrat im November 2023 den Weg zum zukunftsträchtigen Vorhaben Neue Rathaus-Mitte, ein Begriff, den Janson geprägt hatte. Doch für das Projekt muss die Alte Schule weichen. Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte hinter sich.
Die erste Lehrerin in Vöhringen war 19 Jahre alt
1815 bekam Vöhringen östlich der Marienkirche ein zweistöckiges Schulhaus. Mit Stolz vermerkt der damalige lokale Schulinspektor Pfarrer Sälzle, wie gelungen der neue Bau sei. Der Schulsaal lag im ersten Stock, die Lehrerwohnung im Erdgeschloss. Es gab auch eine neue Lehrkraft, 19 Jahre jung, sie stammte aus Illertissen. 1829 erhielt die Schule auch einen Garten. Die Schüler erlernten die Kunst, Bäume zu veredeln.

Die anfangs mageren Schülerzahlen wuchsen Mitte des 19. Jahrhunderts an. 1861 und 1862 gab es einen Lehrer für 109 Schülerinnen und Schüler. Dass sich die Wieland-Werke mittlerweile im Ort angesiedelt hatten, führte zum Zuzug von Familien und somit nahmen die Schülerzahlen zu. Der alte Bau, der bereits ein um 1845 errichtetes Haus ersetzt hatte, platzte aus allen Nähten. Die Gemeinde mit damals 700 Einwohnern entschloss sich, ein neues Bauwerk zu errichten, das in den Jahren 1884/1885 entstand, einen Steinwurf weit von der Marienkirche entfernt.
Die Alte Schule hat einst viel Geld gekostet
Damit war die heute so bezeichnete Alte Schule geboren. Ihr Grundriss betrug 90 Quadratmeter, es gab zwei geräumige Klassenräume, eine Lehrerwohnung mit fünf Zimmern, davon waren vier beheizbar. Kostenpunkt: 17.000 Mark. Das entspricht nach vorsichtiger Umrechnung heute rund 180 000 Euro. Das war sehr viel Geld, aber für die Gemeinde hatte die Schulbildung schon damals einen hohen Stellenwert. Die Schülerzahlen stiegen um 1900 derart schnell, dass der gebotene Platz nicht mehr ausreichte. So entstand 1910 die Gsöll-Schule auf dem Gelände der heutigen Grundschule Süd. Es war ein schönes Gebäude. Als es für einen kompletten Neubau – die heutige Uli-Wieland-Schule – weichen musste, gab es in der Bevölkerung ein vielfaches Bedauern.
Das Schulleben war ständig Änderungen unterworfen. Während des Krieges 1943 gab es sogar Gastklassen aus Essen, die wegen der massiven Angriffe auf das Ruhrgebiet ihre Heimat verlassen mussten. Auch diese Kinder wurden in der Alten Schule wie in der Gsöllschule untergebracht, erinnern sich Alt-Vöhringer.
In Vöhringer Schulen herrschte lange Raumnot
Durch den Zustrom vertriebener Menschen nach dem Krieg schwoll die Einwohnerzahl auf 6.400 an. Vor dem Krieg wurden 3.893 Personen gezählt. Entsprechend hoch fiel die Zahl der Schüler aus. Acht Klassen wurden in der Alten Schule untergebracht, vier in der Gsöll-Schule, zwei Klassen beherbergte das damalige Jugendheim, das es nicht mehr gibt, zwei fanden im Rathaus und zwei im ehemaligen Altenheim Platz, das ebenfalls Geschichte ist. Um den Unterricht zu bündeln, ließ der Gemeinderat ein großes zentrales Schulhaus bauen – die heutige Uli-Wieland-Schule.
In der Helmschrott-Chronik ist vermerkt, dass Vöhringen über Jahre hinweg unter Schulraumnot zu leiden hatte. Und immer wieder war es die Alte Schule, die „Asyl“ für viele Klassen bot. Am 9. September 1964 startete dort die neue Realschule mit drei Eingangsklassen. Sie vergrößerte sich, hatte aber noch kein eigenes Gebäude. Hilfe in der Not bot auch das Vöhringer Rathaus. 1966 fand der Umzug ins neue Domizil statt, das „in Rekordzeit fertig geworden war“, sagt Schulleiterin Renate Rudhart nach einem Blick in die Schulchronik.
Die Alte Schule wird schließlich zum Jugendzentrum
Aber in Vöhringen tat sich noch mehr. Wegen der wachsenden Enge im Illertisser Kolleg der Schulbrüder wurden Klassen nach Vöhringen in die neue Realschule ausgelagert. Aber die neue Oberschule hatte ebenfalls noch kein eigenes Dach über dem Kopf. Die Klassen des IGV-Gymnasiums befanden sich auf steter Wanderschaft, ein eigenes Gebäude ließ noch auf sich warten. Es gab ein Hickhack mit der Nachbarstadt Senden, die gerne ein Gymnasium für sich reklamierte. In den Jahren von 1975/76 bis 1981/82 waren die ersten IGV-Klassen in der Alten Schule untergebracht. Der Einzug ins neue Gebäude in Illerzell fand zum Schuljahresbeginn 1982/83 statt. Damit war ein Problem abgehakt.
Die Alte Schule hatte aber nicht ausgedient. Nachdem Rockergruppen die Gegend verunsichert hatten, entschloss sich der Stadtrat mit Bürgereister Erich Josef Geßner die Stadtjugendpflege ins Leben zu rufen. Damit war Vöhringen die erste Kommune im Landkreis Neu-Ulm, die so etwas hatte. Karin Dhonau war die erste Jugendpflegerin und zog in die Alte Schule ein. Das Gebäude war jahrzehntelang ein gut funktionierendes Jugendhaus mit vielerlei Aktivitäten. Das aber ist Vergangenheit, denn allzu lange wird es nicht mehr dauern, dann ist ein Stück Alt-Vöhringen Geschichte.

Aber das Juha – wie es kurz nur genannt wird – hat bereits eine neue Bleibe, das Haus Wielandstraße 5. Dort war auch das neue Museum für Stadt- und Industriegeschichte untergebracht, das jetzt in der nördlichen Ulmer Straße zu finden ist. Fazit: Es mag schade sein, dass das alte Gebäude abgerissen werden wird, aber die urbane Entwicklung sollte der heutigen Zeit angepasst sein. Mehr Wohnraum im innerstädtischen Bereich ist kein Zukunftsgespinst, es ist notwendig, Zukunftsforscher sind sich da einig.
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