Startseite
Icon Pfeil nach unten
Augsburg
Icon Pfeil nach unten
Feuilleton regional
Icon Pfeil nach unten

Jugendbuch über Analphabetismus: Heidemarie Brosches „Das muss nicht so bleiben“

Analphabetismus

Wer nicht lesen kann, leidet: Heidemarie Brosche beschreibt das in ihrem neuen Jugendbuch

    • |
    • |
    • |
    Leseförderung ist der Friedberger Autorin Heidemarie Brosche  ein großes Anliegen.
    Leseförderung ist der Friedberger Autorin Heidemarie Brosche ein großes Anliegen. Foto: Fred Schöllhorn (Archivbild)

    Am Donnerstag öffnet in Leipzig die Buchmesse und dann werden wieder Tausende zu diesem Lesefest strömen. Das sollte einen aber nicht darüber täuschen, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die nur schlecht oder überhaupt nicht lesen können. Die in Friedberg lebende Kinder- und Jugendbuchautorin Heidemarie Brosche hat darüber ein Buch geschrieben, eines, das sich nicht nur dem Thema Analphabetismus widmet, sondern auch speziell für Jugendliche geschrieben ist, denen das Lesen schwer fällt.

    „Das muss doch nicht so bleiben“ heißt Brosches neues Buch, in dessen Mittelpunkt Sina steht - ein Mädchen, das allein mit seiner Mutter lebt, Knatsch mit der besten Freundin hat, weil die irgendwie anders geworden ist, und Sinan kennenlernt, einen Jungen, der ihr auf Anhieb gefällt. Dann tritt Tom in ihr Leben, der neue Freund ihrer Mutter, ein sympathischer, lustiger Typ, der ein Händchen für Pflanzen hat und mit dem sie sich gut versteht. Dennoch hat sie ein komisches Gefühl: Tom hat kein Handy, angeblich, weil ihn das nur ablenkt, das Kinoprogramm lässt er sich vorlesen, weil er seine Brille verlegt hat und beim Italiener bestellt er immer genau das gleiche wie Sina und ihre Mutter. Zusammen mit Sinan kommt Sina dem Geheimnis auf die Spur: Tom kann nicht lesen und schreiben.

    Autorin Heidemarie Brosche: „Wir entlassen viele Junge Leute ins Leben, die nicht lesen können“

    Schon lange ging der Autorin, die viele Jahre als Lehrerin in der Augsburger Schillerschule unterrichtete, das Thema im Kopf herum. „Es hat mich immer bewegt, dass wir so viele junge Leute nach neun Jahren ins Leben entlassen, die nicht ausreichend lesen können“, erläutert sie im Gespräch zu ihrem neuen Buch. 6,2 Millionen Menschen gelten in Deutschland als Analphabeten, dazu zählen auch sogenannte funktionale Analphabeten, die zwar die Buchstaben kennen, aber nicht flüssig und sinnentnehmend lesen können.

    Den Anstoß zu diesem Buch gab die Begegnung mit der Augsburger Illustratorin Juliane Filep, die ihr dieses Thema als gemeinsames Projekt vorschlug und von der die farbenfrohen Bilder des Buchs stammen. Wichtig war Brosche, einen Blick ohne Vorurteile auf dieses Thema zu werfen. „Ich wollte keinen Migranten als Protagonisten, weil viele sagen, klar, die können´s halt nicht.“ Tom kann nicht lesen und schreiben, weil er als Kind in der Grundschule länger krank war und die Rückstände nicht mehr aufholen konnte, eine Ursache, die oft zugrunde liegt, wenn Jugendliche und Erwachsene nicht oder nur schlecht lesen können, weiß Heidemarie Brosche aus ihrer Erfahrung. „Da kommt oft eines zum anderen, irgendeine Wahrnehmungsschwäche, weitere gesundheitliche Probleme, Streit in der Familie, geringere Unterstützung durch die Eltern und dann schaukelt es sich hoch und sie hängen immer mehr hinten dran.“

    Zu diesem unverstellten Blick gehört für Brosche auch, darzustellen, dass Analphabeten zwar Defizite beim Lesen und Schreiben haben können, deshalb aber nicht dumm sein müssen. So kann in ihrer Geschichte Tom z. B. Sina bei einer Biologie-Prüfung helfen. „Jeder kann irgendetwas nicht, aber dass jemand nicht lesen kann, wird in unserer modernen Gesellschaft nicht akzeptiert“, hat Heidemarie Brosche festgestellt.

    Analphabeten entwickeln Strategien und Tricks um nicht aufzufliegen

    Mit ihrem Buch ging es der Autorin darum, Verständnis für die Situation von Menschen zu schaffen, die nicht lesen können. „Sie stehen unter unwahrscheinlichem Druck und entwickeln Strategien und Tricks, um nicht aufzufliegen und das Leben trotzdem zu bewältigen.“ Informiert hat sie sich dazu in Interviews und Berichten, in denen Betroffene über ihre Probleme, auch ihre Scham berichten. Zudem habe sie mit dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung zusammengearbeitet und das fertige Buch auch noch einmal gegenlesen lassen, um Fehler zu vermeiden.

    Das neue Buch der Friedberger Autorin Heidemarie Brosche ist in leicht verständlicher Sprache geschrieben.
    Das neue Buch der Friedberger Autorin Heidemarie Brosche ist in leicht verständlicher Sprache geschrieben. Foto: Hase und Igel Verlag

    „Die Stigmatisierung ist ein großes persönliches Problem für diese Menschen, aber Analphabetismus ist auch ein Problem für die ganze Gesellschaft“, sagt Heidemarie Brosche. „Menschen, die nicht ausreichend lesen können, bleibt der Weg in bestimmte Berufe verwehrt, aber man sieht auch, was politisch passiert, wenn es viele Menschen gibt, die nicht nachlesen können. Sie sind leicht zu manipulieren.“ Seit Jahrzehnten setzt sich Heidemarie Brosche für die Leseförderung ein, hält Vorträge darüber und hat Konzepte dafür entwickelt und in der Praxis angewendet. Leseförderung betreibt sie allerdings nicht nur in der Didaktik, sondern auch als Autorin.

    Einfach, aber nicht simpel: Heidemarie Brosches Jugendbuch „Das muss doch so nicht bleiben“

    Als ehemalige Lehrerin einer Mittelschule hat sie die Erfahrung gemacht, dass viele der Bücher, die auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden, an den Fähigkeiten leseferner Kinder vorbeigehen. Deshalb gibt es „Das muss doch nicht so bleiben“ in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, in einer Light- und x-light-Variante. Das heißt, die Geschichte ist bewusst in einfachen Sätzen und kurzen Kapiteln gehalten und wird mit Witz und Spannung in einer jugendnahen Sprache erzählt. Einfach, aber nicht simpel ist der Grundsatz in Brosches neuem Werk, das auch Jugendlichen, die sich mit dem Lesen schwer tun, Lust auf Lektüre machen will

    Heidemarie Brosche: Das muss doch nicht so bleiben (light und xlight). Mit Illustrationen von Juliane Filep; Hase und Igel, 144 Seiten, 7,95 Euro - ab 10

    Diskutieren Sie mit
    0 Kommentare

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Registrieren sie sich

    Sie haben ein Konto? Hier anmelden