Es gibt mitreißende Free-Jazz-Aufnahmen, bei denen Markus Lüpertz am Klavier sitzt und A. R. Penck das Schlagzeug betätigt. Penck hat viele Seiten, bekannte wie seine Malereien, Druckgrafiken und Plastiken, mit denen er im Westen früh reüssierte. Daneben war der Autodidakt aber auch Filmer, Musiker und Poet. Einer seiner Schüttelreime: „Bin ich hier, um nett zu sein, mit den netten Leuten fein, mit den feinen Leuten nett und der Bauch wird langsam fett… Bin ich schon so weit gelaufen, will ich mich auch gut verkaufen.“
Wir lesen einen Selbstkommentar, mit Ironie gewürzt. Der gebürtige Dresdner Penck, vormals Ralf Winkler geheißen, bezieht sich mit seiner Reimfolge auf die 1980 erfolgte Ausbürgerung aus der DDR. Als in jenem Jahr der DDR-Künstlerpräsident Willi Sitte nicht gemeinsam mit ihm ausstellen wollte, war das genug der Repressalien. Penck ging nach Westdeutschland (wohin er seine Bilder schon vorher geschmuggelt hatte), später nach Dublin. 2017 ist er in Zürich gestorben, 77 Jahre alt.
Das Multitalent macht es schwer
Erstens macht es das Multitalent Penck all jenen schwer, die ihn mit einer Retrospektive seines Werkes beehren wollen. Das eine und andere Talent des Künstlers fällt dabei fast zwangsläufig unter den Tisch. Zum Zweiten lenken die DDR-Schikanen (kein Zugang zu Kunsthochschulen und Künstlerverband, Bespitzelungen durch die Staatssicherheit) in der aktuellen Penck-Ausstellung in der Galerie Noah den Blick vor allem auf ein Bild: „Stasi“, Acryl auf Leinwand, 1990. Es ragt heraus in dieser verdienstvollen, mit knapp 50 Malereien und Grafiken bestückten Schau. Galeristin Wilma Sedelmeier hat das Projekt zusammen mit der Berliner Galerie Michael Schultz realisiert. (Es ist im Übrigen die dritte Penck-Schau bei Noah nach 2002 und 2011.)
„Stasi“: Das Unwort steht groß im düsteren, linker Hand versperrten Bildraum, in dem sich bedrohliche, nicht durchschaubare Verschlingungen, Übergriffe und Gewalttätigkeiten Bahn brechen.
Auch der Westen kein Paradies für Künstler
Diese beklemmende Malerei ist stilistisch gar nicht so bezeichnend für den sein „Standart“-Vokabular aus Strichmännchen, Augen, Pfeilen, Punkt und Doppelpunkt, Kreis, X und T-Balken um- und umformulierenden Künstler. Man könnte in der Ausstellung auf andere „untypische“ Beispiele verweisen. Etwa den lapidar gefassten, malerisch-magischen „Trinker bei Tag“ (1985). Oder die beschwingte, ihre Umgebung farbig aufnehmende, die Gliedmaßen streckende Frau in Rot („Mit Puck im Auto“, 1982). Sie hat ein Pendant in der schwungvollen Lithografie „Dani und Kinder in Santa Monica“ (1989). Man sehe ferner – ein weiterer Höhepunkt – die dichte, frei zwischen informell und expressiv pendelnde Malerei „Die neue Illusion zerstört euch“ (1983). Der Titel, die Schwarzzone, das wiederholte Augenmotiv sind Indizien dafür, dass auch der Westen mit seinen verschärften Konkurrenzen kein Paradies für Künstler war.
Die Auswahl bei Noah stützt sich auf die 80er und 90er Jahre. Penck bekennt sich zur Kunst als Form des Denkens. Das ist im Ineinander von Begriff und Anschauung nicht weit weg von Paul Klee und seinem „bildnerischen Denken“. Pencks Formensprache führt zurück zu den Anfängen, zu Höhlenmalerei, Piktogramm und Kinderzeichnung. Aus Strichmännchen, Schlangenlinien, Pfeilen, Kreisen und Ornamentketten ersteht ein Bildsystem, dem die Abwandlung, der Zweifel, das Imperfekt, nicht zuletzt der Humor eingeschrieben sind.
Die labile menschliche Interaktion dominiert, die Isolierung so gut wie das Echo, die Konstellation wie der Konflikt. Wie komplex und rätselhaft Bruch und Zusammenhang malerisch und rhythmisch zusammenspielen, das entscheidet über die Qualität.
Penck-Ausstellungen schwanken oft im Niveau. Es ist eben ein Unterschied, ob der Maler sein Stricharsenal zum schematischen Schaubild fügt („o. T.“, 1982, Öl auf Pappe) oder ob er, im selben Jahr, die „Welt des Adlers“ (Gouache auf Papier) in differenzierten Blau- und Rottönen, in Flug und Vergitterung aufleben lässt. Die „3 Frauen mit Dämon“ (1989) gleichen einem Farbknall. Dann wieder schafft Penck feine Übergänge („Preußische Hoffnung“, 1999). Seine „Utopie“ (1996) gewinnt nicht zuletzt dank ihres rötlich glühenden Hintergrundes, und in seinem aquarellierten Selbstporträt von 1993 fixiert uns ein leibhaftiger Dämon.
Die Reihe der Drucke (aus dem Bestand von Sabine Knust) besticht durch die Spanne des grafischen Ausdrucks. Hervorgehoben sei das „Pferd bei Mondschein“ (1990), eine gespenstisch in Schwarz-Weiß dräuende Lithografie. Sie ruft die apokalyptischen Reiter herbei.
Laufzeit bis 9. September in der Galerie Noah, Glaspalast; Dienstag bis Donnerstag 11 bis 15, Freitag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr. Kataloge liegen auf.