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Abgas-Skandal: Schadstoff-Werte: Regierung erhöht Druck auf Auto-Konzerne

Abgas-Skandal

Schadstoff-Werte: Regierung erhöht Druck auf Auto-Konzerne

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    Abgasuntersuchung an einem Diesel: Der Umweltforscher-Verbund ICCT - Mitenthüller des VW-Abgas-Skandals - erhebt in einer Studie neue schwere Vorwürfe gegen die Autobranche.
    Abgasuntersuchung an einem Diesel: Der Umweltforscher-Verbund ICCT - Mitenthüller des VW-Abgas-Skandals - erhebt in einer Studie neue schwere Vorwürfe gegen die Autobranche. Foto: Patrick Pleul (dpa)

    Der Diesel-Skandal bei VW und verdächtige Abgaswerte bei mehreren anderen Marken haben einiges angerichtet. Millionen Autofahrer wissen nicht mehr so genau, welchen Umweltversprechen sie noch glauben können. Die Politik ist aufgeschreckt und arbeitet an strengeren Kontrollen - zu spät, wie Kritiker monieren. Volkswagen und weitere Hersteller müssen Abgastechnik in Ordnung bringen oder zumindest Zweifel ausräumen. Und sonst? Nicht nur Verbraucherschützer fordern von der stolzen Branche mehr eigenen Antrieb in der großen Vertrauenskrise. Jetzt erhöht auch die Bundesregierung den Druck.

    Wo ist das Problem?

    "Es ist das eine, dass der Gesetzgeber die Regeln ändert", sagt Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Das sei allerdings ein langwieriger europäischer Prozess. "Etwas anderes ist das, was die Autoindustrie tun kann". Und da erwarte er in puncto Abgas nun "ein deutlich offensiveres Vorgehen". Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) argumentiert ähnlich. Die Branche solle ihre defensive Haltung ändern, machte er bereits Mitte Dezember im Untersuchungsausschuss des Bundestags deutlich. Bisher beschreibe sie in Umweltfragen meistens zuerst Gefahren und gehe dann in den Abwehrkampf.

    Was plant Dobrindt konkret?

    Chronologie der Abgasaffäre bei VW und Audi

    VW steckt tief in der Krise. Der Abgas-Skandal hat Konzernchef Martin Winterkorn den Job gekostet - nun müssen sein Nachfolger Matthias Müller und der neue Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch die Affäre aufklären.

    3. September 2015: Volkswagen räumt gegenüber der US-Umweltbehörde EPA Manipulationen bei Abgastests ein.

    18. September 2015: Die EPA teilt mit, VW habe eine Software eingesetzt, um Test-Messungen des Schadstoffausstoßes künstlich zu drücken.

    22. September 2015: Der Konzern gibt eine Gewinnwarnung heraus und kündigt Milliarden-Rückstellungen an. VW-Chef Martin Winterkorn bittet um Entschuldigung.

    23. September 2015: Rücktritt Winterkorns. «Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren», erklärt er seinen Schritt.

    25. September 2015: Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen.

    28. September 2015: Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen.

    29. September 2015: Volkswagen legt einen Aktionsplan zur Nachbesserung von Dieselwagen mit manipulierter Software vor und will fünf Millionen Fahrzeuge der Kernmarke VW in die Werkstätten holen.

    1. Oktober 2015: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig rudert zurück: Entgegen früheren Angaben führt sie kein formelles Verfahren gegen Winterkorn. Neuer VW-Finanzchef wird nach dem Wechsel von Hans Dieter Pötsch in den Aufsichtsrat der Leiter der Finanzsparte, Frank Witter.

    2. Oktober 2015: Auf speziellen Internetseiten können Kunden von VW und Audi prüfen, ob ihr Wagen die Manipulations-Software verwendet.

    4. Oktober 2015: Laut «Bild am Sonntag» sollen VW-Ingenieure der internen Revision gesagt haben, sie hätten 2008 die Software installiert.

    6. Oktober 2015: Betriebsratschef Bernd Osterloh und Müller sprechen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg zur Belegschaft. Osterloh betont, bisher gebe es noch keine Konsequenzen für Jobs - laut Müller stellt die Abgas-Affäre aber bereits geplante Investitionen infrage.

    7. Oktober 2015: Erneutes Krisentreffen der VW-Aufseher, Pötsch wird an die Spitze des Kontrollgremiums gewählt. Nach Aussage Müllers in einem «FAZ»-Interview kann der Auto-Rückruf im Januar 2016 beginnen.

    8. Oktober 2015: Razzia bei Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ordnet Durchsuchungen in Wolfsburg und an anderen Orten an. VW-US-Chef Michael Horn muss dem US-Kongress Rede und Antwort stehen.

    9. Oktober 2015: US-Bundesstaat Texas verklagt Volkswagen. VW habe seine Kunden über Jahre hinweg vorsätzlich getäuscht, sagt ein texanischer Staatsanwalt.

    15. Oktober 2015: Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) lehnt die von Volkswagen angebotene freiwillige Reparatur ab. Rund 2,4 Millionen betroffene Fahrzeuge von VW werden zurückgerufen.

    2. November 2015: Auch Porsche und Audi geraten unter Verdacht. Die US-Umweltbehörde prüft die von Audi gebauten und von Porsche verwendeten Dreiliter-Dieselaggregate.

    4. November 2015: VW, Porsche und Audi stoppen in den USA den Verkauf von Fahrzeugen, die mit der umstrittenen Dreiliter-Dieselmaschine ausgerüstet sind.

    12. November 2015: Martin Winterkorn gibt Vorsitz bei Audi auf. Nach dem Rückzug von VW und Porsche legt Winterkorn auch sein Amt bei Audi nieder.

    5. Januar 2016: Die US-Regierung reicht im Abgas-Skandal Klage gegen Volkswagen ein. Das Justizministerium wirft dem Konzern vor, Betrugssoftware eingesetzt und gegen das Luftreinhaltegesetz "Clean Air Act" verstoßen zu haben.

    27. Januar 2016: VW beginnt mit dem Rückruf der betroffenen Fahrzeuge. Zunächst ist der Pick-up Amarok dran. Danach folgen die Passat-Modelle.

    15. März 2016: Knapp 300 Großaktionäre verklagen VW auf Schadensersatz in Höhe von rund drei Milliarden Euro.

    22. April 2016: VW muss den höchsten Verlust in der Geschichte des Unternehmens bekannt geben.

    28. Juni 2016: Entschädigungen in Rekordhöhe: 15 Milliarden Dollar kostet der Abgasskandal VW in den USA allein an Strafen an die Umweltbehörden und Entschädigungen an Autofahrer.

    7. September 2016: Auch der Autozieferer Bosch gerät immer mehr in Kritik. Ohne das Stuttgarter Unternehmen habe Volkswagen die Software nicht anpassen können, berichten Medien.

    23. September 2016: Neue Vorwürfe aus den USA belasten VW-Tochter Audi schwer. Bisher bestritt Audi stets manipuliert zu haben.

    22. November 2016: VW will weltweit 30.000 Jobs abbauen. Allein in Deutschland sollen bis zu 23.000 Jobs wegfallen.

    15. Dezember 2016: Sigmar Gabriel (SPD), Peter Altmaier (CDU) und Barbara Hendricks (SPD) sagen im U-Ausschuss aus, sie hätten erst nach Aufdeckung des Skandals 2015 von verbotenen Praktiken erfahren.

    20. Dezember 2016: Nächste Vergleichszahlung: VW und Audi sollen in Kanada bis zu 1,5 Milliarden Euro an Autokäufer zahlen.

    9. Januar 2017: Amerikanisches FBI nimmt einen VW-Manager wegen des Dieselskandals fest.

    11. Januar 2017: VW und das US-Justizministerium einigen sich zu einem Vergleich. VW muss wegen rund 4,3 Milliarden Dollar zahlen.

    19. Januar 2017: Martin Winterkorn wird im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Diesel-Skandal befragt. Der damalige Vorstandsvorsitzende des VW-Konzerns betont erneut, "nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt" worden zu sein.

    27. Januar 2017: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt jetzt auch gegen den früheren VW-Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn wegen des Verdachts auf Betrug.

    3. Februar 2017: Ferdinand Piëch, der frühere VW-Aufsichtsratschef, belastet Martin Winterkorn. Demnach soll Winterkorn doch schon früher als von ihm eingeräumt vom Abgasbetrug erfahren haben.

    18. Februar 2017: Interne Dokumente belasten Audi-Chef Rupert Stadler. Er soll schon 2007 von der Schummelei zu den Abgaswerten gewusst haben.

    8. März 2017: Kanzlerin Angela Merkel sagt als letzte Zeugin vor dem Untersuchungsausschuss zur Abgasaffäre aus. Sie will von der Affäre erst durch die Medien erfahren haben.

    15. März 2017: Razzia bei Audi: Kurz vor Beginn der Jahrespressekonferenz durchsuchen Fahnder die Konzernzentrale in Ingolstadt.

    Der Verkehrsminister will die Konzerne im neuen Jahr zu freiwilligen vertrauensbildenden Maßnahmen bewegen - und bringt dafür jetzt eine Selbstverpflichtung der Hersteller ins Spiel. Darin sollten sie zusagen, zulässige Spielräume bei den umstrittenen Abgasmessungen im Labor nicht mehr auszuschöpfen. Außerdem könnte man eine Teststrecke für vergleichbare Messungen auf der Straße festlegen: zum Beispiel 100 Kilometer lang und mit Abschnitten inner- und außerorts. Die Ergebnisse sollten dann im Internet veröffentlicht werden. 

    Was soll das bringen?

    Eine solche nationale Aktion könnte zumindest Hersteller einbinden, die neue Typen in Deutschland für den EU-Markt genehmigen lassen wollen. "Das würde verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen", sagt Dobrindt. Dass die jetzigen Regeln einigen Spielraum beinhalten, hat sich dabei schon gezeigt - beim geplanten "freiwilligen" Rückruf von 630 000 Fahrzeugen, bei denen Zweifel am Modus der Abgasreinigung aufgekommen waren. Ergebnis der Umrüstung beim ersten Modell, dem Geländewagen Macan von Porsche: Auf einmal soll die Abgasreinigung schon ab fünf Grad Außentemperatur voll arbeiten - statt ab 17 Grad.

    Wie geht es weiter?

    Dobrindts Stoßrichtung ist klar: Die Autobranche soll sich nicht hinter der Politik verstecken und abwarten, bis schärfere Regeln in Kraft sind. Ob die Konzerne den öffentlichen Appell aufgreifen oder den Minister abprallen lassen, muss sich zeigen. In der EU ist Dobrindt bisher nicht mit der Forderung durchgedrungen, die Ausnahmen vom generell verbotenen Abschalten der Ökofunktion enger zu fassen. Unabhängig davon bleibt auch die Rolle von Behörden und Politik im Visier. Im neuen Jahr muss Dobrindt im Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen - im März dann auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU). AZ/dpa

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