Nach all den Jahren zieht sie nur noch die Augenbrauen hoch oder lacht einfach süffisant, wenn sie mal wieder auf die beiden Episoden aus den 1970ern angesprochen wird. Da kann sie nach Israel gehen und erfolgreich als Auslandskorrespondentin für den Stern arbeiten, aus Washington über die große Politik berichten, das deutsche Privatfernsehen mit aufbauen, hochgelobte Bücher schreiben – und trotzdem kleben diese beiden Geschichten immer noch wie ein Etikett an Wibke Bruhns: „Erste Nachrichtensprecherin im deutschen Fernsehen“ und „die Frau, die eines Nachts in Jerusalem mit Willy Brandt ein paar Stunden in einem Hotelzimmer verschwand“.
„Die Helmut Schmidt des deutschen Journalismus“
Für die Journalistin Wibke Bruhns waren das nur kleine, eher unwichtige Episoden. „Es gab viel Spannenderes in meinem Leben“, sagt die 73-Jährige mit ihrer typisch rauchigen Stimme und einem leicht hanseatischen Tonfall am Telefon. Jetzt ist sie wieder im Gespräch. Ihr neues Buch „Nachrichtenzeit“ ist gerade erschienen. Und sie mischt sich noch immer ein: Ihre Unterschrift steht auf einer Liste für mehr Frauen in Chefredaktionen.
Die Leute hören zu, wenn Wibke Bruhns etwas sagt. Sie sitzt im Literaturhaus in München, trägt Lackstiefeletten mit Bleistiftabsatz, schwarzen Plisseerock, goldene Paillettentasche, Brille, rahmenlos. Sie sieht nicht aus wie die meisten Frauen in ihrem Alter. Und sie hat auch andere Geschichten zu erzählen. Stets ruhig, überlegt und messerscharf formuliert sie ihre Gedanken. Auch deswegen hat der Fernsehjournalist Frank Plasberg sie jüngst als „die Helmut Schmidt des deutschen Journalismus“ bezeichnet.
Wibke Bruhns: Deutschlands erste Quotenfrau
Ihre „unfertigen Erinnerungen“ stehen in „Nachrichtenzeit“ – unsentimental und ironisch schreibt sie. Natürlich auch vom Eklat, durch den sie berühmt wurde: als erste Nachrichtenfrau im westdeutschen Fernsehen. Das hatte sich noch keine getraut. Sie bekam den Job wegen ihres Geschlechts und war somit eine der ersten Quotenfrauen im Land – in einer Zeit, als Quotendebatten noch gar nicht geführt wurden. Diese Episode gehört zu ihrer Vita dazu und verrät viel über Bruhns. Nonkonformismus zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Die Quote irgendwie auch und das „Die-Erste-Sein“.
Der Mut, die Stärke und die Neugierde ihrer Tochter Wibke waren Else Klamroth schon früh aufgefallen, wie sie in Kindertagebüchern notierte. Wibke Bruhns las das Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter. Ihren Vater hatte sie nicht richtig kennengelernt. Hans Georg Klamroth war als Mitwisser des Hitler-Attentates vom 20. Juli 1944 von den Nazis hingerichtet worden. Mutter Else brachte fünf Kinder alleine durch. Die kleine Wibke suchte Aufmerksamkeit. Und die bekam sie immer, wenn sie in Ohnmacht fiel. Das konnte sie schon bald auf Kommando.
Aus politischen Gründen kündigte sie bei der Bild
Nach dem Krieg wuchs sie zunächst in Stockholm auf, wo ihre Mutter in der deutschen Botschaft arbeitete. Dann kam sie in ein Internat nach Plön in Schleswig-Holstein, eine ehemalige Nazi-Eliteschule. Sie hielt es dort nicht lange aus. Der Rektor sagte zum Abschied, sie habe den schlechten Charakter ihres Vaters, „eines Hochverräters“. „Eigentlich hätte ich ihm eine kleben müssen. Der Mann hieß Erwin Schmidt – und so war er auch“, sagt sie heute.
Sie zog zu Verwandten nach Berlin, machte dort ihr Abitur. Dann studierte sie Geschichte in Hamburg, brach das Studium ab und bewarb sich um ein Volontariat bei der Bild – „die zahlten damals am besten“. Sie schrieb bald bei der Boulevardzeitung Geschichte: als erste Volontärin, die aus politischen Gründen kündigte. Eine Überschrift, in der Hitlers Machtergreifung mit der Politik der DDR verglichen wurde, fand sie nicht korrekt. Der Chefredakteur amüsierte sich über ihr Verhalten und attestierte ihr im Zeugnis einen „Mangel an Konformismus“. Darauf ist sie auch heute noch ein bisschen stolz.
„Mein einziger Vorteil lag in der Tatsache, dass ich eine Frau bin“
Wibke Bruhns landete per Zufall beim Fernsehen und arbeitete sich schnell hoch. „Mein einziger Vorteil, wenn überhaupt, lag in der Tatsache, dass ich eine Frau bin“, sagte sie Jahre später. Sie arbeitete im Hamburger ZDF-Studio, war Redakteurin, heiratete, bekam zwei Töchter, machte Hörfunksendungen für den NDR – und dachte nicht im Traum daran, Hausfrau zu werden. Dann kam der 12. Mai 1971.
Schwarze Brille, bunte Oberteile, toupierte Kurzhaarfrisur. So sah damals die erste Nachrichtensprecherin aus. Als Wibke Bruhns am 12. Mai 1971 um 22.14 Uhr auf Sendung ging, empörten sich vor allem Frauen. Sie schrieben wütende Briefe, Bruhns solle sich lieber um Mann und Kinder kümmern. „In Leserbriefspalten tönte es, warum ich über Dinge redete, von denen ich nichts, rein gar nichts verstünde. Damen machten sich Gedanken über die Farbe meines Nagellacks, Modeblätter über meine Frisur“, erinnert sich Bruhns. Während der Sendung habe es Anrufe gegeben: „Machen Sie die Bluse zu!“ Männer schickten Drohungen („Gott straft Frauen, die ihren angestammten Platz verlassen“) oder machten unmoralische Angebote, um Bruhns ihre Weiblichkeit zurückzugeben.
Zufällig die einzige Frau in einer Männerrunde
Es gab auch andere Reaktionen. Kolleginnen gratulierten ihr zu ihrem Mut. Frauenzeitungen gaben ihr Schützenhilfe. Sie mutierte, „obwohl völlig unbeteiligt, in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer der Vorkämpferinnen der offenbar völlig abgedrehten Frauen“. Wibke Bruhns konnte die ganze Aufregung nicht nachvollziehen. Sie selber fand den Sprecherjob nur langweilig. Fremde Texte vorzulesen, das war nicht das Ihre. Sie wollte recherchieren, selber formulieren und auch lachen dürfen vor der Kamera. Sie lacht gerne und viel.
Per Zufall kam sie zum „langweiligsten Job“, den sie je gemacht habe. Sie war Anfang 1971 zufällig die einzige Frau in einer Männerrunde aus ZDF-Entscheidern und -Journalisten. Soeben war die Nachricht durchgesickert, dass die ARD eine Nachrichtensprecherin auf Sendung schicken wollte. Bei ein paar Bier entschieden die Männer, der ARD die Schau zu stehlen. „Du machst das, oder?“, fragten sie Bruhns. Sie sagte Ja und stieß damit eine neue Tür für Frauen auf. Allerdings geriet sie damit auch in ein Dilemma: Als ihr der Job nicht gefiel, war kündigen unmöglich, weil es als Versagen oder Scheitern der Frau Bruhns gesehen worden wäre. Ihr Grundsatz aber lautet: „Verbiegen geht gar nicht.“ Was also tun?
Bruhns fand einen ungewöhnlichen Ausweg: Als erste Fernsehnachrichtenfrau engagierte sie sich als Wahlkämpferin für Willy Brandt und wechselte nach der gewonnenen Bundestagswahl zum WDR. Dann zum Stern. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie mit ihren beiden Töchtern nach Jerusalem und berichtete für das Magazin über den Nahen Osten. Später ging sie nach Washington, arbeitete dann als freie Journalistin in Deutschland, wohnte im Elsass, zog nach Berlin. Sie war überall dabei, wo etwas los war. Und viele Male zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Brandt brauchte „eine lebendige Wand“ zum Hinreden
„Ich hatte mehr Glück als Verstand“, blickt sie zurück auf ihre Karriere, „es waren die goldenen Jahre.“ Damals hatten Journalisten Zeit für Geschichten und ein schier unbegrenztes Budget. Das hat sich geändert. Auch der Frauenanteil unter den Redakteuren ist in den vergangenen 40 Jahren gestiegen. In den Führungsetagen aber habe sich wenig getan, meint Bruhns. Das seien immer noch Männerdomänen. Und deshalb hat Bruhns ihren Namen auf eine Liste für mehr Frauen in Chefredaktionen gesetzt. Bisher war sie gegen Quoten. Aber es ändere sich ja sonst nichts. „Unsere Herren Chefredakteure sollten mal Frauen ranlassen“, sagt sie. Abteilungen zu leiten, Geld zu verwalten – keine reine Männersache.
Auch in der Gesellschaft müsse noch viel passieren. „Im Vergleich zu Frankreich und Skandinavien hinken wir hinterher. Es gibt zu wenig Betreuungsplätze.“ Kindeserziehung sei ein „politischer Job“. Schließlich wolle man vernünftige Staatsbürger großziehen. „Die Gesellschaft ist verpflichtet, dir dabei zu helfen“, sagt Bruhns. Sie hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Und macht es jetzt auch nicht. Gut, Tacheles also. Und was war jetzt mit Willy Brandt, damals im Juni 1973 in der Suite des Hotel „King David“? „Nichts“, sagt sie seit 40 Jahren immer wieder. „Wir haben Whiskey getrunken. Er brauchte eine lebendige Wand, an die er hinreden konnte.“ Alles andere sei die Phantasie der „Sicherheitsfritzen“ vor der Tür gewesen.