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Gesellschaft: Medizinisches Wunder: Dieses Zwillingspaar trennen zehn Wochen

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Medizinisches Wunder: Dieses Zwillingspaar trennen zehn Wochen

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    Eine glückliche Familie: Tugba und Murat Bisirici mit ihren Zwillingen, dem Mädchen Esila (rechts) und dem Buben Efe. Die beiden kamen im Abstand von zweieinhalb Monaten zur Welt.
    Eine glückliche Familie: Tugba und Murat Bisirici mit ihren Zwillingen, dem Mädchen Esila (rechts) und dem Buben Efe. Die beiden kamen im Abstand von zweieinhalb Monaten zur Welt. Foto: Ulrich Wagner

    Gott ist es zu verdanken, dass Esila und Efe heute am Leben sind – und gesund. Da sind sich alle einig. Aber auch die moderne Medizin hat einen großen Beitrag geleistet. Esila und Efe sind Zwillinge. Doch das Mädchen und der Bub haben unterschiedliche Geburtstage. Zweieinhalb Monate liegen zwischen den Geburtsterminen der beiden. Sie ist am 14. März geboren, er am 1. Juni.

    Die türkischstämmigen Eltern der beiden, Tugba und Murat Bisirici aus dem baden-württembergischen Geislingen, sitzen in einem Besprechungsraum der Ulmer Frauenklinik. Esila und Efe liegen in ihren Tragekörben. Sie sabbern ein bisschen und lachen. Beide sind gesund. „Wenn ich sie jetzt ansehe, denke ich, dass alles gut ist“, sagt die 26-jährige Mutter Tugba. Sie hat Tränen in den Augen. Denn, dass ihre beiden Kinder am Leben sind, ist nicht selbstverständlich.

    42 Wochen lang dauert eine „normale“ Schwangerschaft. Doch schon nach der Hälfte dieser Zeit, in der 22. Woche, gab es bei Tugba Probleme. Sie verlor Wasser. „Ich hatte Angst, dass das Fruchtwasser ist“, sagt sie. Deshalb ging sie zum Arzt. Und der machte einen Test und schickte die junge Frau gleich weiter – ins Universitätsklinikum Ulm, das mit seiner Frauenklinik und der Neonatologie zur Versorgung Frühgeborener auf Problemfälle eingerichtet ist.

    Nach nur 22 Wochen kam Esila zur Welt

    „Die Diagnose war klar“, sagt Dr. Adela Stoenescu, die behandelnde Ärztin: „Vorzeitiger Blasensprung des ersten Zwillings und Muttermunderöffnung in der 22. Schwangerschaftswoche.“ Das bedeutet, das Kind war auf dem Weg zur Geburt – und das viel zu früh. „Die Gebärmutter wollte diese Frucht loswerden“, sagt auch Privatdozent Dr. Frank Reister, der Leiter der Sektion Geburtshilfe. „Es war klar, dass wir handeln müssen.“

    Zunächst versuchten die Ärzte also, die Wehen zu stoppen. Vergeblich. Schon nach zwei Tagen war klar: Es wird zu einer Geburt kommen. Noch vor ein paar Jahren wären in solch einem Fall beide Kinder gleichzeitig zur Welt gekommen – mit all den Risiken, die Frühgeborene haben. Doch die Ärzte in Ulm setzen in solchen, sehr seltenen Fällen seit einiger Zeit ein neues Verfahren ein: die „zweizeitige Zwillingsgeburt“.

    „In einer so frühen Schwangerschaftsphase zählt jeder Tag“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Janni, der ärztliche Direktor der Klinik für Frauenheilkunde. „Esilas Geburt war unvermeidbar“, erklärt Reister. „Aber wir wollten versuchen, Efe noch mehr Zeit zu geben.“ Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Kinder, die so früh zur Welt kommen, bleibende Schäden erleiden.

    Deshalb sprachen die Ärzte mit den Eltern. Sie erklärten ihnen, welche Gefahren sich für Esila auftun. Und sie fragten, ob sie lebenserhaltende Maßnahmen bei dem Frühchen einleiten sollten – auch auf die Gefahr hin, dass das Kind durch die frühe Geburt schwerste Behinderungen erleiden würde.

    Murat Bisirici: "Hatten schreckliche Angst"

    „Wir hatten schreckliche Angst“, sagt Murat Bisirici. Er hält die Hand seiner Frau, die noch immer mit den Tränen kämpft. „Du warst dir anfangs überhaupt nicht sicher, was wir tun sollen“, sagt Tugba. „Ja, ich war sehr verwirrt.“ Aber nach dem Gespräch mit den Ärzten lichtet sich für die Bisiricis die Situation. „Uns war plötzlich klar: Wir werden nicht Gott spielen, nicht über Leben und Tod entscheiden. Wir wollen dieses Kind. Und wir werden es annehmen, so, wie es ist.“ Dankbar nicken die jungen Eltern in Richtung von Dr. Reister. „Ihre Rede hat uns damals überzeugt“, sagt Tugba. „Ich hatte auch Angst“, sagt Reister.

    Dennoch nimmt er den Eingriff vor. Während Esila zur Welt kommt, gibt er der Mutter Tugba wehenhemmende Mittel – und verschließt den Muttermund wieder, damit Efe noch nicht geboren wird. Die Methode ist möglich, weil die beiden Kinder in unterschiedlichen Plazentas liegen. „Aber das alles wäre vor einigen Jahren noch völlig undenkbar gewesen“, sagt Reister, „wenn da Zwillinge länger als 30 Minuten Abstand bei der Geburt hatten, wurde man schon nervös.“ Dennoch: Es funktioniert.

    Ein Kind geboren und dennoch schwanger

    Esila, nur 565 Gramm schwer, wird sofort auf die Frühchen-Intensivstation des Klinikums verlegt. Sie muss beatmet werden, und auch die Verdauung funktioniert anfangs noch nicht. Auch Mutter Tugba bleibt vorerst im Krankenhaus. Sie muss sich von der Geburt erholen – und ist gleichzeitig weiter schwanger. „Diese Zeit war psychisch sehr schlimm“, sagt sie. „Sie hat viel geweint“, sagt ihr Mann Murat.

    Nach zwei Wochen darf Tugba nach Hause, noch immer schwanger, während Esila von den Ärzten weiter versorgt wird. Zweieinhalb Monate vergehen. Dann setzen bei Tugba wieder die Wehen ein. Es ist die 34. Schwangerschaftswoche, wieder eine Frühgeburt – aber deutlich später als noch beim ersten Mal. Efe kommt zur Welt, ein Bub, 2530 Gramm schwer. Auch er wird zunächst in die Neonatologie verlegt, darf aber schon nach zwei Wochen mit seinen Eltern nach Hause.

    Die extreme Frühgeburt hat Folgen hinterlassen

    Esila liegt in dieser Zeit immer noch im Krankenhaus. Die extreme Frühgeburt hat ihre Spuren hinterlassen. Das Kind braucht sehr viel medizinische Aufmerksamkeit, wegen einer entzündlichen Darmerkrankung sind immer wieder Operationen nötig. „Wenn Kinder so extrem früh geboren werden, hat das immer Folgen“, sagt Prof. Dr. Helmut Hummler, der Leiter der Sektion Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin der Klinik Ulm. Etwa 50 Prozent der so frühen Frühchen litten unter einer Behinderung, die übrigen hätten zumindest mit Lern- und Aufmerksamkeitsschwächen zu kämpfen.

    Bei Esila ist davon zumindest jetzt noch nichts zu spüren. Sie hat Hunger – und das zeigt sie auch. Lautes Kindergeplärr füllt den Raum, als auch ihr Bruder Efe in das Gebrüll einstimmt. Tugba kramt in ihrer großen Tasche und die Ärzte lächeln. Inzwischen haben sie auch Esila aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen, seitdem haben die Bisiricis mit den Zwillingen wirklich alle Hände voll zu tun.

    Obwohl sie zweieinhalb Monate älter ist als ihr Bruder, ist Esila noch immer deutlich kleiner und leichter: Sie bringt 3780 Gramm auf die Waage, Efe stolze 7400. Ob sie den Nachteil, den sie durch die frühe Geburt erlitten hat, später aufholen kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen müssen. Wenigstens eines der Kinder, Efe, hat die Chance auf ein normales Leben bekommen. Dass das so ist, ist der neuen Methode der „zweizeitigen Zwillingsgeburt“ zu verdanken. Und Gott.

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