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Fotografie: Bei Martin Parr sieht man die Freakshow des Banalen

Fotografie

Bei Martin Parr sieht man die Freakshow des Banalen

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    Eine Aufnahme aus dem belgischen Badeort Knokke Le Zoute (aus Martin Parrs Serie "Common Sense").
    Eine Aufnahme aus dem belgischen Badeort Knokke Le Zoute (aus Martin Parrs Serie "Common Sense"). Foto: © Martin Parr/Magnun Photos

    Seine Fotos sind grell und bunt wie billiges Plastikspielzeug. Ketchup, Waffeleis, Limo und Imbissbudenfett scheint aus diesen Bildern zu triefen. Rot verbrannt ist am kümmerlichen Strand die Haut der Menschen, denen Möwen die Pommes wegfressen, während sie zwischen Müll und anderen Erholungssuchenden ihr Fleckchen vom Glück behaupten. Martin Parr ist der schonungslose Hohepriester des Banalen, er ist gnadenlos mit seinen Sujets und Motiven, geht dicht ran, meistens mit Blitz.

    Parr fotografiert Geschmacksverirrungen und Massenprodukte, Konsumwelt und Junkfood, Imitat und Protz, Paare, die sich nichts zu sagen haben und aneinander vorbeistarren. Er schaut mit einer feinen Beobachtungsgabe auf die Verlorenheit des Menschen in unserer modernen Freizeit-Welt, über deren schäbige Glücksversprechen und groteske Anti-Idyllen man gleichzeitig lachen wie weinen möchte.

    Martin Parr bedient nicht die Sehnsucht nach dem Schönen

    Unberührt jedenfalls lassen die Aufnahmen des weltweit gefeierten, 1952 geborenen Engländers niemanden. Eine große Retrospektive seines Werks ist nun in München zu sehen, im Kunstfoyer der Versicherungskammer. Zwölf Serien – an manchen arbeitete Parr über Jahre – fächert die großartige Schau auf. Aus den Räumen hört man immer wieder Lachen von Besuchern – ein bitteres manchmal. „Herrlich unterhaltsam“, schrieb jemand ins Besucherbuch. Aber eine „Josy“ hinterließ diesen Kommentar: „Keines dieser Fotos hätte ich in mein Album geklebt.“ Tatsächlich bedient Martin Parr niemals die Sehnsucht nach Schönem, Erhabenen, Makellosem. Er ist ein Ethnologe der elenden Alltäglichkeit, deren Wucht in diesen farbstarken Aufnahmen einen sprachlos machen kann.

    Parr ist schmerzfrei bei seiner Arbeit – da hat niemand Zeit, sich in Pose zu setzen und den Bauch einzuziehen. Seine Serie „The Last Resort“, die ihn weltweit bekannt gemacht hat, zeigt die englische Arbeiterklasse 1985 im heruntergekommenen Badeort New Brighton. Eine Freakshow des Touristenlebens, das Seebad als absurder Verzweiflungsort. Ein Albtraum. Ist das denunzierend, ausbeuterisch, Menschen so auszustellen – rothäutig, halb im Müll sich sonnend, im Gedränge an einem Imbissstand, genervt von schreienden Kindern…?

    „Ich glaube, jeder Fotografie, die Menschen zum Gegenstand hat, wohnt ein Element der Ausbeutung inne“, sagt Martin Parr, „aber es wäre doch eine sehr traurige Welt, wenn Fotografen nicht mehr an öffentlichen Orten fotografieren dürften.“ Die Welt, die Martin Parr zeigt, ist eine Geisterbahn, in der uns Banalität und Billigästhetik, Schamlosigkeit und Zartheit erschrecken und berühren. In der Serie „Common Sense“, bestehend aus 270 Aufnahmen, untersucht Parr, der zur Meistergilde der „Magnum“-Fotografen gehört, die Oberfläche und austauschbare Zeichenhaftigkeit unserer Zivilisation. Sein detailreiches Mosaik der Dingwelt und der Gesten ist ein Panoptikum, in dem sich der Betrachter verlieren kann. Bunte Plastikkämme, Sandalen, Souvenirs, Geldscheine, angebissene Würstchen, Müll, Goldkettchen und ausrasierte Nacken…

    Was aussieht wie ein Taumeln durch die Welt, ist kunstvolles Hinsehen. Martin Parrs Gespür für Stimmungen, Skurrilitäten und Situationskomik, seine Unvoreingenommenheit und seine große Sensibilität, die unglaubliche Genauigkeit seines Blicks – alles das vermittelt diese Ausstellung. Eine Fliege auf dem äußersten Rand der ausladenden Hutkrempe einer reichen Lady beim Pferderennen, der Blick eines Besuchers in den Ausschnitt einer Hostess auf einer Automesse für Luxuswagen, ein verwöhnter Pudel, der am feinen Kuchen schnuppert – Martin Parr blitzt nicht nur die Arbeiterklasse an, sondern bohrt sich mit seiner Kamera auch ins Luxusleben der Reichen und Schönen.

    Im Innersten ist der Fotograf ein Menschenfreund

    Parr genügen zwölf Fotos, um etwa in seiner Serie „Dance“ (2007 bis 2011) das ganze Spektrum menschlicher Ausdrucksfähigkeit im Tanz zu durchmessen. Ekstase, Intimität, Entrücktheit, Lebensfreude, Traurigkeit, Zögerlichkeit und Enthemmung: Das alles erzählt der Fotograf, im Innern ein Menschenfreund, mit seiner Kamera. Und ein Foto, das ein übergewichtiges, mittelaltes Paar in einem Arbeiterklub in Cardiff in Wales in inniger Umarmung zeigt, ist in seiner tiefen Wahrhaftigkeit berührend.

    Martin Parr hat einen besonderen Blick für die beiläufigen Dinge, die unser Leben füllen: für Billigessen, Massenkonsumartikel, Souvenirs, den armseligen Plunder fürs Volk. Seine Fotos zeigen ein Staunen über die monströse Allgegenwart des Billigkrams. In Mexiko hat er Heiligenbildchen und Plastiklöffel, Devotionalien und Weltmarken wie Cola und McDonald’s in trauter Einheit erfasst – die Austauschbarkeit und Gleichwertigkeit der Dinge zeigend einerseits und andererseits auch ihre eigene Würde, trotz allem. Ins Besucherbuch hat jemand geschrieben: „Immer wieder Erschrecken über die traurige Banalität unseres Daseins.“ That’s it.

    „Martin Parr: Souvenir. A Photographic Journey“ ist zu sehen im Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer, Maximilianstraße 53, München. Laufzeit bis 28. Januar 2018. Täglich geöffnet von 9 bis 19 Uhr (geschlossen 24./25./31. 12.)

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