(
ddp
). Die Liste "bedeutender Persönlichkeiten" der Stadt
München
im entsprechenden
Eintrag
des Internet-Lexikons
Wikipedia
ist lang. Darunter finden sich unter anderem auch dort geborene Personen, auf welche die bayerische
Landeshauptstadt
alles andere als stolz ist. So unter anderem SS-Chef
Heinrich Himmler
, KZ-Kommandant
Josef Kramer
, SS-Arzt
Sigmund Rascher
und
Heinrich Müller
, Chef der im Dritten Reich gefürchteten geheimen Staatspolizei (
Gestapo
).
Der Münchner Presseamtsleiter Stefan Hauf zeigte sich am Freitag auf ddp-Anfrage überrascht über die Auflistung der NS-Größen neben verdienstvollen Münchnern wie etwa dem am 20. Juli 1944 nach dem Attentat auf Hitler hingerichteten Albrecht Mertz von Quirnheim. "Wir werden den Wikipedia-Eintrag über die Stadt München von den Experten des Stadtarchivs prüfen lassen und Inhalte gegebenenfalls auch verändern", sagte Hauf.
München ist bei weitem kein Einzelfall. So findet sich in der Rubrik "Söhne und Töchter der Stadt" bei Nürnberg etwa neben Albrecht Dürer der Nazischriftsteller und als Kriegsverbrecher verurteilte Hans Zöberlein, bei Fürth der Gauleiter und Reichsstatthalter in Danzig, Albert Forster. Im entsprechenden Eintrag der Stadt Schweinfurt wird neben dem Schriftsteller Friedrich Rückert auch der NS-Rassenforscher Karl Astel genannt.
Die Seite sei bekannt, teilte eine Sprecherin der Stadt auf Anfrage mit, dennoch werde man diese aber durch das Stadtarchiv überprüfen lassen. An dem Ausdruck "Persönlichkeit" stört sie sich nicht. "Ich glaube nicht, dass alleine der Ausdruck eine Wertung darstellt", sagte Corina Büttner.
Ganz anders sieht das die Würzburger SPD. Sie erzürnt die Aufzählung von dort geborenen Nazigrößen wie dem Wirtschaftstheoretiker der NSDAP, Gottfried Feder, dem NS-Architekten Roderich Fick, sowie Wehrmachtschef Ernst Jodl, der als Kriegsverbrecher nach dem Nürnberger Prozess gehängt wurde.
"Was uns stört, ist, dass all diese Personen unter der Überschrift 'Persönlichkeit' stehen", sagte der SPD-Vorsitzende Eberhard Grötsch auf ddp-Anfrage. Das erzeuge ein "ungutes Gefühl". Grötsch machte klar, dass es seiner Partei nicht darum gehe, die Nazi-Größen totzuschweigen. "Man muss der historischen Forschung Rechnung tragen", sagte er.
Das sieht nicht nur die SPD so, sondern auch die Spitzen im Würzburger Rathaus. Die Stadt wünsche sich von Wikipedia jedoch einen "sensibleren Umgang" mit diesem Thema, für das die Wikipedia-Autoren eine Lösung finden sollten, hieß es am Freitag auf Anfrage. Zudem will man nach Angaben von Pressesprecher Christian Weiss ebenfalls die Einträge auf geschichtliche Fehler hin überprüfen und gegebenenfalls korrigieren lassen.
Sebastian Moleski, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, verweist auf die offene Architektur des Internet-Lexikons, in der jeder mitarbeiten könne. Folglich gebe es keine feste Redaktion, die Inhalte überprüft. "Wir sind zwar als Dienstleister da, am Ende entscheidet aber die Gemeinschaft selbst, was in den einzelnen Artikeln steht", betont er. Er persönlich sei der Meinung, dass die Darstellung zumindest fragwürdig ist: "Den Begriff 'Persönlichkeit' sollte man überdenken, denn der hat ja eigentlich einen positiven Beiklang." Er wolle eine Diskussion anregen, damit die Artikel zumindest in einem neutralen Umfeld stehen.
Ein Blick in einschlägige Internetforen legt den Schluss nahe, dass die Einträge von Nazischergen in einer Liste bedeutender Persönlichkeiten keinesfalls zufällig sind. "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Wikipedia den Bolschewisten zu entreißen und mit nationalem Wissen zu füllen", schreibt dort etwa ein Nutzer.
Ein Problem, das Moleski durchaus nicht neu ist. "Der Wunsch vieler politischer Gruppierungen, Wikipedia zu unterwandern, ist bekannt", räumt er ein. Dagegen vorzugehen sei Sache der über 300 Administratoren, 5800 Sichter, die Inhalte überprüfen, und nicht zuletzt der Autoren der einzelnen Artikel.