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Soziales: Gemeinsam einsam: Wenn eine Polin eine deutsche Seniorin pflegt

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Gemeinsam einsam: Wenn eine Polin eine deutsche Seniorin pflegt

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    Sie arbeiten rund um die Uhr, oft für wenig Geld und ohne Versicherung: Tausende Polinnen pflegen in deutschen Haushalten Senioren.
    Sie arbeiten rund um die Uhr, oft für wenig Geld und ohne Versicherung: Tausende Polinnen pflegen in deutschen Haushalten Senioren. Foto: Jens Kalaene, dpa (Symbolbild)

    Nadia Kowalskis Welt endet an einer Hecke. Nur einmal am Tag schafft sie es dorthin. Sonst bleibt sie im Haus, zwischen Zierdecken und Schnabeltassen. Entstaubt Bücher, von denen sie nur wenige Worte versteht. Wischt über Bilder fremder Menschen. Wenn sie könnte, würde sie das alles hinter sich lassen und in den Wald laufen. Draußen sein, im Grünen, das mag sie von allen Dingen am liebsten. Doch als Pflegekraft ist sie an eine 89-Jährige gebunden, die nur noch bis in den Garten gehen kann. Nur dienstags lässt Kowalski sie zurück, eine halbe Stunde lang. Dann geht sie durch das Tor neben der Hecke, um im Dorf einzukaufen.

    Mit rundem Rücken beugt Kowalski sich über die gelben, wuchernden Blumen. Es ist Sonntag, könnte aber genauso gut Mittwoch, Freitag oder irgendein anderer Wochentag sein. „Immer um 11 Uhr muss ich gießen“, sagt Kowalski. Manchmal trödelt sie dabei, um noch etwas frische Luft abzubekommen und über die Hecke zu gucken. Zu sehen ist nur die Rückseite des Nachbarhauses und der Weg, der andere Leute in den Wald führt. Aber nicht Kowalski.

    1200 Kilometer musste sie fahren, um in die bedrückend kleine Welt zu gelangen. In einem polnischen Dorf östlich von Krakau verabschiedete sich die 43-Jährige von ihrer jüngsten Tochter. Spätnachmittags stieg sie mit zwei Reisetaschen in den Fiat eines Bekannten. Als sich die einzige Straße im Ort gabelte, versuchte sie, nicht zu weinen. Sie wusste: Sobald sie am nächsten Morgen vor dem gelben Haus im Schwarzwald aussteigt, würde ihr Leben für zwei Monate anhalten.

    Beide Frauen sind aufeinander angewiesen

    Die Namen der Orte will Kowalski nicht in der Zeitung lesen, auch ihr eigener musste geändert werden. Die Seniorin Leni Aberle, die ebenfalls anders heißt, beschäftigt sie schwarz. Die alte Frau kann sich nur mithilfe der jungen waschen, anziehen und zur Toilette gehen. Die junge Frau kann nur mithilfe der alten ihre Rechnungen zahlen. Jeden Freitag bekommt Kowalski 250 Euro bar auf die Hand. Da sie pausenlos arbeitet, wenn sie nicht gerade schläft, sind das umgerechnet 2,32 Euro pro Stunde – ein Bruchteil des Mindestlohns. Dazu kommen die Nächte: „Kowalski!“ Jedes Mal, wenn die Seniorin ihren Namen ruft, muss Kowalski aufstehen.

    Das Messer kratzt auf dem falschen Porzellan. Die Pflegerin vermischt Kartoffelsalat, Spätzle, Hähnchen und braune Soße. Das Mittagessen hat sie selbst gekocht. Über dem Tisch hängt der Abfallkalender, an dem sie die Tage bis zur Heimreise abzählt: noch 49 Mal schlafen. Leni Aberle sitzt gegenüber und lässt sich füttern. „Frau Leni“ nennt Kowalski die Seniorin.

    Für Make-up hat die Pflegerin keine Zeit und kein Geld. „Aber ohne Haarefärben kann ich nicht.“ Beim Sprechen stößt sie mit der Zunge an die Zähne, ihr gebrochenes Deutsch ist kaum zu verstehen. Aberle, die stundenlang von ihren Gebrechen erzählen kann, kaut stumm. Die Stille von zwei Menschen ist quälender als die eines einzigen. Heute wird Aberle kein einziges Mal „Danke“ sagen, Kowalski kein einziges Mal „Nein“.

    Bei ihrer Ankunft vor zwei Jahren kannte Kowalski nur Begrüßungsformeln und das Wort „Kartoffeln“ auf Deutsch. Als sie an einem ihrer ersten Abende welche kochte, sagte Aberle: „Die kannst du gleich wieder wegbringen. So was esse ich nicht.“ Kowalski gehorchte. Inzwischen kann sie alle deutschen Gerichte zubereiten und stellt Fragen wie: „Bissle Spätzle, Frau Leni?“

    Viele Osteuropäerinnen kommen als Pflegekräfte nach Deutschland, ohne die Sprache zu beherrschen. Sie verlassen ihr Zuhause, damit alte Menschen ihres nicht gegen Heime eintauschen müssen. Und weil sie zu Hause keinen Job finden. Die Vermittlungen tragen Namen wie „Hausengel“, „Polnische Pflegekräfte“ und „Perfekton“. Zwischen 1500 und 2000 Euro verlangen sie im Monat für die Rundum-Betreuung. Etwa ein Viertel davon behalten die Agenturen. Indem sie ihre Mitarbeiterinnen in Polen anstellen, umgehen sie den Mindestlohn.

    Wie Aberle beschäftigen viele Familien die Pflegerinnen trotzdem illegal. Das ist günstiger. Die Frauen arbeiten 24 Stunden am Tag – ohne einen freien Tag, ohne einen Abend für sich. Sie sind Köchinnen, Putzfrauen, Familienersatz – und oft ein Ventil für den Frust der alten Menschen. Alle paar Wochen wechseln sie sich mit einer zweiten Pflegerin ab. So wie Kowalski, die alle zwei Monate nach Hause fährt.

    Kowalski kocht und putzt für die Seniorin

    Die Trennung von ihren drei Kindern muss die alleinerziehende Mutter in Kauf nehmen. Sie hat keine Ausbildung und keinen Anspruch auf Unterhalt. Im polnischen Familienrecht ist die „Schuld an der Zerrüttung der Ehe“ maßgeblich dafür, ob ein Partner den anderen nach der Scheidung unterstützen muss. In Kowalskis Fall entschied das Gericht, dass ihr Mann die Verantwortung nicht allein trägt. Auch, wenn er gegangen ist. Nach der Scheidung konnte Kowalski weder den Strom zahlen noch die Schule für die 18-jährige Tochter. Im Winter ging der Ofen kaputt. Sie schliefen bei minus drei Grad.

    Auf dem Grundstück im Schwarzwald dagegen gibt es keine Jahreszeiten. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter trägt Kowalski kurzärmelig. Putzen ist anstrengend, und die Heizung im Haus immer aufgedreht.

    Nach dem Abwasch faltet Kowalski das Geschirrtuch dreimal, deckt mit einem zweiten den Herd ab. Dann sieht sie im Wohnzimmer nach Aberle. In ihrer Bügelfaltenhose sitzt die Seniorin in dem grauen Sessel. Für beide Frauen ist er der Mittelpunkt ihrer gemeinsamen Welt. Weil sie sonst nichts tun kann, erteilt Aberle von hier aus Befehle: „Kartoffelsalat machen!“, „Boden wischen!“, „Nicht so viel Wasser!“

    Früher bestand Aberles Leben ebenfalls aus diesen Arbeiten. Vier Kinder zog sie groß, putzte nebenher. Später pflegte sie ihren asthmakranken Mann, so wie sie heute von Kowalski gepflegt wird. Einmal war sie so erschöpft, dass sie sich während des Kochens auf den Boden legte und einschlief. Vor 14 Jahren wurde sie Witwe. Dabei wollte sie immer nur, dass alles bleibt, wie sie es gewohnt war. Sie sei eben schwierig, sagen die Söhne. Und das werde sich nicht mehr ändern.

    Wenn sie nicht vor zwei Jahren gestürzt wäre, könnte Aberle noch immer allein leben. Mit einem Oberschenkelhalsbruch kam sie damals ins Krankenhaus. Seither kann sie kaum noch gehen. Doch ins Altenheim wollte sie nicht. Einer ihrer Söhne organisierte zwei Pflegerinnen. „Es hieß: Du bekommst jetzt eine Polenfrau“, erzählt Aberle. „Oh Jesses Gott, dachte ich. Da verstehe ich ja gar nix.“ Aber sie hatte keine Wahl. Vor kurzem ist sie noch dazu vom Stuhl gefallen und hat sich die rechte Hand gebrochen. Die zweite Pflegerin stand wenige Meter hinter ihr. Seitdem kann Aberle nicht einmal mehr selbst essen.

    Wenn die 89-Jährige von der zweiten Pflegerin spricht, sagt sie noch immer „die andere Frau“. Aber an Kowalski hat sie sich gewöhnt. Kommen ihre Söhne zu Besuch, beendet sie fast jede Erzählung mit „Gell, Nadia?“ Manchmal isst sie sogar deren polnische Maultaschen. Im Haus und Garten hat sich hingegen nichts verändert. Die Hecke ist so akkurat geschnitten wie früher, das Beet blüht gelb. Und in dem Zimmer am Ende des Flurs deutet nur ein Fläschchen Nagellack darauf hin, dass Kowalski hier schläft. Das schmale Bett ist gemacht, ein massiver Schrank nimmt den dunklen Raum ein. „Der gehört Frau Leni“, sagt Kowalski. Ihre eigenen Sachen liegen in einem Stoffregal hinter der Tür.

    250 Euro pro Woche Lohn

    Aberles Söhne beteuern, Kowalski und ihre Kollegin illegal anzustellen, weil es ihnen so besser gehe. „Wir haben Bekannte, die eine Polin über eine Agentur haben. Was da abgezogen wird, da wird einem schlecht.“ Einmal in der Woche heben sie Geld von Leni Aberles Konto ab und bringen es ihr vorbei. Die Seniorin versteht nicht, wie schlecht sie Kowalski entlohnt. Wie wenig 250 Euro pro Woche für eine Mutter sind, die die Schule der Tochter, Miete und Strom bezahlen muss: „Die Nadia, die kann ja von ihrem Geld kaufen, was sie will. Aber meistens kauft sie sich nichts. Ich bekomme ja selbst nur 100 Euro Rente.“ Pflegegeld beziehe sie nicht, sagt Aberle. Dabei stünde einem Menschen mit ihren Einschränkungen der höchstmögliche Betrag zu: 728 Euro im Monat.

    Ob Kowalski manchmal wütend ist, weil sie für so wenig Geld so hart arbeiten muss? Ob es vorkommt, dass sie den Putzlappen in die Ecke schleudern möchte? Dass sie Aberle anschreien will? Kowalski sagt, was sie sonst nie sagt: „Nein.“ Frau Leni sei alt und krank. Niemals würde sie deshalb etwas Schlechtes über ihre Chefin denken. „Aber mein Wunsch ist, ich kann in Polen leben und mein Brot verdienen.“

    Nach dem Abendessen hat Aberle die Schiene für die gebrochene Hand abgelegt. Ein blassrosa Strich läuft ihren Arm hinauf. Er zittert. Kowalski verteilt Creme auf der Stelle, in langsamen Bewegungen. Die alte Frau beginnt zu weinen. „Ich bin jetzt seit 2014 nicht mehr unter Leuten“, sagt sie. „Nix kann ich selbst machen. Grad mal mein Gebiss krieg ich noch raus.“ Kowalski streicht ihr über den Arm: „Frau Leni, nicht weinen! Frau Leni, fröhlich sein.“ Die Tränen laufen weiter.

    Das gelbe Haus ist auch für Aberle ein Gefängnis. Es schmerzt sie umso mehr, weil ihr altes Leben nur wenige Meter entfernt liegt. Bis zum Rathaus, in dem sie putzte, sind es nicht einmal 50 Schritte. Die Wirtschaft mit dem besten Sonntagsbraten liegt die Straße hoch, am Waldrand. Für die 89-Jährige eine unüberwindbare Entfernung. Auch Kowalski vermisst den Wald. Daheim, in Polen, geht sie täglich spazieren, oft mit ihrer Tochter. Jeden Abend schreibt sie ihr: „Wie ist die Schule?“, „Das Wetter?“, „Ich vermisse dich.“

    An diesem Sonntag sitzt sie mit ihrem Tablet am Rand des Sofas. Bloß nicht zu weit weg von Aberle, die im Sessel Tatort guckt. Die Füße legt Kowalski nicht hoch, die Kissen lässt sie unberührt. So ist es leichter aufzustehen, um die Schnabeltasse mit Früchtetee zu füllen oder Tabletten zu zerkleinern. Auf Facebook teilt sie ein Video aus ihrem Heimatdorf. „So kann ich bei euch sein“, schreibt sie auf Polnisch darunter.

    Bis sie wirklich daheim sein wird, müssen 48 weitere einsame Tage vergehen. Dann wird der Fiat ihres Bekannten vor dem gelben Haus parken. Kowalski wird zur Hecke gehen und dann durch das Tor. Sie wird einsteigen, ohne sich umzusehen. Nach zehn oder elf Stunden Autofahrt werden die Felder vorbeiziehen, die nach Heimat riechen. Die beiden Straßen des Ortes werden zusammenlaufen, und Kowalski wird endlich das Gefühl haben, gleich zu Hause zu sein.

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